Sonntag, 18. Dezember 2016

Andrew Holland *1*




*** Wie sehr willst Du leben? ***
von
Andrew Holland



Band 1 mit Howard Caspar und seinem Team



Thriller
262 Seiten
erschienen 
am 06.September 2016



Klappentext
»Ich habe sie getötet. Ich habe meine Schwester getötet. Der, nach dem Sie suchen bin ich.«
Ein kleiner Junge, nur in Unterwäsche mitten auf einer verlassenen Landstraße. Welches Geheimnis trägt er mit sich herum? Von wem spricht er, wenn er sagt, er habe jemanden getötet?
Das FBI beschäftigt sich mit der größten Suche nach vermissten Kindern, die Amerika je erlebt hat. Ein irrer Psychopath entführt und tötet Zwillinge. Jedoch immer nur einen von ihnen, der jeweils andere überlebt schwer traumatisiert. Special Agent Howard Caspar vom FBI wird mit seinem Team auf den Fall »Missing Twins« angesetzt. Können sie den Psychopathen rechtzeitig stoppen oder hat er bereits die nächsten Kinder in seiner Gewalt?
»Wenn du überleben willst, muss deine Schwester sterben. Wie sehr willst du leben?«



Leseprobe

1


Zwei große Glaszylinder. Sie stehen parallel zueinander und sind mit Wasser gefüllt. Die Behälter haben ein Fassungsvermögen von jeweils vierhundert Litern und sind ungefähr drei Meter hoch. In die Öffnungen eingelassen liegt ein breites Eisenrohr, das sich in einer Halterung rollend bewegt, aber verankert ist, damit es nicht runterfallen kann. Es verbindet die Zylinder miteinander. Den einen Behälter habe ich mit rosa Lebensmittelfarbe gefärbt, den anderen mit blauer. Welch eine Ironie. Aber ich finde meine Idee ziemlich gut. In mir baut sich eine freudige Erwartung auf. Ich kann das Wasser riechen. Klar und rein wie die Unschuld der Kinder, die sich an dem Stahlrohr festklammern und sich gegenseitig Mut zusprechen. Das Mädchen weint. Balsam für meine Ohren. Mein Herz rast. Ich höre ihnen eine Weile zu, bevor ich mich ihnen zu erkennen geben werde.
»Ich will zu Mama. Hol Mama«, wimmert das Mädchen. Ihr kleiner Kopf mit den blonden Locken taucht kurz im Wasser unter, weil ihr Bruder zu heftig an dem Stahlrohr gedreht hat. Jetzt hat er sich wieder im Griff und starrt mit großen Augen zu seiner Schwester. Die Balance muss gehalten werden. Wenn einer loslässt, dreht sich das Rohr und der andere kann es nicht mehr festhalten.
»Mama ist nicht hier, Hannah. Ich kümmere mich um dich. Dir wird nichts passieren.« Das Rohr hat sich stabilisiert, aber sie werden nicht mehr lange durchhalten können. Zu jung sind ihre Muskeln, zu schwach die kleinen Körper. Sie können mich noch nicht sehen, denn ich sitze im Schatten. Nur über meiner Konstruktion sind zwei lange Neonröhren an der Decke angebracht, die das Schauspiel für mich erleuchten. Ich kann sehen, wie sehr sich der Junge abmüht und mit den Füßen im Wasser tritt. Ich kann ihn atmen hören. Schwer und pfeifend. Ein Gefühl der Macht durchströmt meinen Körper, als ich aufstehe und mich zu erkennen gebe. Beide Kinder starren mich an. Für einen Moment glaube ich, dass mein Experiment um Leben und Tod zum Scheitern verurteilt ist, denn David lässt das Rohr fast los.
»Du darfst nicht loslassen, Hannah. Hörst du? Lass nicht los«, schreit der Junge. Unterhalb seiner Beine sehe ich eine Verfärbung des Wassers. Er hat vor Angst uriniert. Der Urin vermischt sich mit der blauen Lebensmittelfarbe und bald ist nichts mehr von dem kleinen Missgeschick zu erkennen. Im Blick des Mädchens flammt kurz Hoffnung auf. »Helfen Sie uns, ich kann mich bald nicht mehr halten«, schreit sie. Ich wische mir mit einem Taschentuch über den Mund und lächele sie freundlich an. Die Maske, die mein halbes Gesicht bedeckt, raubt mir den Atem. »Wie sehr möchtest du leben, David?« Ich beobachte, wie sich seine Brauen fragend zusammenziehen. Sein Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse. Er versteht nicht. Ich wende mich an Hannah. »Wie sehr willst du leben, Hannah?«
»Was soll die Fragerei? Holen Sie uns hier raus. Wenn einer von uns …«, schreit David.
Ich muss kichern. Ich nehme mein Taschentuch, das ich immer in der linken Hand bereithalte, und halte es mir vor den Mund, um hineinzulachen. Als ich noch ein Kind war, in dem Alter wie David und Hannah es jetzt sind, hat mir das Taschentuch immer geholfen, meinen hässlichen Mund zu verbergen. Meine Mom hat immer gesagt: »Das ist die Strafe Gottes, dass ich gesündigt habe. Die Strafe Gottes bist du.« Ich habe es nie verstanden. Wie oft wurde ich gehänselt, wie oft habe ich mich gefragt, warum ich meine Mom so enttäuscht habe. Es gab nie eine Antwort darauf. Ich habe vor dem Spiegel gesessen und versucht, mit Zeigefinger und Daumen die Lippe zusammenzuziehen, so dass mein Mund für einen Moment dem Maul eines Fisches glich, aber die Narbe konnte ich damit nie unsichtbar machen. Manchmal habe ich mich selbst so lange auf den Mund geschlagen, bis die feine Haut aufgeplatzt ist und ein Rinnsal dünnen Blutes über mein Kinn tropfte. Dann sah ich aus, wie ein Monster. Das Monster, das ich nie sein wollte ...
Hannahs Schrei holt mich aus meiner Gedankenwelt zurück ins Geschehen. Das passiert mir in letzter Zeit öfter, dass ich plötzlich für einen kurzen Moment in meiner Vergangenheit festsitze. 
»Ich wiederhole meine Frage noch einmal, Hannah. Wie sehr willst du leben?«
»Bitte. Helfen Sie uns doch. Wir sagen es auch niemanden.«
Ein glucksendes Geräusch kommt aus meinem Zwerchfell. Ich muss das Lachen unterdrücken und trete näher an den Glaszylinder heran, so dass ich meinen Kopf nach hinten legen muss, um den Jungen anzusehen.  »Siehst du die Kurbel an deiner Seite, David?« Ich warte, bis er hinsieht und dann nickt. »Ich kann sie drehen. Dann werdet ihr entweder lange genug die Hände um das Rohr legen können, um euch voneinander zu verabschieden, oder ihr werdet nacheinander ins Wasser plumpsen und ertrinken.« Ich lasse meine Worte auf sie wirken. David zieht die Augenbrauen nach oben. Hannah schreit und strampelt heftig im Wasser umher. »Ich kann euch aber auch die Entscheidung überlassen, wer von euch beiden überlebt. Der erste, der das Rohr dreht, hat über den Tod des anderen entschieden. Also, Hannah. Wie sehr willst du leben?« Ich bin aufgeregt. So aufgeregt, wie bei meinem ersten Weihnachtsfest, an das ich mich zurückerinnern kann. Ich habe tatsächlich geglaubt, meine Mom würde uns einen schönen Morgen unter dem Baum bescheren. Sie würde Truthahn braten, Maisbrot backen und Kartoffeln grillen. Ich hatte mir eine Actionfigur gewünscht. In der Nacht konnte ich kaum schlafen. Doch als ich am Morgen in das Wohnzimmer kam, gab es keinen Weihnachtsbaum und auch meine Mom war nicht mit einer Schürze bekleidet in der Küche und kochte für uns. Es roch sauer und gleichzeitig süß. Ich habe sie überall im Haus gesucht und wollte wissen, wann ich meine Geschenke auspacken dürfte. Erst in ihrem Zimmer wurde mir klar, dass es kein Weihnachtsfest für mich geben würde. Niemals.
Angestrengt hole ich mich zurück in die Gegenwart. Ich darf nicht ständig zurückgehen. Nicht jetzt.
»Was redet der Mann da? Wird er uns nicht helfen?«, fragt Hannah atemlos. Sie hat kaum noch Kraft. Ihre Lippen sind blau angelaufen. Das Wasser ist eiskalt. Ich kann hören, wie ihre Zähne aufeinander klappern. »Nichts, Hannah. Es kommt bald Hilfe«, sagt David ganz ruhig und fixiert mich mit seinen Blicken. Er muss immer wieder gegen das Herumrollen des breiten Rohres ankämpfen. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. Ich nehme mir vor, ihn noch etwas unter Druck zu setzen. »Wie sehr willst du leben, David?«, schreie ich so laut, dass meine Lippen flattern und ich gegen das Glas spucke.
»Hör nicht hin, Hannah«, sagt David mit zittriger Stimme. Er will stark sein. Ob er das für seine Schwester tut oder für sich selbst ist nur eine Frage der Eigenliebe. Jeder liebt sich mehr als alles andere. Wenn ich schon höre, wenn sich Liebende zuflüstern, dass sie jemanden mehr als sich selbst lieben. Oder Mütter ihren Säuglingen in die kleinen Ohren raunen, sie würden sie mit ihrem eigenen Leben beschützen, wenn es sein müsste. Bullshit. Jeder ist sich selbst der Nächste. Das ist einfach so. Purer Überlebensinstinkt. 
Ich kann die Tränen sehen, die aus Hannahs Augen laufen. »Jetzt weiß ich es. Sie sind ein böser Mensch«, sagt sie schwach. Ich bin kurz davor, wieder zu lachen, aber ich kann es gerade so zurückhalten. »Vielleicht sollte ich deine Schwester fragen, David. Glaubst du, sie ist willensstärker?«
»Hören Sie auf. Wir ertrinken. Bitte helfen Sie uns, sonst sterben wir. Bitte!«, bettelt David. In mir rührt sich ein Gefühl. Tief in meinem Bauch oder ist es in meiner Brust? Ich kann es nicht orten. Ich weiß nur, dass es ein warmes Gefühl ist. So ein bisschen, wie wenn man sich auf ein Ereignis freut oder einen Film, auf den man die ganze Zeit gewartet hat. »Wie sehr willst du leben, David? Antworte mir doch einfach.«
»Sehr. Ich will sehr leben. Und meine Schwester auch. Hören Sie endlich auf. Das ist nicht lustig. Holen Sie uns raus und wir werden nichts sagen.« David hat scheinbar schon Erwachsenenfilme geguckt. Er hört sich an, als wäre er zwanzig und nicht erst zehn. Ich bin befriedigt. David hängt an seinem Leben und dem seiner Schwester. Es wird interessant werden, was passieren wird. Eigentlich weiß ich es schon. Es sind immer die Jungen, die überleben. Immer. Bis heute habe ich nicht herausgefunden, warum es den Mädchen leichter fällt, ihr Leben gegen den Tod einzutauschen. Voller Vorfreude sehe ich auf meine Uhr. Es dauert nicht mehr lange. Sie hängen schon mehr als zwanzig Minuten an dem Rohr. Das Wasser ist so kalt, dass ihre Muskeln schlappmachen werden. Dann wird es sich anfühlen, als wäre ihnen zu heiß und sie werden glauben, ich hätte heißes Wasser hinzugefügt. Die Haut wird brennen und jucken, und ehe sie sich versehen, wird einer loslassen. Und dann bin ich da.
»Daveeeee, ich kann nicht mehr«, ruft Hannah erschöpft. Ich gehe näher an den Behälter. Wenn sie loslässt, ist David gerettet. Wird es das erste Mal sein, dass ein Mädchen entscheidet und sich freiwillig opfert? »David, wie sehr willst du leben? Du kannst es entscheiden. Du kannst überleben.« David presst die blauen Lippen zusammen. Er weint, aber er will nicht, dass ich es bemerke, deshalb kneift er die Augen zusammen. Seine Hände sind blau vor Kälte.
»Du oder sie?«
Er schreit. Sehr lange. Ich beobachte sein Gesicht, ich sehe, wie ein Schuh von seinem Fuß auf den Grund des Behälters segelt. Die Schnürsenkel gleiten sanft durch das Wasser. Mit einem leisen Poltern kommt er auf dem Boden auf. Es klingt blechern.
»Entscheide dich, wie sehr du leben willst, David. Hannah ist am Ende ihrer Kräfte aber sie kämpft um dich. Sieh doch nur. Die kleine hübsche Hannah. Ihre Augen fallen immer wieder zu. Wer soll leben? Du oder Hannah? DU ODER HANNAH?« David wirft einen Blick zu seiner Schwester. Mit letzter Kraft umklammert sie das Rohr und sieht ihn erschöpft an. Dann entscheidet sie sich. Sie lässt los. Sie sackt nach unten. Das alles passiert innerhalb von Sekunden. Ich sehe zu, wie Hannah unter Wasser schreit und versucht, nach oben zu schwimmen, aber der Zylinder ist so schmal, dass er keine Schwimmbewegungen zulässt. Ihre Haare wehen um ihren Kopf. Wild und anmutig sieht sie aus, wie sie mich in ihrem Todeskampf anstarrt.
Ich klettere die Leiter nach oben, greife Davids Hand und entriegele die Konstruktion. Schließlich ziehe ich ihn aus dem Tank. Zusammen erreichen wir den Boden und ich halte ihn umklammert und zwinge ihn dazu, seine Schwester zu betrachten.
»Neiiiiin«, kreischt er und will sich aus meiner Umarmung befreien. »Sieh hin. Sie hat sich entschieden. Sie wollte, dass du lebst.« Hannah öffnet den Mund, Blasen treten aus, sie schluckt Wasser, greift nach David. Ihre Finger sind offenbar so eiskalt, dass die Hand sich verkrümmt und so aussieht, als würde sie auf ihren Bruder deuten. Das ist es. Dieses Bild wird sich für immer in seinen Kopf einbrennen. David zappelt nicht mehr. Er lässt die Schultern hängen, weint laut. Sehr laut, während Hannah vor ihm stirbt. Ein letztes Zucken geht durch ihren Körper. Dann schwebt sie wie ein Engel im Wasser.    

2


»Alles Verbrecher, diese arroganten Wixer.« Peter Mallow dreht das Radio lauter. Johnny Cash plärrt ihm mit »Burning Ring of fire« entgegen. Das war noch Musik. Nicht dieser Teenie Müll, wie die von Mira Cyrrus oder der andere, dessen Name ihm nicht mehr einfällt. Er dreht die Musik noch weiter auf und singt den Refrain laut mit, während sich sein Ford Pick Up durch die schmale Landstraße pflügt, an dessen Seiten sich rechts und links seine Maisfelder befinden. Die Ernte steht kurz bevor. Dicke, gelbe Maiskolben hängen von den Stauden und verwehren den Blick ins Innere der Felder. Trudy ist auf die Idee gekommen, mit einem Pharmahändler über die Ernte zu sprechen.
»Die haben Kohle. Die brauchen unseren Mais, um ihn Gähnteschnich (sie meint natürlich Gentechnisch) zu verändern«, hatte sie gesagt und ihre  Schürze mit Blumenmuster um ihre breite Hüfte gebunden.
»Das finde ich nicht okay. Ich will unseren Mais nicht für diese Wixer anbauen«, hatte Peter gesagt, aber wie immer hat Trudy gewonnen. Wie immer hat er das gemacht, was seine Frau ihm geraten hatte. Und jetzt ist er auf dem Rückweg aus der Stadt und froh, dass er das Angebot abgelehnt hat. Trudy wird es verstehen.
Der Sommer ist fast vorbei. Es ist einer jener Abende, an denen die Luft erwartungsvoll flimmert und auf Reinigung wartet. Der Boden ist staubtrocken, so dass der Pick Up eine weiße Staubwolke hinter sich herzieht. Peter kann es im Rückspiegel sehen. Auf seine Frontscheibe klatschen Insekten. Es macht ein ploppendes Geräusch. Das weiß er, obwohl die Musik es übertönt. Peter sprüht Reinigungswasser auf die Scheibe und betätigt den Scheibenwischer. Ich muss sie unbedingt endlich auswechseln, denkt er, nachdem die Scheibe verschmiert ist. Der orangefarbene Himmel wölbt sich über ihm und ein Maler würde sicherlich ein beeindruckendes Bild erschaffen. Peter kennt die Farben, den Geruch des Sommers. Er sieht es jeden Tag und kann dieser Aussicht nichts mehr abgewinnen.
Peter trällert den Refrain laut mit. Seine eigene Stimme klingt in seinen Ohren absonderlich, aber er ist ja alleine im Wagen. Niemand kann ihn hören, also ist es egal, wie schief sich seine Stimme anhört.Wie ein kurzer Anfall seines Beines und als Reaktion seines Gehirns gleichzeitig, tritt Peter auf die Bremse, als etwas auf die Fahrbahn stolpert. Sein Wagen kommt schief zum Stehen. Verfluchte Hühnerkacke! Peter will aus dem Fenster schreien, aber als er sich die Gestalt genauer ansieht, erkennt er einen zusammengekrümmten kleinen Jungen in Unterwäsche, ohne Schuhe. Er liegt auf der Straße in Embryohaltung. Peter schaltet den Motor aus, springt aus dem Wagen und rennt zu dem Kind, das plötzlich den Kopf hebt und ihn panisch anstarrt. Jetzt erst sieht Peter Kratzer im Gesicht von den scharfen Maisblättern. Peter erkennt an den tiefen Schnitten am Körper, dass der Junge fast nackt durchs Maisfeld gerannt sein muss. Plötzlich, gerade als Peter sich nach ihm bücken will, springt das Kind auf und rennt zurück ins Maisfeld. Dabei stößt er tierische Laute aus. Peter rennt ihm nach und ist, trotz seines Übergewichtes, weshalb Trudy ihn auf Schonkost gesetzt hat (aber er weiß natürlich, wo sie die Leckereien vor ihm versteckt, also ist ihr Vorhaben sinnlos), recht schnell, um den Jungen an seinem Unterhemd zu greifen und seinen Arm um seinen Oberkörper zu schlingen. »Ganz ruhig, Junge. Ganz ruhig«, macht Peter und spürt, wie ihm der Schweiß von der Stirn in die Augen rinnt. Mücken stürzen sich auf ihn, aber die winzigen Stiche stören ihn im Moment nicht. Sein Herz klopft wild und er kann den Herzschlag des kleinen Jungen an seinem Arm spüren. Wieder stößt der Junge Schreie aus, die ihn an seine Schweine im Stall erinnern, wenn es Futter gibt. Aufgeregt. Panisch. Peter hält den Jungen weiterhin fest. Zunächst wehrt er sich, bis er schließlich in seinem Arm erschlafft und auf dem Boden zusammenklappt. Peter muss sich runter beugen, bis er sich setzt und den Jungen in seinen Armen hält. Eine Weile sitzen sie auf dem Boden und bilden die perfekte Nahrungsquelle für die Mücken, die um sie herum schwirren. Es wird bald regnen, denkt Peter. Er glaubt, dass der Junge Zeit braucht und dann kann er sich darum kümmern, was er tun soll. Trudy wird ihm etwas Eintopf zu essen geben. Sie werden darüber nachdenken, wen sie anrufen sollen.
Leider war es Trudy und Peter nicht vergönnt, Kinder zu bekommen. Es hat einfach nicht funktioniert. Der Arzt hatte ihnen gesagt, sie seien nicht kompatibel. Blödsinn. Trudy ist sein ein und alles. Natürlich sind sie kompatibel. Aber er ist gar nicht so unglücklich darüber, dass es nie geklappt hat, denn für ihn sind Kinder immer schon fremdartige kleine Wesen gewesen. Warum er gerade jetzt darüber nachdenkt, weiß Peter nicht. Aber wenn er nicht gleich von den Mücken komplett aufgefressen werden will, sollte er mit dem Jungen nach Hause fahren.
»Ich habe sie umgebracht.« Seine Stimme ist leise, zittrig und piepsig, wie von einem Mädchen. Peter muss genau hinhören.
»Was hast du gesagt, Junge?«
»Ich bin ihr Mörder.« Etwas lauter und fast atemlos klingt er. Unterbrochen von einem lauten Schniefen.
»Wir fahren jetzt zu mir und Trudy gibt dir etwas von ihrem erstklassigen Eintopf. Dann rufen wir deine Eltern an. Einverstanden?« Der Junge sagt nichts mehr. Peter braucht nicht viel Kraft, um ihn auf die Arme zu nehmen. Er ist leicht.


»Weißt du, wer das ist, Peter?« Mittlerweile sitzt der Junge am Tisch und stochert mit seinem Löffel in der Suppe herum. Er hat noch keinen Bissen zu sich genommen. Peter hat ihm ein Hemd um die Schultern gelegt, das ihm bis zu den Kniekehlen geht. Trudy sieht Peter mit großen, wässrigen Augen an. Woher soll er wissen, wer das ist? Peter hört keine Nachrichten, schaut so gut wie nie fern, außer, wenn seine Lieblingsquizshow läuft. Er ist auch sonst nicht unbedingt auf dem Laufenden. Er hebt nur die Schultern und beobachtet den Jungen, der an ihrem Küchentisch sitzt und in der Suppe rührt.
»Das ist David Thipsdale von den „Missing Twins«.«
»Ist das eine Fernsehserie?«
»Peter!«, ruft Trudy entsetzt aus. »Er und seine Zwillingsschwester werden seit einer Woche vermisst. Drüben in Lakesfield.« Das ist die nächstgrößere Stadt westlich von ihnen. Peter ist erst heute dort gewesen. Aber sonst ist er nicht oft in der Stadt. Sie ist ihm zu unruhig. Er kratzt sich am Bart.
»Und wo ist seine Schwester?«, fragt er dümmlich. Trudy sieht ihn traurig an. »Ich rufe jetzt die Polizei an. Die sollen die Eltern informieren.« Trudy geht in den Flur, wo ihr altbackenes Telefon steht und nimmt den Hörer in die Hand. Kurz darauf hört er sie sprechen. Peter setzt sich an den Tisch. »Du bist David, nicht wahr?« Er kann mit Kindern nicht viel anfangen. Der Junge nickt, schiebt die Schale von sich und senkt den Kopf.
»Wir rufen die Cops und die bringen dich zu deinen Eltern. Dann bist du bald zu Hause.« David hebt den Kopf ruckartig und reißt die Augen auf. »Nein, nicht die Cops. Bitte. Sie werden mich bestrafen. Ich habe sie getötet. Ich habe sie umgebracht.«
»Na, na. Das hast du gewiss nicht. Möchtest du nicht etwas essen?« »Bitte. Sie dürfen nicht die Cops anrufen«, fleht der Junge. In seinen Augen schwimmen Tränen. Peter ist überfordert. »Trudy. Komm her.« Er sieht zu ihr, doch sie telefoniert noch und legt einen Finger auf ihre Lippen. Verflucht. Er fühlt sich unwohl, nimmt die Schüssel und steht auf, um in die Küche zu gehen. Er kann dem Kind nicht helfen. Was faselt er da? Er hat doch sicherlich seine Schwester nicht umgebracht. Was ist nur mit dem armen Jungen passiert?