Mittwoch, 14. Dezember 2016

Christiane Lind




*** Im Land des ewigen Frühlings ***
von 
~ Christiane Lind ~


408 Seiten
Guatemala-Roman
erschienen 
am 29.11.2016


Klappentext
lt.amazon.de
Guatemala 1902: Margarete, Tochter eines deutschen Kaffeebauern, steht nach ihrer Rückkehr aus Bremen vor dem Ruin. Muss sie ihre Finca durch die Hochzeit mit einem reichen Kaufmann retten und ihre Liebe zu Juan opfern? Zur gleichen Zeit begibt sich Elise widerwillig auf die Reise nach Guatemala. Misstrauisch begleitet sie ihre Eltern, die einen verborgenen Maya-Tempel entdecken wollen. Wie befürchtet nimmt die Expedition einen dramatischen Verlauf. Bremen 2016: „Meine Ururgroßmutter hat Ihre Ururgroßmutter gerettet“ – mit diesen Worten stürmt Isabell ins Büro von Fabian, Chef einer Kaffeerösterei. Gemeinsam tauchen sie ein in staubige Archivordner, bewegende Tagebücher und abenteuerliche Reiseberichte. Dabei erfahren sie nicht nur viel über zwei starke Frauen, auch sie selbst finden ihr Schicksal. Eine eindrucksvolle Familiensaga aus dem Land der Maya über die Kraft der Liebe und die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben. 

"Im Land des ewigen Frühlings" ist eine stark überarbeitete Neuauflage von "Im Land der Kaffeeblüten", das 2012 erschien.


Leseprobe

Kapitel 7 
Bremen 1902 

Ein entsetzlich langes Jahr weilte sie nun schon in Bremen. Ein einsames Jahr ohne ein Wort von Juan. Zwölf Monate Sehnsucht und Hoffnungen, die jeden Tag wieder enttäuscht wurden. Obwohl es bereits Mittagszeit war, lag Margarete noch im Bett, eingekuschelt in die weichen Kissen. Sie würde den ganzen Tag in ihrem Zimmer verbringen, würde eine Krankheit vorschützen. Ein Frauenleiden, so wie ihre Tante. Je näher der Tag ihrer Rückkehr nach Guatemala rückte, desto düsterer wurde ihre Stimmung. Juan. Immer wieder Juan. Sein bitterer Verrat schmerzte immer noch. Sie zog sich die Decke über den Kopf und schluchzte leise in die Kissen. Margarete schreckte auf, als sie jemanden die breite Treppe emporsteigen hörte. Sicher die Zofe ihrer Tante, gesandt, um Margarete zum Essen zu rufen. Oder Fräulein Dieseldorf, die ihr gewiss einen Vortrag darüber halten würde, dass es sich für eine Dame nicht schickte, über die Mittagszeit hinaus im Bett zu liegen. Am liebsten hätte Margarete die Tür verriegelt und den Schlüssel weggeworfen. In einer Woche würde sie nach Guatemala zurückkehren. Etwas, das sie sich so sehr gewünscht hatte und das ihr nun auf dem Herzen brannte. In den ersten Monaten ihres Aufenthalts hatte sie das Heimweh nahezu aufgefressen. Sie sehnte sich nach den ruhigen Abenden vor dem Kamin, wenn ihr Vater seine Pfeife rauchte, ihre Großmutter strickte und sie selbst ein Buch las. Abende der Stille und Gemeinsamkeit. Nicht wie die Bremer Abende, die häufig in großer Gesellschaft verbracht wurden. Eingeschnürt in ein beengendes Korsett und in ein Kleid der neuesten Mode sollte Margarete lachen, Konversation betreiben und sich nach einer angemessenen Partie umsehen. „Es muss sein!“, hatte das Fräulein bestimmt, als sie den Wunsch äußerte, nicht mehr an dem Heiratszirkus, wie Margarete es nannte, teilnehmen zu müssen. „Das gehört dazu, wenn eine junge Dame in die Gesellschaft eingeführt wird.“ Sicher, sie hatte die Zeit in Bremen genossen. Die eleganten Gesellschaften, die bewundernden Blicke der Männer, ihre galanten Worte. „Aber ich gehöre nicht hierher“, betonte Margarete und beharrte auf ihrem Standpunkt. Ein wenig auch aus Trotz, weil Fräulein Dieseldorf so viel Wert auf Etikette und gutes Benehmen legte und auf einen passenden Ehemann für ihren Schützling hoffte. Sollte sich die Gouvernante doch einen Bremer Kaufmann als Gatten suchen, wenn sie so viel davon hielt. „Du könntest in Bremen bleiben, wenn du dir hier einen Gemahl suchst.“ Sehnsucht sprach aus Fräulein Dieseldorfs Stimme. Sie war in Deutschland geboren und vor einigen Jahren mit einer deutschen Familie nach Guatemala eingewandert, aber sie hatte sich dort nie heimisch gefühlt. „Wir könnten hierbleiben.“ „Ich gehe wieder nach Hause zurück. Nach Hause und zu …“ Margarete hatte Juans Namen nicht ausgesprochen, weil sie der Gouvernante nicht verraten wollte, wie sehr sie den Indio-Jungen vermisste, wie sehr sie sich nach ihm verzehrte. Jede Nacht träumte sie von ihm und erwachte von den Tränen, die sie im Traum geweint hatte. Ihr Herz gehörte nach Guatemala und sie hatte die Tage gezählt, bis sie endlich zurückkehren durfte. Mit jedem Tag, der ihr die Abreise näherbrachte, hatte sich Margarete mehr nach Guatemala gesehnt, vor allem nach Juan, auch wenn sie sich geschworen hatte, nie wieder einen Gedanken an ihn zu verschwenden. Gleichzeitig fürchtete sie die Rückkehr, fürchtete, Juan mit einer anderen zu sehen. Glücklich. Vielleicht sogar schon als Vater eines Kindes, das so wunderbare Augen hatte wie er. „Margarete.“ Fräulein Dieseldorf steckte ihren Kopf zur Tür herein. Wie stets gelang es ihr, unendlich viele Vorwürfe in einem Wort unterzubringen. „Im Salon erwartet dich Besuch. Ich werde den jungen Mann bitten, sich zu gedulden. Und ich schicke dir Alwine, damit sie dir beim Ankleiden hilft.“ Mit diesen Worten ging die Gouvernante, ohne Margaretes Antwort abzuwarten. Warum auch? Fräulein Dieseldorf wusste, dass Margarete sich fügen würde. Schließlich war sie Gast im Haus ihrer Tante und ihres Onkels und würde es nicht übers Herz bringen, sie derart vor den Kopf zu stoßen. Also setzte sie sich auf und schwang ihre Füße aus dem Bett, genoss das Gefühl des flauschig-weichen Teppichs an ihren Füßen und vermisste gleichzeitig die Kühle des Holzfuß- bodens, der in ihrem Zimmer in Guatemala auf sie wartete. Noch während Margarete überlegte, welches Kleid für ihre Stimmung passend wäre, klopfte die Zofe an und trat erst ins Zimmer, nachdem Margarete „herein“ gerufen hatte. Alwine knickste und lächelte Margarete an. Sie mochte die Zofe ihrer Tante, die kaum älter war als sie. „Wir wollen den Herrn nicht allzu lange warten lassen, nicht wahr?“, sagte Alwine mit einem Augenzwinkern, nachdem sie Margarete begrüßt hatte. „Am besten setzen Sie sich hin und ich kümmere mich um alles.“ Margarete nahm an dem zierlichen Tischchen Platz, auf dem Kamm und Bürste sowie diverse Töpfchen und Tiegelchen zur Verschönerung bereitstanden.

Mit geübten Händen bürstete Alwine Margaretes Haare und steckte sie zu einer komplizierten Frisur auf, die Margarete niemals selbst würde frisieren können. Wie einfach war das Leben in Guatemala dagegen. Keine Zofe, keine aufwendigen Haargebilde, die viel Zeit kosteten. Margarete stieß ein leises Seufzen aus. „Habe ich Sie gepikst?“ „Nein, nein. Danke. Alles wunderbar.“ Margarete versuchte ein Lächeln und konnte im Spiegel erkennen, wie sehr es verunglückte. Wem wollte sie vorspielen, dass sie glücklich war? Im Salon wartete ein Mann auf sie, aber es war der falsche. Wer immer ihr auch dort seine Aufwartung machte, niemals würde er ihre wahre Liebe aus ihrem Herzen verdrängen können. Auch wenn sie ein ganzes Jahr lang nichts von dem einzig Richtigen gehört hatte. Wie sollte sie Juan nur je wieder gegenübertreten? „Ich habe nur an meine Abreise gedacht.“ „Werden Sie Bremen vermissen?“ Die Zofe krönte ihre Arbeit mit einer weiteren Haarnadel. Margarete bewunderte ihr Geschick. „So weit weg von hier. Von zu Hause.“ „Guatemala ist mein Zuhause“, sagte Margarete mit weicher Stimme und spürte, wie das Heimweh in ihr Herz zurückkroch. Die Sehnsucht nach den tiefgrünen Nebelwäldern, nach dem Duft der reifen Bananen und der gerösteten Kaffeebohnen, nach La Huaca, ihrer Finca, nach ihrem Vater und ihrer Groß- mutter und natürlich nach Juan. Immer wieder Juan. Margarete schwieg einen Augenblick, damit sie ihre Gefühle nicht übermannten. „Ich war gern in Bremen, aber …“ „Nirgends ist es so schön wie zu Hause, nicht wahr?“, antwortete Alwine und nickte mit dem Kopf. „Weißt du, welcher Herr im Salon auf mich wartet?“, fragte Margarete. Nicht dass sie wirklich wissen wollte, wer von den jungen Männern, die sie während der vielen Gesellschaften in Bremen getroffen hatte, sich von ihr verabschieden wollte. Sie war stets freundlich gewesen, aber hatte deutlich zu verstehen gegeben, dass sie kein Interesse an einer Ehe hatte. Zu ihrem Missvergnügen hatte ihre Zurückhaltung die Bremer Junggesellen eher angespornt, als abgeschreckt, sodass ein stetiger Strom wohlerzogener junger Männer den Salon ihrer Tante besuchte. Hoffentlich erwartete sie kein Langweiler oder hochnäsiger Schwätzer. „Ich kenn den Herrn nicht.“ Ein letztes Mal strich Alwine über Margaretes Haare und trat dann zurück. „Fertig.“ „Wunderbar.“ Margarete wendete den Kopf nach rechts und links, um Alwines Kunstwerk zu bewundern. „Ich danke dir.“ Das Mädchen schaute sie überrascht an und knickste erneut. Dann lächelte sie Margarete zu und ging hinaus. Margarete erprobte noch einen Augenblick lang im Spiegel ihr höfliches Lächeln und stand mit einem kleinen Seufzer auf. Länger konnte sie die Begegnung nicht hinauszögern. Sie musste den Konventionen gehorchen und freundlich plaudern, auch wenn ihr ganz anders zumute war. Der Gedanke an ihre Rückkehr beinhaltete stets die Frage, warum Juan sein Versprechen nicht gehalten hatte. Vor der Tür zum Salon streckte Margarete den Rücken und richtete sich auf. Sie versuchte alle dunklen Gedanken zur Seite zu schieben, um ihrer Tante und ihrem Onkel keine Schande zu bereiten. Nachdem sie die Tür geöffnet hatte, erhaschte sie einen Blick auf den Gast und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie kannte den dunklen Haarschopf, der über das Besuchersofa ragte. Sie kannte ihn nur zu gut. Margarete hob die Hand vor den Mund, um den Aufschrei der Überraschung zu unterdrücken. Juan! Deshalb hatte er ihr nicht geschrieben. Ihr Geliebter hatte sich auf den Weg nach Bremen gemacht, um ihr diese Freude zu bereiten. „Juan. Ma sa laa ch’ool?“, flüsterte sie die Begrüßungsformel auf Kekchí. Die Worte, die sie beinahe ein Jahr nicht mehr gesprochen hatte, sprangen ihr auf die Lippen. „Ist dein Herz zufrieden?“ Ihr Herz war so froh, dass es lauthals schlug. Juan musste es hören und auch ihre Tante, die als Anstandsdame auf Margarete gewartet hatte. Augenblick. Wie konnte das sein? Ihre Tante, in traulichem Kaffeetrinken mit Juan vereint? „Ach, Grete, Liebes, da bist du ja endlich.“ Tante Elisabeth nickte ihr zu. Sie deutete auf den Platz neben sich auf der zierlichen Couch, dem Heiratsmöbel, wie Margarete es heimlich nannte. „Herr Landahl, dessen Familie hier in Bremen eine Kaffeerösterei betreibt, ist extra heute noch vorbeigekommen, um dich kennenzulernen.“ Wie auf ein Stichwort erhob sich der Besucher und verneigte sich zur Begrüßung. Margarete musste an sich halten, um nicht laut aufzuseufzen. Nur auf den ersten Blick ähnelte dieser attraktive Herr ihrem Geliebten. Das dunkle Haar, die gebräunte Haut. Aber er war deutlich schmaler als Juan, der hart auf den Kaffeefeldern hatte arbeiten müssen. „Liebes Fräulein Seler.“ Herr Landahl deutete ein Lächeln an. Seine Kleidung wirkte ausgesprochen elegant, auf dem Höhepunkt der Herrenmode. „Ich habe so viel von Ihnen gehört, dass ich Ihnen vor Ihrer Abreise, die ich sehr bedauere, meine Aufwartung machen wollte.“ „Herr Landahl.“ Nur unter Aufbietung aller Kraft gelang es Margarete, die Fassung zu wahren. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ 

Den Besuch überstand Margarete wie in einem Nebel, der am Morgen die Wälder Guatemalas einhüllte, bis ihn die Kraft der Sonne zum Verschwinden brachte. Ohne nachzudenken, antwortete sie einsilbig auf Fragen, die ihr der freundliche Kaufmann stellte, lächelte und nickte zu den Anekdoten, die er erzählte, und wünschte doch die ganze Zeit, in ihr Zimmer laufen zu können, um dort ihren Tränen der Enttäuschung freien Lauf zu lassen. Endlich erhob sich Herr Landahl. „Vielleicht sehen wir uns ja einmal wieder.“ Er verbeugte sich formvollendet. Als Margarete ihn erstaunt anschaute, lächelte er. „Mein Vater ist der Ansicht, es wäre gut für mich, mir einmal die Kaffeefincas vor Ort anzusehen. Was meinen Sie?“ „Oh, natürlich“, bemühte sich Margarete, eine angemessene Antwort zu finden. „Ein cafetal in seiner Blüte ist ein wundervoller Anblick.“ Er nickte und ging. Endlich. „Ist etwas mit dir, mein Kind?“, fragte Tante Elisabeth besorgt. „Du wirkst etwas abgelenkt und blass.“ „Ich … ich habe schon den ganzen Morgen Kopfschmerzen“, log Margarete. „Ich lege mich wohl besser hin.“ „Mach das, Liebes.“ Ihre Tante lächelte so freundlich, dass sich Margarete schon schämte. „Es wäre schön, wenn wir heute Abend gemeinsam essen könnten.“ „Ich brauche nur ein wenig Ruhe.“ Margarete beugte sich vor und küsste Tante Elisabeth auf die Wange. Mit letzter Kraft gelang es ihr, die lächelnde Fassade aufrechtzuerhalten. Nachdem sie die Tür zum Salon hinter sich geschlossen hatte, taumelte Margarete und ließ sich in den mit nachtblauem Samt bezogenen Sessel sinken, der dort für wartende Besucher stand. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. So tief, wie es das unbequeme Kleid nur zuließ. Als Schritte ertönten, öffnete Margarete die Augen. Fräulein  Dieseldorf. Nicht jetzt. Aber die Gouvernante steuerte zielsicher auf Margarete zu. „Post von zu Hause. Ein Glück, dass dich der Brief noch vor unserer Abreise erreicht hat.“ „Danke.“ Margarete erkannte die Handschrift ihres Vaters und lief die Treppe hinauf. Was mochte so eilig sein, dass er ihr vor ihrer Abreise nach Guatemala noch schreiben musste? War ihrer Großmutter etwas zugestoßen? Nein, ein Unglück erforderte ein Telegramm. In ihrem Zimmer riss sie den Umschlag voller Vorfreude auf. Nachdem sie die Zeilen gelesen hatte, entglitt der Brief ihrer kraftlosen Hand und sank zu Boden wie ein Blatt im Wind.


Kapitel 8 
An Bord der SAN NICOLAS, auf dem Weg nach Guatemala 1902 

Elise lag mit geöffneten Augen auf der schmalen Pritsche und lauschte ins Dunkel der Kajüte. Sie hatte sich den Schlafplatz erkämpfen müssen. Ihre Eltern wollten die Überfahrt unter Deck verbringen, dort, wo die zumeist armen Auswanderer eingepfercht waren. Nicht weil ihre Familie arm war. Nein, weil ihre Eltern Geld sparen wollten, um es für weitere Expeditionen in weitere furchtbare Länder auszugeben. Bei dem Gedanken, dass sie sich auf einem Schiff unterhalb der Wasserlinie befände, hatte Elises Herz zu rasen begonnen. Sie hatte nach Luft gerungen, als ob sie bereits ertränke. Da hatten ihre Eltern nachgegeben und ihr die Kajüte zugestanden. Nun allerdings fühlte sie sich allein und wünschte sich, in diesen kalten, einsamen Nächten bei ihnen zu sein. Elise stieß ein Schnauben aus. Bei ihren Eltern. Menschen, die sie kaum kannte. Fremde, die sie aus dem sicheren Bremen auf dieses Schiff verschleppt hatten, ohne nach ihren Wünschen zu fragen. Tränen traten ihr in die Augen und sie schniefte. Wie es wohl ihren Großeltern erging, allein in dem schönen Haus? Ob sie Elises Zimmer wohl für sie hergerichtet ließen? Der Gedanke an all das, was sie aufgegeben hatte, ließ sie wieder weinen. Elise tastete nach dem Taschentuch aus Leinen, das sie sich neben das schmale Kopfkissen gelegt hatte – wohlwissend, dass sie es auf dieser Reise sicher des Öfteren benötigen würde. Sie schnäuzte sich und richtete sich etwas auf. Durch die runde Öffnung des Bullauges konnte sie einzelne Sternbilder am Nachthimmel erkennen. Immerhin etwas, das sie an ihre Heimat erinnerte. Die Sterne leuchteten überall gleich. Wie oft hatte sie mit Großvater in seinem Arbeitszimmer gesessen und durch den Kometensucher den Himmel beobachtet. „Wenn du dich einsam fühlst, sieh dir die Sterne an“, hatte ihr Großpapa zum Abschied gesagt und Elise an sich gedrückt. „Kassiopeia. Perseus. Kleiner Bär. Großer Bär. Bärenhüter“, murmelte sie vor sich hin, um ihre Gedanken auf etwas anderes zu konzentrieren. „Cassiopeia. Perseus. Ursa minor. Ursa major. Boötes.“ Die lateinischen Namen sollten sie ablenken, doch immer wieder tauchte die Panik in ihr auf und verdrängte alles andere. Klang das Grollen der Dampfmaschine nicht unregelmäßig? Ging es nicht in ein schrilles Pfeifen über, ein sicheres Anzeichen für eine Überhitzung, die zu einer furchtbaren Explosion führen würde? Elise verwünschte sich, dass sie einen der Matrosen über die Funktionsweise des Schiffs ausgefragt und sich vor allem nach den Gefahren erkundigt hatte. Der Mann hatte freundlich geantwortet und laut gelacht, als sie ihn nach einer möglichen Explosion des Kessels gefragt hatte. Typisch für Erwachsene. Niemals nahmen sie Elises Sorgen ernst, sondern gingen mit einem Lächeln oder einem besserwisserischen Kopfnicken darüber hinweg. Gerne hätte Elise dem Mann gesagt, dass sie sich sehr wohl informiert hatte, dass sie Bücher gewälzt hatte und nur abschließend seine Einschätzung als Praktiker wünschte. Sicher hätte er sie ausgelacht und seinen Kameraden von dem seltsamen Mädchen erzählt. Also hatte sie sich bedankt und war in ihre Kajüte geeilt, um zu überprüfen, wie weit es von dort zu den Rettungsbooten war. Winzig klein erschienen ihr diese. Wie sollten die Schaluppen nur auf dem riesigen Meer Schutz und Sicherheit bieten? „Lise.“ Ihr Vater hatte sie angelächelt und von seinem Buch aufgesehen, in das er Reiseberichte schrieb oder Forschungsergebnisse eintrug. Die Brille saß viel zu tief auf seiner Nase und ließ ihn aussehen wie einen zerstreuten Professor. „Lise. Schiffsreisen sind sicher. Glaube mir.“ Ihre Mutter hatte sie gar nicht erst fragen wollen. Henni Hohermuth schien sich niemals zu ängstigen. Schon oft hatte Elise gedacht, dass sie als Säugling bestimmt vertauscht worden war. Anders ließ sich beim besten Willen nicht erklären, dass zwei Menschen, die sich von einem Abenteuer ins nächste stürzten wie ihre Eltern, eine Tochter bekommen hatten, die Gefahren nur in Büchern erleben wollte. In der Sicherheit ihres Bettes oder im Haus der Großeltern vor dem Kamin, in dem ein Feuer gemütlich knisterte. Stattdessen befand sich Elise nun auf der SAN NICOLAS auf dem Weg nach Südamerika. Nein, Mittelamerika, um genau zu sein. Guatemala. Das Land der Maya und des ewigen Frühlings. Ein Land, das Abenteurer anzog wie Honig die Bienen. Abenteurer und Forscher wie ihre Eltern. Warum konnten ihr Vater und ihre Mutter nicht sein wie andere Eltern und langweilige Berufe haben? Warum mussten ausgerechnet ihre Eltern von einem Ort zum anderen ziehen, um den Spuren längst ausgestorbener Völker zu folgen? Nun waren sie schon einige Tage auf See. Elises Magen hatte sich an das Auf und Ab des Schiffs gewöhnt, aber die Sorgen waren geblieben. Schwankte das Schiff nicht zu sehr, hinund hergeworfen von den Wellen wie ein Spielzeug? Elise schloss die Augen und versuchte ruhig ein- und auszuatmen, doch die Angst legte sich wie eine dunkle Decke über sie und drohte sie zu ersticken. Hastig richtete sie sich auf und riss die Augen auf. Sie setzte sich ans Bullauge, lehnte die Stirn gegen die angenehme Kühle des Glases und versuchte in der sternklaren Nacht etwas zu erkennen. Welche Gefahren lauerten in der unendlichen Tiefe unter dem Bauch des Dampfschiffes auf sie? Gefährliche Wesen, die nur darauf warteten, dass sie Schiffbruch erlitten und Elise und alle anderen Passagiere ihre Beute wurden. Haie. Riesenkraken. Schlimmer noch als die Ängste, die sie in den einsamen Nächten überfielen, war die Gewissheit, dass sie sich ihren Sorgen allein stellen musste. Ihr Vater war zu sehr in seinen Reiseplanungen versunken und ihre Mutter … „Sei nicht albern, Kleines!“ Spott hatte in ihrem Blick gelegen, mit dem sie ihre sechzehnjährige Tochter gemustert hatte. „Octopodidae greifen keine Schiffe an. Sie sind viel zu klein.“ Elise hatte genickt und sich abwenden wollen, in der Gewissheit, dass ihre Mutter sie niemals verstehen würde. Doch Henni Hohermuth war noch nicht fertig. „Wenn überhaupt, dann könnte es ein Riesenkalmar sein, ein Architeuthis. Angeblich hat man Exemplare gesichtet, die mehr als vier Meter lang waren.“ Elise war bleich geworden und hatte sich setzen müssen. Die Grauen der Tiefsee waren ja noch viel, viel schlimmer, als sie es sich bisher ausgemalt hatte. Ihre Mutter hatte den Kopf geschüttelt. „Hast du etwa wieder Jules Verne gelesen?“ Elise war rot angelaufen und hatte vor Verlegenheit kein Wort herausbringen können. Ihre Mutter schätzte es nicht, wenn Elise Bücher des verrückten Franzosen, wie Henni Hohermuth ihn nannte, las. Nur wissenschaftlich untermauerte Fakten fanden Gnade vor den Augen ihrer Mutter. Mit fantastischer Literatur vermochte sie wenig anzufangen.

Ihren Vater zu fragen, würde ähnlich enden. Nur dass Johann Hohermuth seine Tochter mitten im Satz stehen lassen würde, weil ihm etwas Wichtiges eingefallen war. Sie unterdrückte ein Schluchzen. Wie schön war ihr Leben in Bremen gewesen, in dem großen, alten Haus von Großmama und Großpapa, mit vielen Büchern und allem Komfort, den die moderne Welt zu bieten hatte. Elises Eltern waren ab und an zu Besuch gekommen und hatten seltsame Geschenke mitgebracht, riesige Muscheln oder Schnitzereien von fremdartigen Göttern. Sie hatten ausführlich von ihren Abenteuern berichtet und sich dann zu einer weiteren Forschungsreise aufgemacht. Eines Tages hatten sie sich übertroffen und sogar einen Jungen von ihrer Reise mitgebracht. Georg. Elises Herz schlug schneller, wenn sie jetzt an ihn dachte. An ihre erste Begegnung. Der magere Junge hatte damals fassungslos die Pracht des Bremer Hauses bestaunt. Immer wieder hatte Elise ihn durch die Flure schleichen sehen. Leise und vorsichtig wie ein streunender Kater. Immer bereit, bei Gefahr aufzuspringen und davonzulaufen. Georg hatte kaum etwas zu ihr oder den Großeltern gesagt und Elise hatte ihre Eltern nach ihm ausgefragt. Henni und Johann hatten den Jungen, der sich auf den Straßen Kairos durchschlug, gefunden, als er völlig ausgehungert an einer Hauswand saß. Sein flehender Blick hatte ihr Herz gerührt und sie hatten ihn einfach mitgenommen. Georg sprach gebrochen Deutsch, das hatte ihm sein Vater beigebracht. Seine Mutter war Ägypterin, von ihr hatte er die auffallend dunklen Augen geerbt. Sie war, wie er erzählte, an einer Krankheit gestorben, als Georg elf Jahre alt war. Henni und Johann hatten versucht, etwas über seine Familie herauszufinden, doch das Schicksal seines Vaters blieb ihm Dunkeln. Voller Dankbarkeit für seine Rettung und die Zuwendung, die die Hohermuths ihm entgegenbrachten, folgte er ihnen und bemühte sich, zu einem Entdecker zu werden. Darüber, wie er sich in Ägypten durchgeschlagen hatte, hüllte sich Georg in tiefes Schweigen. Wenn man ihn darauf ansprach, schien sich ein Vorhang zu senken und ließ eine bittere Zeit erahnen, die der Junge verdrängen wollte. Georg war der Sohn, den sich ihre Eltern immer gewünscht hatten. Mutig, intelligent und voller Begeisterung für Reisen in ferne Länder. Elise fühlte sich ihm anfangs unterlegen und konnte ihn bei ihrer ersten Begegnung nicht leiden. Aber eigentlich, so redete sie sich ein, war es ihr egal, da ihre Eltern und Georg ohnehin ständig unterwegs waren. Doch vor einem Jahr hatten Johann und Henni das Herz für ihre Tochter entdeckt und Elise das erste Mal auf eine Reise mitgenommen. Nach Ägypten, um Pyramiden und alte Steine zu erforschen. In ein Land ohne Badezimmer – jedenfalls dort, wo Elise wohnen musste -, aber mit riesigen Spinnen, gefährlichen Skorpionen und tödlich giftigen Schlangen. Georg hatte sich dort wie zu Hause bewegt, weshalb sich Elise noch mehr fehl am Platze gefühlt hatte. Sie hatte erwartet, dass ihre Eltern erkennen würden, wie wenig ihr an Abenteuern lag. Doch Henni und Johann hatten sie nun erneut auf eine Expedition mitgenommen - dieses Mal jedoch auf eine unendlich lange Reise und in ein Land, das weitaus bedrohlicher als Ägypten war. Guatemala. Ewig weit entfernt. Vier Wochen ihres Lebens musste sie jetzt auf diesem Dampfschiff verbringen. Vier Wochen mit Georg. Zu ihrer Überraschung hatte Elise eines Morgens in Ägypten ein Kribbeln im Bauch gespürt, als sie Georg sah. Sie suchte seitdem immer öfter seine Nähe und betrachtete plötzlich argwöhnisch alle Mädchen, die ihm zulächelten. Aber Georg sah in ihr bis jetzt nur die kleine Schwester, die er beschützte und ab und zu neckte. Vielleicht konnte sie ihn ja in Guatemala für sich einnehmen. Mit dieser Hoffnung im Herzen gelang es Elise langsam, der Reise etwas Gutes abzugewinnen. Das Klopfen an der Kajütentür ließ sie zusammenzucken. Mussten etwa alle Reisenden in die Rettungsboote evakuiert werden, weil das Schiff sank?


Kapitel 9 
An Bord der SAN NICOLAS, auf dem Weg nach Guatemala 1902 

Margarete starrte ins Wasser, das dunkel, beinahe schwarz, vor ihr lag. Nur die weißen Schaumkronen, die das Dampfschiff vor sich herjagte, setzten helle Akzente. Leise rollten die Wellen an das Weiß der Schiffswände, schienen nach ihr zu rufen. Sie hob den Kopf und schaute nach oben. Sternenklar war die Nacht. Nur einige wenige Wolken zogen über den Himmel und verbargen die Sterne für einen Moment. Wie hießen sie noch? War das der Große Wagen oder der Große Bär? Margarete zuckte die Schultern. Sie hatte nie verstehen können, dass man sich die Nacht um die Ohren schlug, um nach Sternbildern zu suchen. Für sie sah ein Stern aus wie der andere. Hell strahlend und weit weg. Sehr weit weg. So weit weg wie Juan. Sie schluckte und biss sich auf die Unterlippe, um die aufsteigenden Tränen zurückzudrängen. Nein, sie würde nicht um ihn weinen. Ob er wohl um sie trauern würde? Margarete trat einen Schritt näher an die Reling heran und lehnte sich nach vorne. In ihrem weißen Kleid würde man sie sofort erkennen. Wie Ophelia würde sie aussehen. Das blonde Haar um sich ausgebreitet, glänzend im Licht des Vollmonds. Nun gut, des zunehmenden Mondes. Wenn man sie gefunden hätte, würde es ihrem Vater leidtun, dass er sie zu etwas hatte zwingen wollen, das sie nicht wünschte. Aber dann wäre es zu spät. Und Juan würde zutiefst bereuen, dass er ihr nie geschrieben hatte. Mit Schwung setzte Margarete ihren Schnürstiefel auf eine Kiste und zog sich an der Reling hoch. Nur noch die schmalen Stäbe hielten sie vom Meer zurück. Ob Ertrinken schnell ging? Sie schluckte erneut. Ihre Kehle fühlte sich trocken an, während ihre Handflächen feucht wurden. War es wirklich die richtige Entscheidung? Aufgeben war doch nie eine Option für sie gewesen. Sie war eine Kämpferin, oder etwa nicht? Ein Geräusch ließ sie innehalten und lauschen. Schnell sprang sie von der Kiste und duckte sich in den Schatten der Rettungsboote. Mit angehaltenem Atem horchte sie ins Dunkel. Vielleicht drehte ein Matrose seine Runden. Oder einer der Passagiere aus dem Unterdeck nutzte die Einsamkeit der Nacht, um Luft zu schnappen. Fräulein Dieseldorf hatte sie vor ihnen gewarnt. Sie hatte Margarete verboten, abends allein an Deck zu gehen. „Denk an die Auswanderer. Schmutzige Menschen, die was weiß ich für Krankheiten mit sich tragen. Oder dich ausrauben werden." Margarete glaubte nicht daran, dass ihr einer der ärmeren Menschen übelwollte, aber sie wollte auch niemandem begegnen. Nicht heute Nacht. Heute wollte sie allein sein. Allein mit sich und der Entscheidung, die sie zu treffen hatte. Sie drückte sich hinter das Rettungsboot und blieb mit ihrem Kleid an einem Haken hängen. Hastig zog sie am Rock, bis sie das Kleid mit einem Ratsch losriss. Sie hätte besser etwas Unauffälligeres anziehen sollen. Das Weiß des edlen Stoffs leuchtete durch die Dunkelheit wie ein Fanal und würde jedem Menschen, der sich näherte, ihren Aufenthaltsort verraten. Leise atmete sie aus, schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Geräusche der Nacht. Nur das Pfeifen des Windes und das leise Plätschern der Wellen waren zu hören. Margarete streckte ihren Kopf hervor und kniff die Augen leicht zusammen, um etwas im Dunkel erkennen zu können. Nichts war zu sehen, ihr schlechtes Gewissen hatte ihr wohl einen Streich gespielt. Ein wenig tat es ihr leid um Fräulein Dieseldorf. Die Gouvernante würde sicher Ärger bekommen, weil Margarete ihr entwischt war und sich in die Wellen gestürzt hatte. Ihr Vater würde das Fräulein entlassen und sie mit Vorwürfen überschütten. Margarete biss sich wieder auf die Unterlippe. Auch wenn sie ihre Gouvernante nicht besonders mochte, wollte sie ihr nicht unbedingt mehr Ärger bereiten als notwendig. Sollte sie ihren Plan aufgeben und erst zu Hause eine Gelegenheit suchen, aus dem Leben zu scheiden? Nein! Bestimmt hatte Fräulein Dieseldorf ihre Finger im Spiel oder wenigstens von den Plänen ihres Vaters gewusst. Margarete erwartete wenig Gutes vom Fräulein, die sich für ihre Arbeit zu fein hielt und sichtlich bedauerte, dass sie sich um so ein schwieriges Mädchen wie Margarete kümmern musste. Jedenfalls sagte sie das oft genug. Dem Fräulein wäre es nur recht, wenn Margarete ebenfalls ein Leben im Unglück führen müsste. Und was wäre mit ihrer Familie? Großmama würde sich sicher Vorwürfe machen, aber … Warum hatte Großmama sich nicht auf ihre Seite gestellt? Margarete sah die alte Dame vor sich. Die grauen Haare zu einer strengen Frisur aufgesteckt, das Kreuz durchgedrückt, wirkte sie wie eine harsche Frau. Wie sehr der Eindruck täuschte. Niemand war so verständnisvoll und liebevoll wie ihre Großmutter. Jedenfalls hatte sie das immer geglaubt. Margarete kämpfte gegen die Tränen an. Nicht heute Abend. Wie konnte ihr Vater ihr das nur antun? Er hatte ihr doch fast jeden Wunsch erfüllt und es erschien ihr unvorstellbar, dass er in so einer lebenswichtigen Sache über ihren Kopf hinweg entschied. Was war nur in ihren Vater gefahren, dass er sie so behandelte? In den ersten Tagen, nachdem sie den verhängnisvollen Brief erhalten hatte, hatte sie immer wieder geweint, unterbrochen von Zornesausbrüchen, in denen sie mit allem geworfen hatte, was ihr in die Hände gefallen war. Ein einziges Schreiben hatte ihr Leben auf den Kopf gestellt. Wie rosig und wunderschön, wie eine der Orchideen, die ihre Großmutter pflegte, war Margarete ihre Zukunft bis zu jenem Brief erschienen. Wie sehr hatte sie sich gefreut, wieder nach Hause zurückzukehren. Obwohl sie es sich nicht eingestehen wollte, hatten sich immer wieder Gedanken an Juan eingeschlichen, war die Hoffnung gewachsen, ihn wiederzusehen und seine Liebe wiederzugewinnen. Mitten in ihre Freude hinein platzte der Brief. Der bittere, ungerechte, ihr Leben zerstörende Brief. Margarete war zu Boden gesunken und hatte das Schreiben dreioder viermal lesen müssen, weil sie es nicht glauben wollte. Nach der Fassungslosigkeit kamen die Tränen und mit rot geweinten Augen starrte Margarete auf die Worte. In dürren Sätzen teilte ihr Vater ihr mit, dass sie Karl Federmann heiraten sollte, sobald sie in Guatemala eingetroffen wäre. Karl, den Langweiler, den Sohn eines Fincabesitzers, den Margarete vielleicht dreimal in ihrem Leben gesehen hatte. Keine zehn Worte hatte sie mit ihm gewechselt, nicht einmal über das Wetter vermochte er zu plaudern. Nur die KaffeeErnte und der Weltmarktpreis hatten es ihm angetan. Margarete schüttelte sich, als sie sich an seine blassgrünen Augen erinnerte, mit denen er sie angestarrt hatte wie ein Jaguar ein Pekari. Nur unter Aufbietung aller Höflichkeit hatte sie die Treffen mit ihm überstanden. Und nun sollte sie ein Leben mit ihm verbringen! Niemals! Lieber würde sie sterben, als in einer Ehe mit diesem Karl lebendig begraben zu werden. Margarete schaute wieder in die dunkle See. Dunkel wie Juans Augen. Nun drohte der Kloß in ihrer Kehle sie zu ersticken und sie schluchzte auf. Juan. 

 Ein Jahr lang hatte sie nichts von ihm gehört. Kein Sterbenswörtchen. Warum hatte er ihr nie geschrieben? Vorsichtig hatte sie in ihren Briefen an Großmama nach ihm gefragt, war krank gewesen vor Sorge. Sie konnte kaum essen und magerte so stark ab, dass ihre Tante sie zu einem Arzt schleppte, der etwas von nervöser Erschöpfung murmelte. Endlich, endlich war der heiß ersehnte Brief von Großmama eingetroffen und … Kein Wort über Juan. Margarete schloss sich eine Woche in ihrem Zimmer ein und weinte sich die Augen aus dem Kopf. Mit letzter Kraft riss sie jeden Gedanken an Juan aus ihrem Herzen, hielt den Kopf hoch erhoben und stürzte sich in die Abenteuer Bremens. Nur nachts, wenn sie die Geräusche von La Huaca vermisste, das durchdringende Zirpen der Grillen, das dumpfe Brüllen der Affen und das laute Kreischen der Aras, spürte sie die Traurigkeit, die mit dem Heimweh einherging, in sich aufsteigen. Je näher der Termin ihrer Rückkehr kam, desto häufiger kehrten die Gedanken an Juan zurück. Manchmal sah sie in Bremens Straßen einen dunklen Haarschopf und lief dem Mann hinterher, ohne nachzudenken und mit klopfendem Herzen. Oder sie schaute in dunkle Augen, die sie an den Geliebten erinnerten und beinahe zum Weinen brachten. Selbst der Geruch von Kaffee, der ihre Nase kitzelte, ließ ihre Gedanken zu Juan wandern. Vor wenigen Tagen brach sie beim Anblick einer Orchidee in Tränen aus, weil sie an die weiße Nonne denken musste, die Juan ihr zum Abschied geschenkt hatte. Gerade, als Margarete bereit war, sich einzugestehen, dass sie Juan noch immer liebte und immer lieben würde, war der Brief ihres Vaters mit der Heiratsandrohung eingetroffen. Wie betäubt, hatte sie ihre Sachen gepackt und sich von Tante und Onkel verabschiedet. Ohne die Menschen um sich herum wahrzunehmen, war sie an Bord des Schiffs gegangen, das sie nach Guatemala bringen sollte. Nach Guatemala, in eine triste Ehe und eine triste Zukunft. In den langen Nächten an Bord hatte Margarete sich wieder und wieder von einer Seite auf die andere gewälzt, nach einer Lösung gesucht und gestern schließlich eine Entscheidung getroffen. Der Junge, den sie liebte, hatte sie vergessen und wohl eine andere gefunden. Ihre Familie hatte sie verraten und in der Heimat wartete ein Ehemann, den sie niemals lieben könnte. Nein, das Leben erschien ihr nicht mehr lebenswert. Mit einer energischen Bewegung schwang sie sich auf die Reling. „Halt!“, rief eine Stimme hinter ihr. So unverhofft angesprochen, zuckte Margarete zusammen und verlor das Gleichgewicht. Sie ruderte mit den Armen, aber zu spät. Mit einem Schrei stürzte sie in die Tiefe.