Mittwoch, 21. Dezember 2016

Brigitte Riebe



*** Die Pestmagd ***
von
Brigitte Riebe



544 Seiten
Historischer Roman
erschienen
am 14.Oktober 2014
im DIANA Verlag



Klappentext 
lt.amazon.de
Köln, 1540: Die junge Witwe Johanna Arnheim wird von ihrem eifersüchtigen Schwager verleumdet und landet wegen Gattenmordes im Frankenturm. Der Tod scheint ihr gewiss – doch der Arzt Vincent erwirkt einen Freispruch unter der Bedingung, dass sie sich als Magd im Pesthaus verdingt. Der „Schwarze Tod“ wütet unerbittlich in der Stadt, und so ist Johanna, die bereits die Beulenpest überlebt hat, eine große Hilfe. Bis ein düsteres Geheimnis ihrer Vergangenheit sie einholt und alles zu zerstören droht – auch ihre zarte Liebe zu Vincent.



Leseprobe


PROLOG 
FREIBURG, APRIL 1525 

Sah sie nicht aus, als wäre sie dem Teufel so eben von der Forke gesprungen? In der Linken das kopflose Huhn, die Brüste vom schlampige schnürten Mieder halb entblößt und von rostigen Sprenkeln über sät, zu Füßen eine schimmern de Blutlache? Die Rote, wie sie allgemein im Badehaus genannt wurde, lachte, als sie den entsetzten Blick auf sich spürte. »Was glotzt du so?«, rief sie. »Blut bedeutet Leben. Wir werden endlich wieder frisches Fleisch zu essen haben – und für eine kräftige Suppe reicht es auch!« Die andere nickte, musste plötzlich zu Boden starren. Alles in dem niedrigen Raum er schien ihr auf einmal ungeschlacht und roh. Und diesem Weib wollte sie das Wertvollste anvertrauen, das sie besaß? »Mit deinem Leben bürgst du mir für ihn«, stieß sie hervor, weil die se schreckliche Unruhe in ihr immer stärker wurde. »Sollte ihm auch nur das Geringste zu stoßen, so werde ich dich …«

Das kopflose Huhn flog zu Boden. »Ich liebe ihn, als hätte ich ihn aus mir herausgepresst, das weißt du ganz genau.« Die Stimme der Roten war ungewohnt weich. »Bei mir ist er in den allerbesten Händen. Du kannst dich ungeniert amüsieren gehen.« Der Ton hatte erneut an Schärfe gewonnen. Und noch etwas hörte sie daraus – unverbrämte Genugtuung, dass es nun endlich auch sie erwischt hatte. »Ist er denn auch spendabel, dein reicher Freier? Ich kenne diese Herrlein zur Genüge, das kannst du mir glauben! Frag mich ruhig alles, was du wissen willst! Eine ehrlichere Auskunft wirst du nirgend wo sonst bekommen.« Was hätte sie darauf nicht alles antworten können! Dass der Liebste, der sie erwartete, eiskalte Hände hatte? Dass ihr Höllenqualen bevorstanden anstatt leidenschaftlicher Umarmungen? Dass sie keineswegs vor hatte, ihre Grundsätze zu verraten, sondern sie im schlimmsten Fall mit in den Tod nehmen würde? Statt dessen blieb sie stumm und tastete nach den restlichen Münzen in ihrer Rocktasche. Sollte sie der Roten noch mehr Geld anbieten? Sie verwarf den Einfall im nächsten Augenblick. Das Geld würde sie bitter nötig haben, wollte sie nicht in der Gosse landen. Zudem konnte sie es sich nicht leisten, dass die Rote misstrauisch wurde. Sie vertraute ihr nicht, hatte ihr niemals vertraut – und doch blieb ihr keine andere Wahl. Das Stechen in ihren Gliedern wuchs sich immer mehr zu einem scharfen Brennen aus. Sie musste zusehen, dass sie das Haus am Rand der Stadt erreichte, wo ihres gleichen die letzte Zuflucht finden konnten.

»Ich schaue noch einmal nach ihm«, sagte sie leise. »Dann pass bloß auf, dass er nicht wach wird, sonst geht das Geflenne wieder los. Und ich hab jetzt keine Zeit, ihn stundenlang zu trösten.« Die Rote bückte sich nach dem Huhn, zog einen Stuhl heran und begann es zu rupfen. Leise öffnete sie die Tür. Im Schlaf ähnelte er seinem Vater noch mehr als sonst. Als ob eine unsichtbare Hand die Weichheit der Kinderzüge verwischt hätte, um schon jetzt herauf zu beschwören, wie er später einmal aussehen würde. Die hohe Stirn, in die verschwitzte dunkle Locken fielen. Die Nase, gerade und kühn, die vollen Lippen, die eben so schmelzend lächeln konnten, wie sich im nächsten Augenblick mürrisch verziehen, sollte etwas nicht nach seinem Willen gehen. Er war ein kleiner Kämpfer, einer, der sich nichts gefallen ließ, obwohl er ihr gerade erst bis zur Hüfte reichte. Vielleicht war er schon so geboren, vielleicht aber hatte ihn erst das harte Leben, das sie ihm zumuten musste, dazu gemacht. Jakob war alles, was sie hatte. Ihr Schatz. Ihr Leben. Die Vorstellung, ihn ausgerechnet hier zurück lassen zu müssen, ließ ihr Herz schwer vor Kummer werden. Die Kammer war eng und ungelüftet, das Stroh zu selten gewechselt worden. Ohnehin hatte sie zu lang gezögert, in der aberwitzigen Hoffnung, das Unausweichliche doch noch abwenden zu können. Vielleicht würden sie beide ja verschont werden. Vielleicht flog der Todesengel an ihnen vorbei, ohne sie mit seinen schwarzen Schwingen zu berühren. Vielleicht war das Schicksal ihnen gnädig und ausgerechnet sie würden ungeschoren davon kommen …

Doch seit ein paar quälenden Stunden wusste sie, dass alle Gebete vergebens gewesen waren. Sie machte einen Schritt auf ihn zu, den letzten, den sie sich erlauben durfte. Er lag auf dem Rücken, die Hände zu Fäusten geballt, als müsste er sich sogar im Traum unsichtbarer Gegner erwehren. Vielleicht würde er schon bald ganz allein auf der Welt sein und gegen alle Feinde ohne ihre Hilfe bestehen müssen. Ein Schluchzen stieg in ihr auf, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, nicht zu weinen. Ein schmerzlicher Laut kam aus ihrer Kehle. »Mama«, sagte Jakob, schlug die Augen auf und sah sie munter an, als hätte er nur auf sie gewartet. »Da bist du ja endlich! Aber warum weinst du denn?« Seine Ärmchen streckten sich ihr entgegen, wie sie es tausendmal zuvor getan hatten, sie aber drehte sich auf dem Absatz um und stürzte wortlos aus der Kammer. Vorbei an der Roten mit dem toten Huhn auf dem Schoß, die schmale Treppe hinunter, hinaus aus dem Haus, wo die beißende Kälte der sternenklaren Februarnacht sie empfing. In ihren Ohren dröhnte noch immer sein Schrei, den sie niemals mehr vergessen würde.




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