Montag, 19. Dezember 2016

Andrew Holland *2*




*** Wovon träumst Du? ***
von 
Andrew Holland

Band 2 für Howard Caspar und sein Team

Thriller
erschienen 
am 18.12.2016


Klappentext
«Was tut er ihnen in der Nacht an, wenn er sie am nächsten Morgen fragt: Wovon träumst du?»
Die Leiche einer jungen Studentin wird grausam zugerichtet und zur Schau gestellt auf einer Bank in einem Park gefunden. Ihre Augenlider wurden an den Augenbrauen festgenäht, um den Blick der Toten auf etwas zu richten, das den Verdacht auf jemand anderen lenken soll. 
Als dann eine weitere Frau auf ähnliche Weise tot aufgefunden und der Fall für Howard Caspar persönlich wird, ist schnell klar, dass es sich um einen Serienkiller handelt, der bereits eine weitere Frau in seiner Gewalt hat …  
«Vor sehr langer Zeit hat er begriffen, dass sie nicht geheilt werden können. Die Monster ihrer Vergangenheit haben ihre Körper schon zu lange in Besitz. Sie werden sie nicht mehr loslassen. Und in ihren Träumen, wenn sie sich zwischen Einschlafen und Tiefschlaf befinden, die Körper, dann werden die Monster herauskommen, dann werden die Monster versuchen, auch noch ihren Geist in Besitz zu nehmen.»



Leseprobe

1
FRÜHER

Man könnte fast meinen, dieser Raum wäre echt. Er soll ein gutes Gefühl vermitteln. Die Wände sind hellgelb gestrichen, an ihnen stehen Regale gefüllt mit Kinderbüchern, Dinosauriern aus Plastik und Puppen, sowie einer Kugelbahn aus Holz. In der Mitte des Raumes stehen fünf bunt bemalte Stühle im Kreis um einen runden Tisch mit einem größeren Stuhl, der einfach nur braun ist. Vor dem Fenster hängt eine weiße, halb durchsichtige Gardine mit blauen Punkten darauf. Man kann nicht hinaussehen, denn das Fenster ist nur eine Attrappe und dieses Zimmer wirkt auch nicht beruhigend auf mich.
Wir sitzen auf den Stühlen. Wir, damit meine ich mich und die anderen vier Kinder Lily, Ralph Mike und Alice. Und er sitzt auf seinem braunen Stuhl und sieht uns durch seine Brille aufmerksam an. In seinem Blick liegt Wärme, aber das täuscht. Er täuscht uns alle.
Meine Eingeweide brennen, als hätte ich zu viel saure Gurken gegessen, aber deshalb geht es mir nicht schlecht. Es liegt an ihm. Es liegt daran, dass ich seit drei Wochen hier bin und nicht weiß, was ich hier tue. Im Heim haben sie mir gesagt, ich könnte mich freuen, weil ich einen Platz wie diesen bekommen habe. Es sei ein Privileg, von ihm behandelt zu werden. Aber ich glaube, man wollte mich einfach nur loswerden.
«Man wird dir dort helfen.»
«Eine neue Familie zu finden?», habe ich gefragt.
Die Pflegerin hat mir nur mit ihren fleischigen Fingern über die Wange gestreichelt und gelächelt. Ein hinterlistiges Lächeln.
«Dir helfen, dich zu integrieren. Normal zu werden. Und ja. Damit du eine neue Familie finden kannst. Irgendwann.»
Aber ich bin normal, hatte ich sagen wollen. Ich habe aber nichts gesagt. Ich habe meine wenigen Sachen in eine Tasche gepackt und draußen vor der Tür gewartet, bis man mich abholen kam.
Warum hilft er mir nicht? Die anderen haben Fortschritte gemacht. Ich nicht. Noch immer träume ich schlecht. Noch immer bin ich im Traum in der Hölle gefangen und kann mich nicht befreien. Und noch immer bin ich nicht normal. Nicht so normal wie Lily, Ralph, Mike und Alice.

«Wovon träumt du, Lily?», fragt er und wendet seinen Blick ihr zu. Auf seinen Knien liegt ein Klemmbrett, in der Hand hält er einen Stift und schreibt etwas auf.
«Gestern habe ich von einer rosafarbenen Wolke geträumt, auf der ich umhergeschwebt bin. Ich konnte auf die Erde hinabsehen und fühlte mich frei und gut.»
«Was hast du auf der Erde gesehen?», fragt er in seinem ruhigen Tonfall, den ich so sehr hasse. Er hört sich an, als würde er sich über uns lustig machen.
«Ich weiß es nicht? Schokolade?»
«Das weiß ich nicht, Lily. Das musst du wissen.» Er schreibt etwas und sieht sie wieder an.
«Ja, ich glaube ich habe von Schokolade geträumt. Häusern aus Schokolade, Bäume, selbst die Blumen waren aus Schokolade.»
«Bist du wach geworden und konntest dich noch daran erinnern? Hast du etwas von einer Blume probiert?»
Lily legt die Stirn in Falten und denkt nach. Dann lächelt sie. «Ja, ich habe ein Stück Blüte gegessen. Dann kann ich mich wohl doch erinnern.»
«Sehr gut, Lily. Du machst wirklich Fortschritte.»
Wenn jetzt noch ein rosafarbener Bär aus Zuckerwatte das Zimmer betreten würde, stehe ich auf und schreie: «Ihr verblödeten Arschwixer (den Ausdruck hat eine Pflegerin mal benutzt, als sie sich unbeobachtet glaubte), ihr sollt in der Hölle schmoren und der Zuckerwattebär gleich mit!» Aber es kommt kein Bär aus Zuckerwatte und ich fluche auch nicht.

Er stellt uns jeden Tag dieselbe Frage. «Wovon träumst du?» Wir erzählen jeden Tag unseren Traum der letzten Nacht und wenn ich an der Reihe bin, spannt er seine Muskeln an und sieht mich erwartungsvoll an. Vermutlich hofft er, ich würde nicht mehr von Tod und Verderben träumen, oder vielleicht will er genau das.
Neben Lily sitzt Alice. Sie ist das genau Gegenteil von Lily. Still, anmutig, schlau. Sie versteckt sich oft hinter ihren langen, braunen Haaren, die so dicht sind, dass sie fast das gesamte Wesen von ihr ausmachen, weil sie so schmächtig ist. Durchscheinend, wie ein Geist wirkt sie auf mich. Auf ihren Armen kann man, wenn sie nicht aufpasst und die Ärmel etwas nach oben rutschen, Narben erkennen. Wulstige und hässliche Narben. Ich weiß nicht woher sie kommen. Sie hat es uns auch nie erzählt. Alice spricht nicht viel. Auch in den Sitzungen beschränkt sie ihre Sätze auf ein Minimum. Hat sie Fortschritte gemacht? In meinen Augen nicht. Aber das sieht er vermutlich anders. Er findet es ja schon fortschrittlich, wenn man von Schokoladenblumen träumt und sich daran erinnert.
Ich konzentriere mich auf die Punkte auf der Gardine, die aufgrund des Gebläses des kleinen Ventilators hin und her wehen. Das Sirren hat einen hypnotischen Effekt und ich werde etwas schläfrig. Die Punkte auf der Gardine verschwimmen zu einem großen Gebilde.
Ich folge den Erinnerungen an ihre Träume nicht mehr. Die Stimmen verwischen mit dem Geräusch, das der Ventilator macht, so dass meine Augen immer schwerer werden. In meinem Kopf ist aber jene Stimme, die mir befiehlt, nicht einzuschlafen. Je mehr sie mit mir spricht, desto schwerer fällt es mir, dem Drang nicht nachzugeben. Meine Sicht verschwimmt an den Augenrändern, ich konzentriere mich voll und ganz auf die Punkte, versuche, sie zu zählen. Es sind zu viele. Zu viele Punkte. 

Panisch, weil ich nicht einschlafen will, versuche ich den Kopf aufzurichten, aber er lässt sich nicht anheben. Er ist so schwer. Alles fühlt sich schwer an. Ich sehe an mir hinab, ohne den Kopf bewegen zu können und schiele fast, was Schmerzen verursacht. Meine Hand- und Fußgelenke stecken in einer Vorrichtung, so dass ich diese nicht bewegen kann. Klammern aus Stahl umgreifen mich, halten mich fest, als sei ich, ein Monster. In meiner Armbeuge spüre ich den Druck einer Nadel. Kalte Flüssigkeit fließt durch meine Adern. Dann sehe ich ihn. Er richtet den Tropf, klopft auf den dünnen Schlauch, der am Ende der Nadel hängt. Ich will etwas zu ihm sagen, aber mein Mund fühlt sich an, als wäre er voller Watte. Er zieht eine Spritze auf und injiziert den Inhalt in einen Infusionsbeutel. Ich soll schlafen. Aber ich wehre mich. Ich will nicht schlafen.
Von weit weg höre ich seine Stimme. Ich hasse seine Stimme. Sie klingt so ruhig, so überlegen, so grausam. Ich bin doch noch ein Kind, will ich schreien. Ich will doch nur eine Familie, die mich liebt, will ich sagen und spüre, wie eine Träne aus meinem Augenwinkel läuft. Warum redet er mit mir, wenn ich ihn sowieso nicht hören kann? Ich will ihn das fragen, aber ich merke, wie sich ein grauer Schleier über meine Augen legt und ich sie kaum noch aufhalten kann. Die Dunkelheit will mich hinabziehen. Hinabziehen in meine Seele, die verloren ist.
«Schlaf.» Die Stimme ist an meinem Ohr. «Und dann erzählst du mir, wovon du träumst.»
Aus meiner Kehle kommen Laute. Ein schwaches Wimmern. Ich kann mich nicht mehr wehren. Der Schlaf ist süß und sauer zugleich und wird mich bald überwältigt haben.
Gleich ...
Aber ich darf nicht schlafen ...
Im Schlaf habe ich keine Kontrolle mehr ... über mich.

2

HEUTE

Ich habe Gott nie gefragt, warum er mich gewählt hat. Ich glaube an Gott, auch wenn ich nicht in die Kirche gehe, aber die Frage ist einfach sinnlos. Man sieht doch, was in der Welt jeden Tag, jede Stunde und jede Sekunde passiert. Wenn Gott etwas daran ändern wollte, hätte er das längst getan. Die Idee, jemanden zu fragen, warum passiert ausgerechnet mir das, ist so ziemlich die blödeste Idee, die es gibt. Es ist einfach so, wie es ist und es passiert, weil es eben passiert.
Ich wiege die Zange in meiner Hand und rieche den metallischen Geruch nach Eisen, der von ihr ausgeht. Ich bin ganz ruhig. Meine Finger zittern nicht, ich bin voll konzentriert und ich weiß, ich werde mich gleich umdrehen und die junge Frau vor mir etwas fragen. Aber zunächst möchte ich ihr etwas erzählen.
Sie sieht mich mit großen Augen an, als ich mich umdrehe. Augen, in denen Tränen stehen. Momentan ist ihr Blick voller Zorn und Abscheu. Ich kann aber noch etwas Anderes darin sehen. Es ist Angst. Angst vor dem, was auf sie zukommt. Sie fragt sich, was ich mit ihr vorhabe und ob es weh tun wird.
Sie ist hübsch. Ohne Make-up, ihre Haare locker zu einem Zopf geflochten, aus dem nun einige Strähnen herausschauen, die an ihrem Gesicht kleben.

«Wusstest du eigentlich, dass kleine Wunden schmerzhafter sind als große?» Sie wimmert unter ihrem Klebeband, schüttelt den Kopf, kneift die Augen zusammen. Aus ihrer Nase läuft Rotz.
Ich habe sie auf eine Liege aus Stahl gekettet. Nackt liegt sie vor mir. Ihre Handgelenke stecken in Ketten. Ihre Fußgelenke stecken in Ledermanschetten, die mit der Liege verbunden sind. Ihr Körper ist nackt und wunderschön. Sie ist maximal zwanzig Jahre jung und studiert Sozialwissenschaften an einer staatlichen Universität in der Nähe von Philadelphia. Sie wollte ihren Dad besuchen. Wie jeden Sommer. Jedenfalls hat sie mir das erzählt, als ich sie beim Trampen aufgesammelt habe.
«Hat dir dein Dad nie gesagt, nicht mit fremden Männern mitzufahren?» Dicke Tränen rollen aus ihren Augen. Sie kann doch noch weinen. Dabei hat sie schon so viele Tränen vergossen.
Samantha Gaynor heißt sie. Im zweiten Studienjahr. Jobbt in einer Printagentur und erstellt Flyer für kleine und große Unternehmen. Ich wollte sie eigentlich nicht mitnehmen, weil sie nicht mein Typ ist, auch wenn sie hübsch ist, und eigentlich nicht in meinen Plan passt, aber ich war gerade zurück auf dem Weg nach Washington, als ich sie auf einer Raststätte aufgegabelt habe. Außerdem ... war sie bei seinem Vortrag und deshalb habe ich schon einen Grund, mich eingehender mit ihr zu beschäftigen.
Sie hat ihm eine Frage gestellt. Hätte sie ihm keine Frage gestellt, wäre sie wie alle anderen Zuhörer einfach unauffällig auf ihrem Sitz geblieben und hätte einfach nur seinen Worten gelauscht, hätte ich mich nicht mal an sie erinnert. Aber sie fragte: «Wir können also Träume beeinflussen. Gehen wir mal davon aus, es stimmt, was Sie uns berichtet haben, könnte man mit dieser Macht nicht auch einen Menschen komplett nach seinen Wünschen manipulieren?» Eine intelligente und kritische Frage. Ich war tatsächlich etwas beeindruckt. Und sie war so nah dran. 
«Aus ethischen Gründen sollten wir dieser Möglichkeit nicht allzu viel Beachtung schenken, Miss ...»
«Gaynor. Samantha Gaynor», sagte die Studentin laut und deutlich in das Mikrofon, das die Betreiber der Veranstaltung herumreichten.
«Miss Gaynor. Nun, natürlich ist es möglich, aber nicht vertretbar.» Er sah aus, als müsse er über etwas nachdenken. Bedächtige Stille senkte sich über den Saal. In dem Moment hatte ich wirklich gehofft, er würde darüber nachdenken, was er mir und den anderen angetan hat. Aber er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle und ging nicht mehr auf die Frage ein. Das war für mich der Zeitpunkt zu gehen.

Ich bin gedanklich wieder im Hier und Jetzt, schüttele die Erinnerung an die Begegnung mit ihm von mir ab und konzentriere mich weiter auf Samantha.
Das waren schon zwei Fragen, aber ich will sie auch nicht länger auf die Folter spannen und halte die Zange hoch. Wie erwartet reißt Samantha die Augen auf, zappelt auf der Liege herum und fängt an zu zittern. Ich ziehe mir einen Hocker mit Rollen auf der Höhe ihrer Hände heran und lasse mich auf dem harten Plastik nieder. Mit großen Augen starrt sie auf die Zange. Sie beachtet mich überhaupt nicht.
«Ich glaube, wenn du hinsiehst, wird es richtig wehtun.» Sie wimmert wieder. Diesmal sehr viel lauter. Vermutlich weiß sie jetzt, dass es sehr, sehr schmerzhaft wird. Unter ihrem Knebel kann ich verwaschen ein «bitte nicht» hören. Ich tätschele mit meiner freien Hand ihren Handrücken. Dann greife ich zu, ihr Zappeln ignorierend.
«Wovon träumst du, Samantha?» Verwirrt sieht sie zu mir auf. Sie schüttelt den Kopf, kann nicht antworten, wegen dem Knebel in ihrem Mund. Ich beuge mich zu ihr und ziehe den Klebestreifen von ihrem Mund, befreie sie von dem Knebel. Sie fängt an zu schreien. Ich lasse sie. Es wird sie ohnehin niemand hören.
«Wovon träumst du? Weißt du das?»
Sie weint, beißt sich auf die Lippe, bis sie blutet. Ein feines Rinnsal läuft in ihre Mundwinkel und für einen Moment sieht sie aus wie ein Darsteller aus einem Vampirfilm.
Ich greife wieder nach ihrem Handgelenk. Mit der anderen Hand bringe ich die Zange in Stellung; direkt an ihrem Fingernagel des Zeigefingers, der blutrot lackiert ist.
«Wenn du nicht mit mir reden willst, auch gut», sage ich.
«Aber ich rede ja, warten Sie. Tun Sie mir nicht weh. Bitte», fleht sie immer wieder. Ich lächele, halte inne. «Gib dir jetzt mehr Mühe. Wovon träumst du wirklich? Des Nachts? Wirst du von Albträumen geplagt? Vom schwarzen Mann? Oder sind es eher abstrakte Träume? Von Quadraten und Kreisen, die man meist in Fieberträumen sieht.»
«Ich ... ich weiß nicht ...», stammelt sie. Ihre Lippe hat aufgehört zu bluten. An der Stelle hat sich aber ein kleines Bläschen gebildet. Sie leckt sich darüber.
«Weißt du, was lustig ist, Samantha?» Sie schüttelt den Kopf. «Dass dir eine Antwort nichts bringen wird. Ich werde dich sowieso töten. Ich werde dir sowieso Schmerzen zufügen. Also, egal was du sagst, du wirst hier nicht mehr lebend rauskommen. Verstehst du, was ich meine?»
Wenn noch ein Funken Hoffnung in ihren Augen geschimmert hat, ist dieser jetzt erloschen.
«Warum?», flüstert sie.
«Warum nicht?», stelle ich ihr die Gegenfrage.
Ich widme mich wieder meiner Zange, die leicht abgerutscht ist. Nur wenige Millimeter. Dann ziehe ich. Langsam, aber mit der nötigen Kraft. Ich spüre das leichte Vibrieren, dass sich etwas von seinem Untergrund löst. Weil sie so laut stöhnt, kann ich es nicht hören, aber ich spüre es. Es fühlt sich an, als wolle man einen Gegenstand von einer Tischplatte abziehen, der mit Sekundenkleber daran festgeklebt wurde. Der Fingernagel löst sich nur sehr langsam. Ich spüre, dass mein Mund trocken wird. Es erregt mich. Sie schreit. Sie bettelt darum, dass ich aufhören soll. Aber ich habe gerade erst angefangen. Dann ziehe ich den Nagel mit einem Ruck aus dem Nagelbett und betrachte das viele Blut, das aus der Wunde sprudelt. Nach einigen Sekunden fällt mein Blick auf den Nagel, auf dessen Unterseite Haut klebt.
Sie schreit so laut, dass ich einen Ständer bekomme. Aber nicht nur ihr Schrei macht mich geil. Auch wie ihr Körper auf die Schmerzen reagiert. Ihre Brustwarzen sind hart, auf der Haut hat sich Gänsehaut gebildet, ihre Fußzehen zeigen verkrampft in ihre Richtung. Ich bin nicht in der Lage, ihren Schmerz nachzuempfinden, ihre Pein zu verstehen, aber ich das muss ich auch nicht. Ich will nur wissen, wovon sie träumt.
Samantha kann im Augenblick nicht sprechen. Sanft zupfe ich ihr die feuchten Strähnen aus dem Gesicht. Lange blicke ich ihr in die Augen. Sie hat solche Angst. Ich kann mein Gesicht in ihrer glänzenden Pupille sehen.
Den Nagel lasse ich in eine Nierenschale aus Metall fallen. Es macht klonk. Es wird noch neunmal klonk machen. Mit Eifer mache ich mich an die Arbeit und beschäftige mich mit dem Zeigefinger. Der Daumennagel war schwierig abzulösen, doch der Zeigefingernagel ist schnell ab. Ich nehme mir vor, mir für den Mittelfinger mehr Zeit zu lassen. Überhaupt werde ich mir viel Zeit lassen, bevor ich Samantha in den Tod entlasse.
Sehr viel Zeit.