Dienstag, 6. Dezember 2016

Charly Essenwanger




Dezember


Heute, zum Nikolaustag, habe ich eine ganz besondere Leseprobe für Euch und zwar von meinem lieben Facebook-Freund Charly Essenwanger.
Uns verbindet nicht nur die Leidenschaft zu Nena und Borussia Dortmund, sondern auch unser Lesegeschmack.
Da Charly gerade den Weg zu seinem ersten Buch eingeschlagen hat, möchte ich ihn hier gerne unterstützen und Euch eine EXKLUSIVE Leseprobe vorstellen.
Der Titel lautet *FTF*, aber für ein Cover ist es noch nicht so weit. Aber ich finde anhand des ersten Kapitels, kann man schon erahnen in welche Richtung die Story gehen wird.



*FTF*
Charly Essenwanger



Kapitel 1


Mai 2016

New Traditional Cache: Schau aufs Dorf GC6KXJY, 5,6 km SW
A new geocache was just published

Diese Informationen las Siegfried in der Mail, die von der Webseite geocaching.com automatisch auf sein Smartphone gespielt wurde wenn in seiner Nähe ein neuer Geocache veröffentlicht wurde. Er klickte auf den dazugehörigen Link, eine App öffnete sich und er konnte auf der sich öffnenden Landkarte sehen, wo sich der neue Cache befand. Das Terrain und die Schwierigkeit des Caches waren recht einfach. T 1,5 D 1,5, Pillepalle. Er blickte auf die Uhr. Um 13 Uhr hatte seine Frühschicht in der Traktorenfabrik geendet und jetzt war es schon 15:45. Kinder wie die Zeit vergeht. Seine Frau Karin hat um 17 Uhr Feierabend. In der Stunde konnte er noch locker diese Dose eintüten, wie man umgangssprachlich in Cacherkreisen zu sagen pflegte. Allerdings musste er sich sputen wenn er als Erster diesen Cache finden wollte. Die FTF Jäger lassen gern alles stehen und liegen und rasen dem Objekt der Begierde entgegen. So ein FTF, ein First To Find ist eine besondere Auszeichnung, lediglich in der eigenen Statistik tauchte der Erfolg auf. Man kann sich nichts davon kaufen, aber es ist ein tolles Gefühl als erster im Logbuch zu stehen. Na gut, auf der Webseite können alle anderen Nutzer sehen, dass man es geschafft hat den ersten Log zu machen.  Den Meisten ist es schlichtweg egal, andere finden aber, dass es sich durchaus lohnt auch mal Nachts um 3 loszurennen, wenn ein neuer Cache veröffentlicht wird. 

Siegfried fuhr los und war bald in Biessenhofen. Er hat sich eingeprägt, dass er die Straße zur Kirche hoch fahren muss, dort am Friedhof das Auto abstellen und weiter bergan gehen. Er stieg aus seinem Mazda, blickte auf sein Smartphone um sich zu orientieren. Zunächst der Straße nach, noch 544 Meter Luftlinie.

Vor ein paar Jahren noch, als er das Geocachen anfing, musste man zwingend ein GPS Gerät haben, mit dem man die Koordinaten von Geocaches hochlud und auf die Dosenjagd gehen konnte. Heutzutage konnte der User mit jedem guten Handy auf Cachejagd gehen und hatte sämtliche Informationen am Mann. Voraussetzung war natürlich, dass das Smartphone GPS Empfang hatte, man lädt eine der Geocache-Apps herunter, legte sich einen Account bei geocaching.com an, gab einen Usernamen ein und schon konnte es eigentlich los gehen.

Siegfried hatte noch 140 Meter bis zum Ziel und konnte als erfahrener Geocacher schon ahnen, wo sich der Cache befand. Dafür bekommt man mit der Zeit ein ganz gutes Auge. Kürzlich erst feierte er mit seiner Frau und seiner Tochter den 5000. gefundenen Geocache.
 40 Meter und Siegfried spürte das vertraute Kribbeln. Bei einem neuen Cache war dieses Kribbeln noch stärker. Er kam an einem kleinen Wäldchen an, natürlich, ein Klassiker. Sein Handy teilte ihm mit, dass er noch 8 Meter zum Cache hatte, der Kompass zeigte etwas nach links. Siegfried hob den Kopf, sah sich einen Baum an, der geradezu danach schrie, dass hier der Cache versteckt war. Er umrundete den Baum und sah den „Hasengrill“. So wird ein Versteck genannt, das mit Hölzern, Zweigen und Fichtenzapfen betont unscheinbar den Cache verbirgt. Grinsend bückte sich Siegfried. Es wurde spannend, er legte die Zweige und die Zapfen zur Seite und wurde von einer 400 ml Tupperdose begrüßt. Siegfried hob die Dose, öffnete den Deckel. Das obligatorische Logbuch lag obenauf. Darunter ein paar Kleinigkeiten, die zum Tausch luden.

Die Ursprungsidee des Geocachens war, dass der Sucher eine Kleinigkeit mitnimmt, den Cache findet, etwas hinterlässt und etwas aus dem Cache heraus nimmt. Aber das funktionierte schon seit Jahren nicht mehr richtig. Es ging eigentlich nur noch darum, dass man sich ins Logbuch einträgt.

Siegfried öffnete das Logbuch und tatsächlich, er war tatsächlich als erster an diesem Ort und würde den FTF klar machen.
Die Dose auf den Boden gelegt und nach dem Kugelschreiber gesucht, fuhr Siegfried plötzlich zusammen.
Eine Stimme etwa 50 cm hinter seinen Ohren fragte laut: „Gefunden?“ 
Siegfried drehte sich, wie von der Vogelspinne gebissen um und schlug sich erstmal schmerzhaft den Kopf an einem Ast an. Vor ihm stand breit grinsend ein Mann in etwa Siegfrieds Alter, um die 45. Dunkelblond, blaue Augen und eigentlich nicht in den Klamotten, die man im Wald vermutet. Ein teuer scheinender Anzug, geleckte Frisur, Schuhe, die zum Anzug passten und den Leuten vermitteln sollten, dass dieser Herr im Anzug Geschmack hat und sich etwas leisten konnte. Die ganze Erscheinung war einfach fehl am Platz. Dieser Typ war mit 1,80 Meter ein paar Zentimeter kleiner als Siegfried und seine ganze Aura versprühte eine Arroganz, die fast greifbar war.

„Ja, gefunden, FTF.“ Siegfried konnte in Anbetracht dieses Schnösels seine Genugtuung nicht wirklich verbergen. 
Schnösel sagte, „Na dann gratuliere, du hast dich noch nicht eingetragen?“
„Nö, war grad im Moment dabei“
„Sag mal, würde es dich denn arg stören, wenn ich mich vor dir ins Logbuch eintrage? Denn schließlich sind wir ja praktisch zeitgleich hier angekommen. So ein weiterer FTF würde gut in meiner Statistik aussehen.“
Siegfried nahm das Logbuch, zeigte Herrn Schnösel, der ihn ungefragt duzte, das Logbuch, der wollte danach greifen, aber Siegfried zog es zurück und signierte dieses mit seinem Usernamen KaSiMir, setzte das Datum dazu und ein fettes FTF. Hinzu fügte er noch einen Dank an den Owner, dem Besitzer des Caches. Erst dann hielt er Schnösel wieder das Büchlein hin, der es sich grabschte und etwas murmelte, das verdächtig nach Arschloch klang. 

Mr. Arroganz holte einen Aufkleber aus seiner Handytasche, pappte diesen mitten in das Logbuch, setzte noch ein TFTC rein und schaute sich den Log von Siegfried an: „Kasimir? Nicht ernsthaft, oder? Du hast dir den Namen Kasimir zugelegt? Ich fass es nicht.“ Jakob haute sich auf die Schenkel vor lachen, „Kasimir, haha. So hieß unser Dorfesel. Das ist ja göttlich. Da nimm.“ Sagte er und langte das Logbuch zurück zu Siegfried. Der aber keine Anstalten machte, das Buch entgegen zu nehmen. 
„Kannst du gern verpacken und die Dose wieder verstecken,“ sagte Siegfried und ging an Kotzbrock vorbei in Richtung Weg.
 Hörte er da nochmal dieses Wort das mit A anfing und mit rschloch endete? Ihm war es egal, Siegfried freute sich dreifach. Über den FTF, dass er diesen Typen auflaufen ließ und ihm noch die Arbeit ließ, mit seinen ach so tollen Schuhen in den Wald zu latschen.
 Siegfried machte sich schon auf den Weg zurück, als dieser Eierkopf zu ihm aufschloß und meinte: „Nochmal Gratulle zum FTF. Tja, war knapp, muss man wohl sportlich sehen.“
Siegfried erwiderte nur ein ungefähres „hmhm“, und ging weiter.
 Irgendwie merkte dieser Mensch nicht, dass er keinen Bock auf Konversation mit dem hatte. Jeder Satz von ihm war Angeberei. Es ging um ihn, wie oft es ihm schon gelungen war einen FTF zu landen, was für tolle Routen er mit Geocaching gemacht hat, dass alle andern eh dämlich sind usw. usw. Siegfried hörte kaum hin und wollte weg von hier. Bis er auf einmal hörte: „Sag mal, kennen wir uns nicht?“
 Siegfried blieb stehen und sah sich seinen Begleiter an.
 „Klar“, frohlockte Kotzi, „wart, ich habs gleich, dingsbums, na. Ja genau, du bist doch der Sigi, ja genau. Der Sigi, ich glaub ich spinn.“
Sigi, wie er jetzt genannt wurde, erstarrte zu Eis. Ihm fiel es wie die guten alten Schuppen von den Augen. Auch er erkannte diesen Vogel jetzt wieder und er hatte gehofft, dass es diese Fresse in diesem Leben nicht wieder sehen würde. 

„Jakob!“, das war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Ja, genau, du erinnerst dich an mich, super oder?“ Er griff sich die Hand von Siegfried und schüttelte diese euphorisch.
 Siegfried erinnerte sich auch noch an diesen Händedruck, kein fester Druck, sondern eher schwammig und feucht. Ekelhaft, wie der ganze Typ. Die Euphorie von Jakob konnte Siegfried nicht wirklich teilen, dennoch lächelte er verkrampft und sagte: „Ja schön dich wieder zu sehen. Ist schon lang her.“

„Ja, verdammt lang, wie die Zeit vergeht. 20 Jahre waren das schon, oder? Ich fass es nicht, der Sigi. War doch eine geile Zeit damals, nicht wahr? Boah, was haben wir es krachen lassen. Bist du noch mit der Manu zusammen? Ich hab mich ja nie so wirklich fest gelegt. Ich mach das so wie immer. Ich sag dir, ich schlepp die Mädels immer noch reihenweise ab. Da würd ich ja was verpassen, wenn ich ne feste Beziehung hätt. Also ich könnt das echt nicht. Spießer und so. Man lebt ja schließlich nur einmal. Ich fahr oft weg in den Urlaub, manchmal nehm ich eine mit, manchmal nicht, dann such ich mir halt dort so ne Tuss. Gibt ja genug davon.“
Meine Güte, mach den Kopf zu du Pisser, dachte sich Siegfried. Er war früher ein Arsch und ist seitdem ganz schön gewachsen zum Riesenarsch. Bald ist es überstanden, dort vorne stand schon der betagte Mazda 3.
 Jakob laberte weiter und zeigte schließlich auf den kleinen, roten Wagen. 
„Sag mal, das ist ja wohl nicht dein Ernst. Du fährst mit so einer Reisschüssel durch die Gegend? Das hat ja mal überhaupt keinen Stil. Mit sowas kannst dich ja nirgends blicken lassen, das ist voll peinlich, Alter. Na, der passt ja eigentlich zur Manu.“
„Ich bin seit 18 Jahren nicht mehr mit Manu zusammen.“
 „Na, sei froh, so was Verstocktes wie die. Die hat es bestimmt nur im Dunkeln gemacht, hab ich recht? Und immer schön aufm Rücken liegen.“, quäkte er, haute Siegfried auf die Schulter und fand sich sensationell witzig.
 „Ja, so ungefähr.“
„Und jetzt hast ne Neue?“
„Seit 18 Jahren, ja. Ist noch ganz frisch und wir sind sehr verliebt.“
„Na, das freut mich doch für das junge Glück. Schau mal, das ist mein Auto. Ich mein, das ist ein Auto, nicht dieses Opferteil von dir. BMW X6 mit 340 PS, bissle was beim Spezialtuner machen lassen. Summasummarum lockere 120.000 Flocken oder so. Ich weiß es nicht so genau. Ist ja auch egal, ist nur Kohle gell.“ 

Unerträglich, fand Siegfried, er musste hier weg, er musste sofort weg, bevor er diesem Simpel auf seine Designerschuhe reiherte.
„Du, ich muss dann auch schnell weg, meine Frau abholen. Hat gleich Feierabend:“

„Dann pass auf, dass deine Laube nicht auseinander fällt.“ Spottete Jakob. „Wir müssen unbedingt mal wieder was machen und über alte Zeiten plaudern, das wär doch geil, oder?“
 „Ja klar, das müssen wir unbedingt.“
Jakob haute Siegfried nochmal auf die Schulter, zog seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche, hob ihn provokant in die Höhe und öffnete per Fernbedienung sein göttliches Mobil.
 Siegfried wartete noch, bis Jakob startete und Staub hinterlassend verschwand. Stöhnend  lehnte er sich in seinem Auto zurück, atmete tief durch und merkte, wie sehr in diese Begegnung aufgewühlt hatte und wie sehr er zitterte.