Montag, 12. Dezember 2016

Andreas Laufhütte





** Follow me to hell **

von

~ Andreas Laufhütte ~

Horror Novelle 


Hier bekommt ihr schon mal einen kleinen Einblick in das neueste Werk von Andreas, welches wahrscheinlich Ende Januar 2017 erscheinen soll.
Eine spannende und sehr gelungene Leseprobe, wie ich finde.



Prolog 

Ted, genannt Teddy, und Marcus waren beste Freunde. In diesem Sommer waren beide acht Jahre alt geworden, Marcus vier Tage früher als Teddy. Dieser war ein Einzelkind, worum ihn Marcus just in diesem Moment mehr als beneidete.
Eigentlich hatten sie an diesem Tag Anfang Juni, der gleichzeitig auch der erste Sommerferientag war, geplant, gemeinsam mit ein paar anderen Jungs runter zum See zu radeln. Einfach nur abhängen, cooles Zeug reden und eventuell sogar ein bisschen mit den Füßen direkt am Ufer durchs Wasser zu marschieren. Weiter durften sie von ihren Eltern aus auch nicht in den See hinein, nicht einmal diejenigen, die schwimmen konnten, was bis auf Teddy jeder Junge der Klasse war. Teddy machte sich nichts draus, dass er des Schwimmens nicht mächtig war und er machte auch keinen Hehl daraus, dass er es nicht lernen wollte, weil er einfach Schiss vor tiefem Wasser hatte.
„Wisst ihr, was da alles tief unter der Oberfläche lauern kann?“, fragte er dann immer wieder und er meinte das wahrlich ernst; daran ließ sein Gesichtsausdruck keinen Zweifel. „Irgendwann ziehts euch einfach da runter. Und dann platzen eure Lungen wie son dummer Ballon auf dem Jahrmarkt.“
Ja, genau das waren Teddys Worte, wenn jemand versuchte, seine Apathie vor Wasser ins Lächerliche zu ziehen.
Und nachdem sich irgendwann auch der letzte aus der Klasse damit abgefunden hatte, dass ein Darüberherziehen an Teddy abprallte wie ein mickriger Kiesel an einem Baumstamm, sagte niemand mehr etwas darüber. 
Der See war wirklich tückisch. Das war auch der Grund, warum niemand drin schwimmen durfte. Nicht irgendwelche Monster, wie Teddy prophezeite, sondern es waren die Wassertemperatur und das steil abfallende Ufer, wenn man sich weiter als zwei Meter vom Wasserrand entfernte.
Die Leute im Ort sagten, dass es nach zwei Metern so tief runter ginge, dass selbst ein erfahrener Taucher nicht so tief hinab käme. Diese Vorstellung hingegen fand auch Marcus mehr als gruselig. Er hatte sich einmal vorgestellt, dort hinabzusinken, immer tiefer, an einem steilen, glitschigen Felsen entlang, aus dessen Löchern und Spalten immer wieder etwas nach ihm griff. In der darauffolgenden Nacht hatte er genau von dieser Situation geträumt und es war einer der schlimmsten Albträume gewesen, die er bis dahin gehabt hatte. Und Albträume bei einem Achtjährigen waren wahrhaftig nicht selten.
Ein weiterer Grund für die Tücke des Sees war besagte Wassertemperatur. Diese war in der Nähe des Ufers angenehm. Einfach herrlich. Und so zog es sich bis in die Mitte. Doch dazwischen gab es Stellen – kleine, unscheinbare Strömungen, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen waren –, die dermaßen kalt waren, dass es einem den Herzmuskel zusammenpresste, als wäre dieser eine überreifereife Tomate.
Und genau an jenem lebensgefährlichen See wollten sie den heutigen ersten Ferientag verbringen. Doch anstatt mit mehreren Jungs, fuhren Teddy und Marcus gemeinsam mit Marcus‘ jüngerer Schwester Christin über den holprigen Waldweg, der zum Lake Tahoe führte.
Marcus hasste es, wenn er Babysitter spielen musste. Seine kleine Schwester war wie eine Klette und wenn sie dabei war, dann könnte man den Tag genauso gut zuhause im Bett verbringen. Zusammen mit einer Krankheit. Das hätte den Vorteil, dass man wenigstens von Ma bemuttert wurde.
Marcus lenkte sein Rad über den Waldweg. Er fuhr extra langsam, damit Christine auch mitkam. Hinter sich hörte er sie auf ihrem bekloppten Mädchenfahrrad mit diesem Glöckchen, das ständig Geräusche von sich gab, wenn das Rad auch nur über eine winzige Unebenheit im Boden fuhr. Und das passierte auf diesem Weg sekündlich.
Ping … ping … ping … ping … ping … Immerzu!
„Marcus! Fahr nicht so schnell!“, rief sie.
Teddy war inzwischen hinter einer Kurve verschwunden, so weit fuhren sie auseinander. Warum hatte Ma ausgerechnet heute ihren Termin haben müssen?
„Du musst dich heute einmal um deine Schwester kümmern, mein Großer!“
Als hätte er nichts Besseres zu tun.
„Marcus, nicht so schnell!“ Ping … ping … ping …
Marcus trat etwas fester in die Pedale und grinste breit.

* * *

Der Mann hatte sein Paket unmittelbar am Waldrand, der an der Lichtung zum See grenzte, abgelegt. Er schwitzte und es gab vermutlich nicht eine Stelle an seinem Körper, die nicht nass war.
Das Paket bestand aus einer in Frischhaltefolie eingewickelten Kinderleiche. Um die Folie herum war an einigen Stellen – Hals, Becken und Füße – zusätzlich Klebeband gewickelt, um ein Öffnen und Auslaufen zu verhindern. Die Leiche selbst war nur anhand ihrer Form zu erkennen. Auf der Innenseite der Folie hatte sich ein Blutfilm gelegt, der jeglichen Blick auf den Körper verhinderte.
Der Mann nahm die beiden Zehn-Kilo-Hantelscheiben aus dem Rucksack, den er neben der Leiche abgestellt hatte. Er legte sie übereinander und schlang eine Metallkette durch die Löcher der Gewichte. Das andere Ende würde er mithilfe eines Bügelschlosses um die Beine der Leiche befestigen. Der See würde dann den Rest übernehmen.
Er sah hinüber zum Wasser, dessen Oberfläche in der Sonne glänzte, so dass es in den Augen schmerzte. Für einen Augenblick überkam ihm das Bedürfnis, sich abzukühlen, doch würde das zu viel Zeit in Anspruch nehmen.
Hier am See war zwar nie etwas los – es herrschte aufgrund von irgendwelchen Temperaturschwankungen ein absolutes Badeverbot –, aber man musste ja nichts riskieren. Er malte sich aus, was wäre, wenn eine zufällig vorbeischlendernde Touristengruppe den See entdecken und auf die Lichtung kommen würde. Sie würden ihn im Wasser sehen, freundlich lächeln und winken. Und dann würde einer von ihnen das Paket entdecken und ihn zum Handeln zwingen.
Sanft berührte er den Knauf des schweren Revolvers, der an seinem rechten Oberschenkel hing. Nein, darauf stand ihm gerade wahrlich nicht der Sinn.
Er nahm das Teppichmesser aus dem Rucksack, fuhr die Klinge aus und begann damit, die Folie aufzuschneiden. Denn sollten sich Fäulnisgase bilden, dann würden die Zwanzig Kilo der Hantelscheiben selbst dieses leichte Gewicht nicht mehr am Boden des Sees halten.
Er setzte das Messer am Hals an, schnitt einmal um diesen herum, um dann den Schnitt über den Brustkorb bis hinunter zum Schritt zu machen. Die Beine öffnete er in gleicher Abfolge. Er entfernte die Folie, die sich mit einem schmatzenden Geräusch vom Körper löste. Das Geräusch klang genauso, wie das Geräusch der Haut, als er diese vom Körper gezogen hatte. Dieses hatte er allerdings wesentlich langsamer gemacht, damit das Mädchen nicht ohnmächtig wurde. Sowas mochte der Kunde nämlich nicht. Selbst als er ihr zum Schluss das Gesicht abgezogen hatte, war sie bei Bewusstsein gewesen. Er war stolz auf sich.
Gerade als er das letzte Stück der Folie entfernt hatte, vernahm er ein leises Geräusch, das aus den typischen Waldgeräuschen emporstach. Er stand auf und lauschte. Da, wieder: ping … ping … ping …
Ganz leise nur. Eine leichte Weihnachtsassoziation entstand in seinem Kopf. War das wirklich ein Glöckchen, das er da hörte?

* * *

„Marcus, bitte nicht so schnell! Ich komm doch nicht mit!“ Christin weinte – obwohl sie dieses eigentlich gar nicht wollte, weil sie es doof fand, vor ihrem Bruder zu weinen – und trat so fest in die Pedale, wie es ihre kleinen Beine erlaubten. Der Vorderreifen ihres Fahrrades schlug seitlich gegen eine Wurzel, die, wie der Knochen eines Dinosauriers, aus dem Boden ragte. Beinahe hätte sie das Gleichgewicht verloren.
Das Glöckchen an ihrem Lenker, das sie von Mum und Dad zum fünften Geburtstag bekommen hatte, bimmelte erbost.
„Marcus! Bitte!“ Doch ihr Bruder war bereits um die nächste Ecke zwischen dichten Bäumen verschwunden.
Jetzt nur nicht aufgeben, dachte sie bei sich und trat noch ein bisschen fester. Der leichte Gegenwind kühlte ihr rotes Gesicht ein wenig ab. Sie ließ den Mund geschlossen, denn sie wusste, wie schnell es passieren konnte, dass man bei so schnellen Fahrten ein Insekt in den Mund bekommen konnte. Allein bei dem Gedanke daran, musste sie sich schütteln.
Was würde passieren, wenn sie Marcus und Teddy nicht wiederfand? Würde sie jemals allein aus diesem Wald herausfinden? Ihr Weinen wurde stärker und ihre Beiden Zöpfe, die Ma ihr heut früh geflochten hatte, schlugen ihr auf die Schulter.
„Chris, beeil dich! Du lahme Ente!“, hörte sie Marcus‘ Stimme. Und obwohl er sie eine lahme Ente genannt hatte, freute sie sich.

* * *

Der Mann war hinter einem Baumstamm in Deckung gegangen. Das Teppichmesser lag auf dem aufgehäuften Folienberg und die gehäutete Leiche lag im Schatten eines Baumes.
Etwa hundert Meter von seiner Position entfernt, waren zwei Jungs mit Fahrrädern aufgetaucht. Einer der beiden drehte sich jetzt um und rief in den Wald: „Chris, beeil dich.“ Und dann noch irgendwas mit einer Ente. Es war also noch jemand im Wald. Also mindestens drei Kinder. Der Mann wartete und kurz darauf tauchte ein weiteres Fahrrad auf.
Ping … ping … ping … ping! Dann Stille. Da war das Glöckchen.
Der Mann musterte das kleine Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen, die jetzt einem der Jungs einen Schlag gegen die Schulter gab. Dieser schimpfte, was der Mann aber nicht verstehen konnte, weil irgendein Vogel über dem See kreischte.
Die drei stiegen von ihren Rädern, ließen sie ins Gras fallen und gingen zum Wasser. Dabei zog der Größere von ihnen die Schuhe aus und hockte sich ans Ufer. Der andere und das Mädchen taten es ihm kurz darauf gleich.
Der Mann betrachtete das Mädchen genauer, musste allerdings seine Augen ein wenig mit der Hand abschirmen, damit ihn der See nicht blendete.
Die Kleine wäre perfekt! Genau der Geschmack des Kunden. Die Jungs waren uninteressant; der Kunde stand nur auf Mädchen. Je jünger, desto besser.
Er würde definitiv im Ort Ausschau nach ihr halten.
In diesem Moment drehte sich einer der Jungs um und entdeckte ihn.

* * *

„Scheiße, da hockt jemand.“
Marcus drehte sich in die Richtung, in die Teddy guckte.
Christin schien von dem Ganzen nichts mitbekommen zu haben und tauchte gerade einen ihrer Füße ins Wasser. „Uhhh, ist das kalt.“ Sie lachte.
„Wo hockt jemand?“, fragte Marcus.
Teddy stand langsam auf und blickte hinüber zum Waldrand. „Jetzt seh ich ihn nicht mehr. Aber da vorne hat grade jemand gehockt und hier rüber geguckt.“
Marcus hatte sich ebenfalls erhoben, während Christin ihren anderen Fuß im Wasser verschwinden ließ.
„Vielleicht war es ein Tier.“
„Nein, es war ein Mensch. Ganz sicher.“
Marcus betrachtete die einzelnen Bäume, das dichte Unterholz zwischen den Stämmen. Er strengte sich an, doch war da definitiv nichts, das einem Mensch auch nur ansatzweise ähnlich gesehen hätte.
„Hey, was macht ihr da?“, fragte Christin.
„Vielleicht sollten wir mal hingehen“, schlug Teddy vor.
Marcus wurde mulmig im Bauch. „Und wenn es wirklich jemand war? Ich meine, jemand Fremdes? Ma hat uns verboten, mit Fremden zu sprechen.“
„Was macht ihr da, Marcus?“ Wieder Christin.
„Vielleicht war es ja kein Fremder“, sagte Teddy.
„Und warum versteckt er sich dann?“

* * *

Der Mann lag ganz flach auf dem Bauch und fluchte in sich hinein. Ob der Kleine ihn erkannt hatte? Erst jetzt stellte er fest, dass er seinen Revolver fest umschlungen hatte. Der lange Lauf lag kühl an seiner Wange. Wenn sie herkamen, musste er sie erschießen. Obwohl, drei tote Kinder am See? Vermutlich wussten ihre Eltern, dass sie hierher unterwegs waren. Somit würden die Cops auch hier zuerst suchen. Und er konnte nicht mal eben vier Leichen verschwinden lassen.
Er keuchte und der Schweiß tropfte von seinen Haarsträhnen. Erschießen war also nicht die beste Option. Also musste er von hier verschwinden, bevor sie ihn erkannten. Doch was würde dann aus der Leiche werden? Er blickte hinüber zu dem nackten Körper. Es hatten sich doch tatsächlich schon einige Fliegen darauf niedergelassen. Dabei konnte man noch gar nichts riechen.
Langsam bewegte er seinen Körper zurück. Irgendetwas krabbelte über seinen Nacken, doch das interessierte ihn jetzt nicht. Er musste von hier verschwinden. Sollten sie die Leiche doch entdecken.
Besser eine Leiche als vier. 
Er hob den Kopf an und sah, dass die beiden Jungs in seine Richtung kamen. Ziemlich schnell sogar.
Der Griff um die Waffe wurde fester. Ihm kam ein Gedanke. Instinktiv griff seine Hand in den Rucksack, wühlte kurz und fand die Maske. Er legte den Revolver beiseite und zog sie über den Kopf. Es war eine SM-Gummimaske. Als sie dicht auf seinem Gesicht lag, schloss er den Reißverschluss am Mund.


* * *

„Da am Baum glänzt irgendwas.“ Marcus deutete mit dem Stock, den er zuvor aufgehoben hatte – sicher war sicher, wer wusste schon, gegen wen er sich gleich verteidigen musste – in Richtung des Waldrandes. Bedrohlich blickten die Baumkronen auf sie herab. Bleibt weg!, schienen sie zu brüllen.
Jetzt kam auch Christin angerannt und zupfte Marcus am Shirt. Beinahe hätte er vor Schreck aufgeschrien.
„Was habt ihr vor?“, fragte sie leise.
„Bleib hinter mir“, sagte ihr Bruder nur und drückte sie mit der freien Hand hinter seinen Rücken. Dabei kam er sich ein bisschen stolz vor. Der große Bruder, der seine kleine Schwester beschützte.
„Da liegt tatsächlich was.“ Teddy blieb stehen. Mit zusammengekniffenen Lidern versuchte er, schärfer zu sehen. Irgendetwas glänzte dort im Sonnenlicht.
„Vielleicht sollten wir da doch nicht hingehen, Teddy.“ Das unangenehme Bauchgefühl breitete sich bis in Marcus‘ Beine aus. Sie fingen zu kribbeln an und es war mehr als schwer, dem Drang sie zu kratzen, zu widerstehen. In seinem Hals entstand ein Kloß, den er eigentlich nur vom Weinen her kannte.
„Ich will aber wissen, was das ist“, flüsterte Teddy.
„Und was ist mit dem Typen, den du gesehen hast?“
Christin zupfte wieder an seinem Shirt: „Was denn für ein Typen, Marcus?“
„Sei mal einen Moment still, Chris.“
„Aber Mama hat es verboten, dass wir mit Typen sprechen.“
Teddy drehte sich zu ihr um. Und obwohl er ein paar Tage jünger war als ihr Bruder, so war er doch einen Kopf größer. „Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte er leise. „Ich dachte, ich hätte da grad einen gesehen. War aber wohl nur ein Schatten.“
„Und was glitzert da so?“
„Das wollen wir uns ja jetzt ansehen.“
Langsam näherten sie sich dem Waldrand. Marcus hatte das Gefühl, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen, doch das konnte er natürlich nicht zugeben. Was würde seine Schwester von ihm denken, wenn er hier wie ein kleines Weichei ins Gras spucken würde?
„Oh Gott“, hörte er Teddy murmeln. „Das ist ne tote Leiche.“
Noch bevor Marcus antworten konnte, trat etwas Großes aus dem Schatten zwischen den Bäumen hervor.
Christin kreischte, Teddy wich einen Schritt zurück und prallte gegen Marcus.
Direkt am Waldrand stand ein gewaltiges Monster mit einem schwarzen Kopf und schwarzen Augen. Marcus sah einen riesengroßen Revolver, den das Monster jetzt hob und damit in ihre Richtung zielte.
„Los, weg hier!“, brüllte er, fasste seine Schwester, die immer noch schrie, am Oberarm und riss sie herum.
Auch Teddy rannte los, fiel beinahe über die eigenen Beine, konnte sich aber noch fangen.
Ein Donnern platzte über die Lichtung. Der Schuss war dermaßen laut, dass ein Schwarm Vögel aus dem Schilf emporstob und wie eine Explosion aus gefiederten Leibern in alle Richtungen flog.
Teddy schrie, als er an Marcus und Christin vorbeirannte. „Der schießt auf uns!“
Marcus wollte schneller rennen, achtete allerdings darauf, dass er Christin immer noch hinter sich herzog, ohne dass sie stürzte.
Wieder ein Knall, beinahe lauter als der erste. Die Kugel durchschlug Teddys Genick und platzte vorne aus seinem Hals in einer roten Fontäne wieder heraus. Sein Kopf klappte nach hinten auf seinen Rücken wie ein Sack, der nach getaner Arbeit über die Schulter geworfen wurde.
Noch immer rannte er weiter, drei, vier Meter, dann schlug sein Körper auf den Boden, der Kopf wurde wieder nach vorn geschleudert und platschte mit einer Wucht auf den Boden, dass die Haut am Hals einriss und er sich gänzlich von den Schultern löste.
Christin schrie. Sie wünschte, Marcus würde sie loslassen, denn der Griff um ihren Arm tat weh und fühlte sich an, als würde er sie gleich zerquetschen.
Wieder ein Knall. Marcus‘ Griff war verschwunden. Zunächst merkte Christin gar nicht, dass sie allein weiter lief. Da waren die Fahrräder, gar nicht mehr weit. Ihr eigenes lag oben auf. Ihr Arm tat nicht mehr weh. Wo war Marcus?
Ohne anzuhalten riss sie den Kopf zurück und sah ihren Bruder auf dem Boden liegen. Sein Kopf war verschwunden und ein dünner, roter Strahl spritzte aus seinem Hals bis fast hinüber zum See.

* * *

Er zielte mit beiden Händen, musste aufpassen, das Mädchen nicht zu treffen. Zum Glück rannten sie ziemlich gerade auf ihre Fahrräder zu. Langsam ließ er die Luft aus seiner Lunge entweichen, dann krümmte sich sein Zeigefinger. Der Kopf des Jungen platzte weg, wie ein Kürbis, den man aus dem dritten Stock auf den Asphalt fallen ließ.
Der Mann lächelte. Dann rannte er los.
Das Mädchen hatte ihr Fahrrad erreicht, sich darauf geschwungen und lenkte das Gefährt in Richtung des Waldweges.
Er musste sich beeilen, sie durfte nicht entkommen.
Gewandt sprang er über die kopflose Leiche des Jungen.
Ping … ping … ping …
Das Glöckchen bimmelte panisch und das Mädchen verschwand im Wald.
Der Mann fluchte, erreichte die Fahrräder, die nie wieder benötigt werden würden und ging in die Hocke. Er hatte noch etwa fünf Sekunden Zeit, bevor das Mädchen hinter der nächsten Kurve verschwunden sein würde.
Noch einmal atmete er ganz ruhig aus.
Drei Sekunden.
Er zielte – Zwei – und drückte ab.