Samstag, 10. Dezember 2016

Clarissa Linden



*** Unsere Hälfte des Himmels ***
von
Clarissa Linden


Roman
448 Seiten
erscheint am 10.01.2017
im Knaur TB Verlag


Klappentext
lt.amazon.de
Ein großer Schicksals-Roman über 2 Frauen und ihren Traum vom Fliegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und über eine dramatische Mutter-Tochter-Beziehung. 
Frankfurt in den 30er Jahren: Johanna und Amelie sind dicke Freundinnen, die eine gemeinsame Sehnsucht verbindet: Sie wollen Pilotinnen werden und den Himmel erobern. Doch dieser Traum scheint im Deutschland der Nazi-Zeit unmöglich zu sein. Trotzdem halten beide zunächst an ihm fest – bis Amelie sich in Johannas Fluglehrer verliebt. Ein folgenschwerer Verrat trennt die beiden Freundinnen schließlich für immer. 
Kassel in den 70er Jahren: Amelies Tochter Lieselotte, die zu ihrer Mutter stets eine sehr distanzierte Beziehung hatte, wird plötzlich mit deren aufregender Vergangenheit konfrontiert. Allmählich lernt sie eine Amelie kennen, die sie hinter der kühlen Fassade niemals vermutet hätte – und ihr wird klar, dass diese Erkenntnis ihr eigenes Leben verändern wird. 
Historisch fundiert, dramatisch und mitreißend: Ein Roman über ungelebte Träume, Frauen-Freundschaft und die erste Beziehung im Leben einer Frau – die zu ihrer Mutter.



Exklusive Leseprobe


Kapitel 8
 „Mut ist der Preis, den das Leben verlangt, wenn es Frieden mit dir schließen soll." Amelia Earhart Frankfurt am Main, 1935 Begleitet von Jubelrufen der Menschenmenge, stieg das Flugzeug in den Himmel, steil, als existierte die Schwerkraft nicht. Junge Frauen in ihrem besten Sonntagsstaat drängten sich an der Absperrung, die die Flieger vom Publikum trennte, und versuchten, die Aufmerksamkeit der jungen Männer auf sich zu ziehen, die als nächste die Flugzeuge besteigen würden. Selbst die Mechaniker, sonst eher im Schatten der Piloten, ernteten heute Interesse und Anerkennung. Allerdings eher von älteren Herren, die sich nach Details der Flugzeuge erkundigten, als von den Mädchen, die kicherten und verstohlene Blicke mit den Fliegern tauschten. Amelie und ihre Freundinnen interessierten sich nicht für die Flieger, die betont gelassen und gelangweilt neben ihren Maschinen standen, bis sie ihren Einsatz hatten. Sie konzentrierten sich allein auf die Kunststücke, die die Piloten vorführten. Kunststücke, die derart spektakulär waren, dass Amelie sich fragte, wie lange man wohl üben musste, bis man sein Flugzeug so gut beherrschte. Fasziniert beobachtete sie, wie der Doppeldecker sich in schwindelerregende Höhen schraubte, um dann einen Looping zu drehen, der der Schwerkraft spottete. Stahlblau war der Rumpf des Flugzeugs, die Flügel von hellem Grau. Der Propeller schwirrte so schnell, dass seine Farbe kaum zu erkennen war. Vor Amelie stand eine Gruppe vielleicht zehnjähriger Jungen in kurzen Hosen und Oberhemden, die sich eben noch gebalgt hatten. Nun blickten sie alle gebannt in den Himmel, beschatteten die Augen mit der Hand, sichtlich fasziniert vom Können eines Piloten. Plötzlich geriet dessen Maschine ins Trudeln, torkelte durch die Luft, als hätte der Pilot die Gewalt über seine Maschine verloren. Erschrecktes Aufstöhnen erklang aus den Reihen der Zuschauer, das bald in erleichtertes Lachen überging, als das Flugzeug sich ausrichtete und in den Wolken verschwand. „Ein tollkühner Kerl“, war aus der Menge zu hören. „Ein zweiter Udet.“ Fremde klopften einander auf die Schultern, nickten wissend und tauschten sich über die Flugschauen aus, die sie bisher gesehen hatten. Nur Amelie vermochte sich der ausgelassenen Stimmung nicht anzuschließen. So wenig wie ihre drei Freundinnen, mit denen sie hierher angereist war. „Wir hätten nicht herkommen sollen.“ Tränen der Wut stiegen Amelie in die Augen, als sie von einer Freundin zur nächsten schaute. Alle Gesichter waren dem Himmel zugewandt, wo die Männer in ihren Doppeldeckern weiterhin Kreise drehten. Auf allen Gesichtern zeichnete sich Sehnsucht ab, eine derart tiefe, unerfüllte Sehnsucht, dass es Amelie ins Herz traf. „Es gibt nichts Schlimmeres, als nur zusehen zu müssen.“ Vor einigen Jahren noch hatte es Frauen bei den Flugschauen gegeben, einige wenige zwar, aber dafür kannte jeder deren Namen. Elly Beinhorn, Thea Rasche, Marga von Etzdorf. Flugwettbewerbe speziell für Frauen hatte es gegeben, bei denen man sich einen Namen machen konnte. Heute jedoch waren es nahezu ausschließlich Männer, die sich in die Lüfte erheben durften. Frauen sollten ihnen zujubeln und sie bewundern, aber nicht mit ihnen um Rekorde und Preise konkurrieren. „Selbst wenn wir nicht fliegen, lohnt es sich schon wegen der Maschinen.“ Helma, optimistisch wie stets, konnte in allem etwas Gutes finden. „Ich werde nachher versuchen, mich bei den Piloten einzuschleichen. Den Motor der Flamingo will ich mir unbedingt ansehen.“ „Eines Tages werde ich auch dort oben schweben, und die Menschen werden mir zujubeln.“ Johanna beschattete die Augen mit der Hand, während ihr Blick der Raka RK 26 a Tigerschwalbe folgte, die in den Wolken verschwand. „Und dir auch, mein Albatros.“ Lachend umarmte Amelie ihre Freundin, deren Zuversicht sie ihre schlechte Laune vergessen ließ. Vielleicht hatten Helma und Johanna ja recht, und es war wichtig, den Moment zu genießen und sich an dem zu erfreuen, was sie hatte, anstatt über das zu jammern, was sie nicht bekam. „Die Tigerschwalbe wollte doch Gudrun unbedingt sehen. Warum ist sie eigentlich nicht mitgekommen?“ Amelie hatte sich sehr gewundert, dass die passionierte Segelfliegerin sie heute Morgen nicht am Bahnhof erwartet hatte. „Wollte sie nicht nur am Boden stehen?“ Etwas, das Amelie nur zu gut verstehen konnte. Bei jeder Flugschau, die in der Nähe von Frankfurt stattfand, fühlte sie sich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, die Kunststücke zu bewundern, und dem Neid, nicht selbst fliegen zu dürfen. „Nein.“ Vera schaute zu Boden, als wagte sie es nicht, Amelie ins Gesicht zu sehen. „Nein. Das ist es nicht.“ 

„Nun hör auf mit der Geheimnistuerei.“ „Gudrun hat einen neuen Freund“, platzte Helma heraus. Noch nie hatte die stämmige Frau ein Geheimnis lange für sich behalten können. Daher hatten Amelie und Johanna ihr auch nichts von ihren Plänen erzählt. „Einen SA-Mann. Er will nicht, dass Gudrun fliegt. Das gehört sich nicht für eine Frau, sagt er.“ „Sie lässt euch grüßen“, fügte Vera leise hinzu. Nun blickte sie auf, und Amelie konnte die Traurigkeit in ihren Augen erkennen. „Gudrun wird in Zukunft auch an unseren Wochenenden nicht mehr dabei sein.“ Keine von ihnen sagte ein Wort. Diesen Schreck mussten sie erst einmal verdauen. Nicht Gudrun!, dachte Amelie. Gudrun war diejenige gewesen, die immer fest daran geglaubt hatte, dass Frauen alles erreichen könnten, wenn sie nur wollten. So wie sie alle hatte Gudrun große Zukunftspläne geschmiedet, die ums Fliegen kreisten. Eine zweite Marga von Etzdorf hatte sie werden wollen. Mit ihren Rekorden hatte Gudrun die Welt und ihre Familie beeindrucken wollen. Und nun das. „Für einen Mann?“ Amelie konnte und wollte es nicht glauben, dass ihre Kameradin eine derart weitreichende Entscheidung aus so einem nichtigen Grund getroffen hatte. „Für einen Mann gibt sie das Fliegen auf. Warum?“ „Ach, mein Albatros.“ Johanna boxte sie neckend in die Seite. „Wenn du das nicht begreifen kannst, werden wir es dir auch nicht erklären können.“ „Würdet ihr für einen Mann euren Traum aufgeben?“ Forschend wanderte Amelies Blick von einer Freundin zur nächsten. „Nun sagt schon.“ „Es ist nun einmal die Bestimmung der Frau, zu heiraten“, antwortete Helma schließlich, die trotzig die Unterlippe vorschob, als wäre sie bereit, sich gegen jede Kritik zu verteidigen. „Ich liebe das Fliegen auch, aber spätestens, wenn ich Mutter bin, werde ich damit aufhören müssen.“ Von dir habe ich auch nichts anderes erwartet, dachte Amelie, ohne es jedoch auszusprechen. Helma gehörte zu denen, die auch schon einmal einen Segelflugtag ausfallen ließen, um stattdessen im Schwimmbad das schöne Wetter zu genießen. Nun musterte sie Vera, deren schmales Gesicht rot angelaufen war, als wäre ihr das alles furchtbar peinlich. Vera war die Gelassenste von ihnen, diejenige, die stets zurücksteckte, wenn eine andere fliegen wollte. Obwohl sie nun bereits seit mehr als einem Jahr miteinander flogen, wusste Amelie nicht viel über die andere Frau. Manchmal dachte sie, dass Vera ein großes Geheimnis hinter ihrer ruhigen Art verbarg, an anderen Tagen meinte sie, dass ihre Kameradin einfach nur erwachsener wäre als sie alle. „Nein, würde ich nicht.“ Nun sah Vera Amelie direkt an, mit einem derart brennenden Blick, dass diese sich wunderte. „Nicht für einen Mann. Aber es gibt Wichtigeres als die Fliegerei, auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst.“ „Was meinst du?“ Fast schien es Amelie, als wäre hinter der ruhigen, stillen Fassade die wahre Vera aufgeblitzt, eine Frau, die sie nicht kannte und die sie sicher überraschen würde. „Ich dachte, dir bedeutet das Fliegen so viel wie uns.“ „Ich liebe es“, entgegnete Vera mit unglaublicher Vehemenz. Ihre hellen Augen blitzten, als wollten sie Amelie durchschauen. „Du hast keine Ahnung, wie sehr. Aber in einer Zeit wie dieser zählen individuelle Wünsche nicht.“

Nach diesen Worten drehte sie sich um und verschwand in der Menge, die nun voller Begeisterung einem jungen Piloten zusah, der sich versuchte an dem Kunststück, das durch Ernst Udet berühmt geworden war. Amelie sah ihr nach und schüttelte ungläubig den Kopf. Auf der Rückfahrt nach Frankfurt würde sie versuchen herauszufinden, was sich hinter Veras überraschendem Ausbruch verbarg. Nun blieb nur noch eine, die ihre Frage nicht beantwortet hatte. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Flieger zu, der sein Flugzeug tief zu Boden senkte, so dass man ihm die Anstrengung ansehen konnte, die ihm das Husarenstück abverlangte. Mit konzentriertem Blick richtete der Mann seine Maschine schräg aus, um mit dem linken Flügel das Taschentuch aufzuheben, das die Helfer dort platziert hatten. Aber er patzte. Beim ersten Anlauf, beim zweiten und auch beim dritten. Schließlich musste er unverrichteter Dinge wieder in die Höhe aufsteigen, was ihm dennoch freundlichen Applaus einbrachte. „Das hätte jede von uns besser gekonnt“, murmelte Helma. Dafür erntete sie böse Blicke und höhnische Kommentare der Umstehenden, was sie jedoch ignorierte. „Und du?“, wandte Amelie sich nun Johanna zu, die ihre Frage bisher nicht beantwortet hatte. Ihre Freundin hatte sich mit dem für sie so typischen schiefen Lächeln auf dem Gesicht alles angehört, ohne ein Wort dazu zu sagen. „Wartest du auch nur auf den Richtigen?“ „Was meinst du wohl, Albatros?“ Johanna suchte in ihrer Handtasche nach dem silbernen Etui, in dem sie ihre Zigaretten aufbewahrte. Mit aufreizender Langsamkeit öffnete sie die elegante Dose, nahm eine Zigarette heraus, zündete sie an. Genießerisch zog sie den Rauch ein, bevor sie ihn langsam wieder ausatmete. „Bin ich eine Frau, die wartet? Wie wichtig ist mir das Fliegen?“ „Die deutsche Frau raucht nicht“, schimpfte ein dicker Mann, das Gesicht rot vor Zorn. Breit wie ein Panzer walzte er auf sie zu. „Du solltest dich schämen.“ „Haben wir schon zusammen Schweine gehütet, oder warum duzen Sie mich einfach?“ Johanna stieß den Rauch aufreizend langsam aus, blies ihn dem Mann direkt ins Gesicht. Erneut konnte Amelie ihre Freundin nur dafür bewundern, dass sie sich von nichts und niemandem ins Bockshorn jagen ließ, sondern sofort Kontra gab, sobald jemand sie angriff. Die meisten Menschen reagierten so wie der Dicke: Sie wandten sich ab und gingen davon, vor sich hin schimpfend, aber zu feige, weiterhin die Konfrontation auszuhalten. „Dir gehört der Himmel …“, beantwortete Amelie die Frage ihrer Freundin und damit auch ihre eigene, „… und du gehörst dem Himmel. Nichts wird dich je vom Fliegen abhalten.“ Aus dem Augenwinkel bemerkte Amelie den Blick, mit dem Helma Johanna und sie ansah. Sie meinte etwas wie Neid in deren Blick zu erkennen, Neid und Unverständnis. Jemand wie Helma, für die das Fliegen nur ein Spaß war, würde sicher nie begreifen, wie viel die Freiheit über den Wolken für Johanna und Amelie bedeutete. „Und du, Amelie? Gibt es etwas, dass dich daran hindern wird, unseren Traum zu leben?“ Nur zu gut verstand Amelie, was sich hinter Johannas leichthin ausgesprochenen Worten verbarg. Auch der scheinbar spöttische Tonfall verbarg die Wahrheit nicht. Die lag in Johannas Augen. Prüfend musterten sie Amelie, so dass diese sich versucht fühlte, den Blick abzuwenden. „Kann ich mich auf dich verlassen?“ „Ich hole mir etwas zu essen“, sagte Helma, die sich sichtlich unbehaglich fühlte. „Wollt ihr auch etwas?“ „Danke“, antwortete Johanna, ohne ihren Blick von Amelie abzuwenden. „Wir treffen uns nachher am Bahnhof.“ Amelie wartete, bis Helma gegangen war, bevor sie Johannas Fragen beantwortete. „Du weißt, dass ich mit dir nach Berlin gehen werde, wenn die Bücker-Werke uns nehmen. Das habe ich dir versprochen.“ Sie holte tief Luft. „Aber meine Mutter hat nun einmal niemanden außer mir.“ „Deshalb würdest du mich im Stich lassen?“ Wütend warf Johanna die nur zu Hälfte gerauchte Zigarette zu Boden und trat sie aus. „Da hätten wir uns die Reise nach Berlin sparen können.“ Sie drehte sich um und ging mit ausholenden Schritten davon. Ihr weiter Rock schwang um ihre schlanken Beine. Alles an ihr strahlte Abwehr und Zorn aus. „Hanni!“, rief Amelie, aber ihre Freundin hob nur die Hand als Zeichen, dass sie nichts mehr hören wollte. Amelie fühlte sich hundsmiserabel. Der Tag hatte so schön begonnen mit ihrem gemeinsamen Ausflug. Sie wollte nicht, dass er in Missstimmung und Zorn endete, und fürchtete, dass es für sie keinen Ausweg gab. Sollte der Brief aus Berlin eintreffen, würde sie sich zwischen den beiden Menschen entscheiden müssen, die ihr am meisten bedeuteten. Ihrer Mutter und Johanna. Amelie wischte sich die Tränen aus den Augen. „So unglücklich an diesem schönen Sonnentag?“

Überrascht blickte Amelie auf. Vor ihr standen zwei schlaksige Männer, vielleicht zwei, drei Jahre älter als sie, die Gesichter rot, wohl von der Sonne, aber auch vom Bier, dem sie anscheinend reichlich zugesprochen hatten. Jeder von ihnen hielt ein halbvolles Glas in der Hand. „Komm mit. Wir geben dir ein Bier aus. Oder eine Limonade, und dann kriegst du schon bessere Laune.“ Der Sprecher strich sich das blonde Haar aus der Stirn. Dann griff er überraschend nach Amelies Arm, schneller und zielsicherer, als sie erwartet hätte. Mit festem Griff zog er sie so nah an sich heran, dass sie seine Bierfahne deutlich riechen konnte. Seine wasserblauen Augen waren blutunterlaufen, und er grinste sie breit an. „Bist du allein hier?“ „Ich … ich“, stammelte sie, während sie versuchte, sich seinem Griff zu entwinden. Doch er packte nur noch fester zu, so dass sie einen kleinen Schmerzensschrei ausstieß. Johanna wäre sicher eine passende Antwort eingefallen, dachte sie, während sie verzweifelt überlegte, wie sie dieser unangenehmen Situation entkommen könnte. Erneut spürte sie Tränen aufsteigen. Tränen der Wut und der Hilflosigkeit. Jemand stieß den Blonden zur Seite und griff sanft nach ihrem Ellbogen. „Die Dame ist mit mir hier.“ Amelie musste den Kopf verdrehen um herauszufinden, zu wem die Stimme gehörte. Ihr Retter war ein schlaksiger Mann, etwa im gleichen Alter wie ihr Angreifer, gekleidet in einen dunklen Anzug, der einen Tick zu elegant für die Flugschau wirkte. Seine dunklen Haare waren länger, als es modern war, und in seinen grünen Augen erkannte sie Zorn. „Würden Sie meine Begleiterin jetzt bitte loslassen?“

Derart viel ruhige Autorität lag in seiner Stimme, dass der Blonde Amelies Arm freigab und ein paar Schritte zurücktrat. Dann drehte er sich um und ging davon, wobei er etwas vor sich hin murmelte, was sich wie eine Beleidigung anhörte. Bevor Amelie ihm danken konnte, stürmte Helma auf sie zu, blanke Panik auf dem Gesicht, die Augen weit aufgerissen. „Amelie, Amelie, komm mit! Es ist etwas mit Vera passiert.“ So viel Angst klang aus Helmas Stimme, dass Amelie sich von ihrem Retter losreißen musste, was sie zu ihrer Überraschung sofort bedauerte. „Vielen Dank. Ohne Sie …“, begann sie, doch Helma ließ sie nicht ausreden. „Amelie, komm. Wir müssen Hanni finden und Vera retten.“ „Felix, da bist du ja.“ Eine auffallend schöne Frau mit roten Haaren und heller Haut hakte sich bei Amelies Retter unter. „Die anderen warten schon. Wir wollen zurück nach Frankfurt.“ Amelie und der Mann wechselten einen Blick. Er öffnete den Mund, als ob er etwas sagen wollte, doch da zerrte ihn die Rothaarige schon davon. „Was ist mit Vera?“, fragte Amelie, während sie sich bemühte, ihrem Retter nicht hinterherzustarren. „Hat sie sich verletzt?“ „Schlimmer.“ Helmas Stimme klang wie zersplittertes Glas. „Amelie, sie hat Flugblätter verteilt und ist erwischt worden.“ „Was denn für Flugblätter?“, fragte Amelie, als die Erkenntnis sie mit Wucht traf. Das konnte nicht sein. Nicht Vera, nicht ihre stets fröhliche Flugkameradin. Niemals hätte sie Vera für eine Politische gehalten.


Kapitel 9

 „Das Fliegen ist aufregender als die Liebe zu einem Mann und viel gefahrloser." Thea Rasche Frankfurt am Main, 1935 „Du könntest mich heute Nachmittag abholen.“ Johannas Augen blitzten. Sie wirkte zufrieden wie schon lange nicht mehr. Geduckt stand sie neben Amelie im Hauseingang und stemmte sich gegen den Wind, der überraschend aufgefrischt hatte. Die Hand hielt sie schützend über die brennende Zigarette. „Oder hast du etwas Besseres vor?“ „Ich muss meiner Mutter bei der Wäsche helfen“, wehrte Amelie ab. Das stimmte, aber ebenso stimmte es, dass sie ungern zum Flughafen ging, wenn sie nur Zuschauerin sein konnte. Auch wenn sich Amelie damit abgefunden hatte, dass sie wenig Geld besaß, schmerzte es dennoch, all die schönen Flugzeuge zu sehen, in dem Wissen, sie nicht fliegen zu können. Sie gönnte Johanna deren Flugstunde aus vollem Herzen, aber dennoch brachte Amelie es nicht über sich, am Boden zu bleiben, um auf ihre Freundin zu warten. „Das habe ich ihr versprochen.“ „Ach, mein Albatros.“ Johanna schaute Amelie so bittend an, dass diese sofort ein schlechtes Gewissen bekam. „Kannst du dich mit der Wäsche nicht beeilen? Heute lerne ich meinen neuen Fluglehrer kennen und muss wissen, was du von ihm hältst.“ „Er wird schon gut sein“, entgegnete Amelie, während sie 14 überlegte, ob es eine Möglichkeit gäbe, sowohl den Wünschen überlegte, ob es eine Möglichkeit gäbe, sowohl den Wünschen ihrer Mutter als auch denen Johannas entgegenzukommen. „Wenn Erich Wiegmeyer ihn empfohlen hat, dann kann er fliegen.“ „Mag sein. Aber ich will wissen, ob er für mich der Richtige ist.“ Johanna zog eine Schnute. „Aber wenn dir die Wäsche wichtiger ist als ich …“ Amelie fühlte sich erpresst, aber sie wusste nur zu gut, dass sie sowieso nachgeben würde – so wie immer. Dabei gab es nichts Traurigeres, als am Boden darauf zu warten, dass Johanna ihre Flugstunde beendete. Am Flughafen zu sein, ohne selbst zu fliegen, war wie an einem Buffet zu stehen, ohne davon kosten zu dürfen. Bei den ersten Gelegenheiten, als sie Johanna begleitet hatte, hatte Amelie versucht, sich mit den Männern zu unterhalten, die sich dort aufhielten. Flugbegeisterte, die jeden Flugzeugtyp beim Namen kannten, oder Mechaniker in Blaumännern, die sich nur für Flugzeuge und Windgeschwindigkeiten interessierten. Obwohl auch Amelie es liebte, über die unterschiedlichen Flugzeugmodelle zu reden, blieb das Gefühl, dass die Männer lieber unter sich sein wollten und sie nicht ernst nahmen. Wie hatte Johanna fliegende Frauen genannt? Klavier spielende Katzen – ja, so fühlte Amelie sich am Flughafen. Johanna hingegen bewegte sich dort wie ein Fisch im Wasser. Ihr starrten die Männer bewundernd nach, wenn sie mit beschwingten Schritten zu ihrem Flugzeug ging. „Ist sie nicht“, beschwichtigte Amelie. „Aber du weißt doch, dass ich meiner Mutter helfen muss. Sie hat ja nur mich.“ „Wenn das so ist …“ Johannas Augen wurden schmal. Sie schaute Amelie mit diesem Blick an, den sie nur zu gut kannte und fürchtete. „ … dann sollten wir unsere Berlin-Pläne wohl noch einmal überdenken. Obwohl ich ein gutes Gefühl habe. Im Gespräch war ich überzeugend.“ „Aber …“ Amelie musste schlucken, damit ihre Stimme nicht versagte. Wie konnte Johanna nur so etwas Grausames sagen? „ … wir wollten doch gemeinsam nach Berlin gehen. Ohne dich schaffe ich das nicht.“ Auch sie war nach ihrem Vorstellungsgespräch euphorisch gewesen. Sie hatte alle Fragen beantworten können und den Eindruck gewonnen, dass Firma Bücker Flugzeugbau ernsthaft an ihr interessiert war. Bei der Rückfahrt von Berlin nach Frankfurt hatten Johanna und Amelie sich ihr zukünftiges gemeinsames Leben in Berlin in den buntesten Farben ausgemalt. Seither warteten sie jeden Tag auf den Brief der Bücker-Werke, hoffentlich mit einem positiven Bescheid. Doch bisher hatten sie vergeblich gewartet. Und nun drohte ihr ihre Freundin auch noch damit, die gemeinsame Zukunft aufgeben zu wollen. „Ach, Albatros.“ Johanna nahm einen Zug von der Zigarette, bevor sie sie auf den grauen Steinen ausdrückte. „Natürlich würde ich dich nicht im Stich lassen. So wie du mich nicht allein lässt, wenn ich dich brauche, nicht wahr?“ „Ich … ich versuche, dich heute Nachmittag abzuholen.“ Amelie hoffte, dass ihre Stimme nicht zu sehr zitterte. Ohne ihre Freundin fände sie niemals den Mut, Frankfurt zu verlassen. Manchmal fürchtete sie, dass Johanna das ahnte und ihr daher ab und zu einen Schrecken einjagen wollte. Bei Johanna wusste man nie, ob sie es nicht doch ernst meinte. „Wir beide gehen nach Berlin.“ Ihre Freundin war wieder ganz die Alte und lächelte. „Und du kommst heute am Flugplatz vorbei.“

 Damit war es beschlossene Sache, weil Johanna sicher sein konnte, dass Amelie nun nicht nein sagen würde. Vielleicht hat Mama ja recht, wenn sie mich vor Johanna warnt, dachte Amelie. Sie hat Eltern, die genug Geld haben, ihr das Ganze zu bezahlen. Ich muss mir alles erkämpfen. Obwohl diese Gedanken sie stachen, würde Amelie es nicht übers Herz bringen, sich Johannas Wünschen zu widersetzen. Schließlich waren sie Freundinnen. Für immer. Nichts und niemand würde sie auseinanderbringen. Wie lange würde sie Hanni hier wohl noch abholen, fragte sich Amelie, da vor einem Jahr die Ausschachtungsarbeiten für den neuen Flughafen begonnen hatten. Auch wenn sie es Johanna gegenüber nicht zugeben wollte, fühlte Amelie sich am Flughafen Rebstock ähnlich unglücklich wie bei der Flugschau. Den Flugzeugen nachschauen zu müssen in dem Wissen, mangels finanzieller Mittel nur eine Randposition einnehmen zu können, deprimierte sie. Selbst wenn ihr Blick den aufsteigenden Maschinen folgte und sie sich mit viel Fantasie in deren Cockpits versetzte, so gelangte Amelie immer wieder an den Punkt, an dem sie erkannte, dass sie eben nicht flog, sondern nur den Fliegern hinterherschauen konnte. Trotz ihrer Vorbehalte saß sie dennoch, wie sie es ihrer Freundin versprochen hatte, an einem der Tische des Passagier- und Besucherbereichs, um auf Johanna zu warten. Dank der wärmenden Sonne hatte der Außenbereich geöffnet. Geschützt von einem Sonnenschirm, harrte Amelie nun schon mehr als eine halbe Stunde der Ankunft ihrer Freundin. Die Zeit hatte sie genutzt, um einen Unterstützungsbrief zu entwerfen, mit dem die Segelfliegerinnen sich für Vera einsetzen wollten. Die Gruppe hatte lange darüber diskutiert, ob sie ihrer Kameradin helfen wollten, oder ob das zu gefährlich für sie werden könnte. Amelie und Helma hatten sich sehr für Vera eingesetzt und die anderen Fliegerinnen davon überzeugen können, etwas zugunsten ihrer Freundin zu unternehmen. Allerdings um den Preis, dass Amelie das Schreiben verfassen musste, was ihr unglaublich schwerfiel. Bestimmt ein Dutzend Briefe hatte sie begonnen und dann wieder verworfen, weil ihr keiner passend erschien. Weil keiner dem Anlass entsprach, weil sie fürchtete, dass Veras Leben auf dem Spiel stand. Wie sollte sie Worte finden, die eine Freundin vor dem Tod bewahrten? Amelie versuchte sich einzureden, dass ihre Sorge unbegründet und übertrieben wäre. Schließlich hatte Vera nur Flugblätter verteilt. Dumm möglicherweise, aber sicher nichts, wofür man den Tod verdiente, nicht wahr? Auch wenn sie dies wiederholte und wiederholte, musste Amelie immer wieder an die Gerüchte denken, die ihr zu Ohren gekommen waren. Von Menschen, die einen Witz mit dem Leben bezahlten, von Menschen, die man nachts aus ihren Häusern gezerrt hatte, weil sie etwas Kritisches gesagt hatten. Wir kennen Vera seit ihrem Eintritt in unsere Gruppe vor drei Jahre. Wir hatten sehr häufig die Gelegenheit mitzuerleben, dass unsere Kameradin die Ideale des Fliegerlebens ausdrücklich vertritt. Dies lässt uns zu der Annahme gelangen, dass sie sich auf allen Gebieten derart engagiert. Möglicherweise hat ihre Leidenschaft Vera dazu verleitet, sich für etwas Falsches einzusetzen. Wir sind uns sicher, dass unsere Kameradin ihren Irrglauben einsehen wird, wenn man ihr die Zeit und Gelegenheit gibt. Wir bitten daher das Gericht, in Betracht zu ziehen, dass Vera die Fehler in jugendlichem Überschwang beging, und hoffen, dass sie eine Möglichkeit zur Wiedergutmachung erhalten wird. Nein, das klang … geschraubt und unglaubwürdig. So würden sie Vera niemals helfen können. Möglicherweise war Amelie einfach nicht die Richtige für so eine heikle Aufgabe. Sie seufzte, zerknüllte das Papier und steckte es in ihre Tasche. Inzwischen war nur noch ein winziger Rest von ihrer „Hassia"-Limonade im Glas verblieben, aber ein zweites Getränk wollte Amelie sich nicht leisten. Erneut sah sie zu der großen Standuhr, die sich auf der Spitze eines meterhohen Obelisken befand. Noch zehn Minuten. Dann gehe ich. Hinter ihr hörte sie, wie ein Flugzeug die Motoren anlaufen ließ. Da sie nichts Besseres zu tun hatte, drehte Amelie sich um. Neugierig waren einige Menschen zu dem schmalen Zaun gelaufen, der den Parkplatz für Flugzeuge von dem Besucherbereich abtrennte. Langsam rollte die Maschine davon, auf die Startbahn zu. Ob sie es wohl je ins Cockpit einer der großen Passagiermaschinen schaffen könnte?, fragte sich Amelie. So wie Marga von Etzdorf, die als Copilotin bei der Deutschen Luft Hansa gearbeitet hatte. Sie schaute dem Flugzeug nach, sah, wie es an Geschwindigkeit gewann, bis es sich von der Rollbahn löste und sich in die Luft erhob. Nein, beantwortete sie sich ihre Frage. Ich will gar nicht eine der großen Maschinen fliegen; meine Welt sind die kleinen, wendigen Flugzeuge. Die, in denen ich jede Bewegung spüre, in denen ich dem Wind ausgesetzt bin, die alles von mir fordern. „Noch etwas zu trinken?“ Die Kellnerin, eine schlecht gelaunte Frau mit müden Augen, sah Amelie auffordernd an. „Nein, nein danke. Ich habe noch.“ Amelie zog das Glas zu sich heran und hielt es fest. „Ich bin verabredet.“ „Aber ewig könnense hier nicht sitzen, ohne was zu trinken.“ „Ich weiß.“ Amelie wartete ab, bis die Kellnerin gegangen war. Dann schaute sie ein weiteres Mal auf die Uhr, bevor sie ihre Entscheidung traf. Jetzt reicht es. Ich gehe. Amelie trank den letzten Schluck Sprudel, der schal schmeckte, und stand auf. Sie durfte sich das wirklich nicht mehr von Johanna gefallen lassen. In diesem Augenblick, als hätte sie geahnt, dass Amelie gehen wollte, kam ihre Freundin aus der Halle, in der die Schulflugzeuge standen. Sie hatte bei einem Mann untergehakt, auf den sie einredete. Hochgewachsen war er, größer noch als Johanna, und schlaksig wie ein junges Fohlen. Der Wind zerzauste sein dunkles Haar, das er etwas länger trug als die anderen Männer, die Amelie kannte. Sie kniff die Augen leicht zusammen, um gegen die Sonne zu blinzeln. Etwas an ihm kam ihr vage bekannt vor, aber es wollte ihr nicht einfallen, was es war. Erst als sich die beiden näherten, die so vertraut miteinander wirkten, erkannte Amelie den Mann wieder. Es war ihr Retter vom Tag der Flugschau. Siedend heiß fiel ihr ein, dass sie Johanna nichts von dem Erlebnis erzählt hatte. Zuerst hatte sie es in der Aufregung wegen Veras Verhaftung vergessen, später hatte Amelie es genossen, ein Geheimnis vor ihrer Freundin verbergen zu können. Sie hatte ja auch nicht ahnen können, ihren Retter jemals wiederzusehen. Geschweige denn, dass er an Johannas Arm direkt auf Amelie zukäme. Was sollte sie nur tun?, überlegte sie fieberhaft. Am klügsten erschien es ihr, vorzugeben, dass sie den Mann nicht kannte, dass sie sich nicht an den Tag der Flugschau erinnerte. Ach, was machte sie sich überhaupt dermaßen viele Gedanken? Ihr Retter würde sich sowieso nicht an Amelie erinnern, und er würde sie gewiss nicht beachten, solange Hanni in der Nähe wäre. Während Amelie den Mann noch anstarrte, hatte Johanna sie endlich entdeckt und winkte ihr fröhlich zu. Das Lächeln ihrer Freundin wirkte so unbeschwert und glücklich, dass Amelie ihren Ärger über Johannas Verspätung vergaß und ihrer Freundin entgegenging. Den Kopf hielt sie gesenkt, damit ihr Retter sie nicht erkannte. „Das ist Felix von Bissing, mein neuer Fluglehrer.“ Wie typisch für Johanna, diesen Mann als ihr Eigentum zu betrachten. Ganz selbstverständlich hatte ihre Freundin sich bei dem gutaussehenden Flieger untergehakt, als würde sie ihn schon ewig kennen. „Er sagt, dass ich wirklich gut bin.“ „Guten Tag.“ Felix von Bissing streckte Amelie die Hand entgegen. Sie war so bezaubert von ihm, dass sie nicht reagieren konnte, sondern ihn nur anlächelte. „Kennen wir uns? Oder kommt es mir nur so vor, weil Hanni so viel von Ihnen erzählt hat?“ „Hat sie das?“, kiekste Amelie als Antwort. Immerhin brachte sie die Geistesgegenwart auf, ihm die Hand zu schütteln.

„Guten Tag.“ Nur Johanna nicht merken lassen, dass ich ihren Fluglehrer interessant finde. Auf keinen Fall darf sie herausfinden, dass er mich gerettet hat. „Sie fliegen auch?“, fragte Felix von Bissing. „Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen gern Unterricht.“ „Danke, aber das kann ich mir leider nicht leisten“, musste Amelie eingestehen. Warum nur musste sie immer ehrlich sein? Bestimmt verlor Felix von Richthofen jetzt jegliches Interesse an ihr. „Aber ich will Werksfliegerin werden.“ „Wir wollen Werksfliegerinnen werden“, mischte Johanna sich ein, der es sichtlich missfiel, am Rande des Gesprächs zu stehen. „Um zu beweisen, dass auch Frauen das können.“ „Ein mutiger Traum. Vor allem in heutiger Zeit.“ Felix von Bissings Gesicht wirkte düster, was Amelie beunruhigte. „Wo man Frauen lieber am Herd als in den Lüften sieht.“ Amelie erschrak. Wusste der Flieger denn nicht, wie gefährlich seine Worte waren? Nur zu deutlich stand ihr Vera vor Augen, deren panischer Blick, als sie von den Männern der Gestapo abgeführt worden war. Angespannt schaute sie sich um. Glücklicherweise hatte wohl keiner der Mechaniker oder anderen Flieger diese Worte gehört. Staatskritische Worte, die einen ins Gefängnis bringen konnten. Obwohl sie sich kaum für Politik interessierte, wusste Amelie eines genau: Auch wenn man nicht mit der Politik Adolf Hitlers einverstanden war, hielt man darüber lieber den Mund. Das hatte ihre Mutter ihr immer wieder gepredigt. „Sei still. Vor allem Johanna gegenüber“, hatte Luise gesagt. „Deren Vater ist ein hohes Tier in der Partei. Der legt bestimmt jedes Wort auf die Goldwaage.“
„Hanni ist meine Freundin“, hatte Amelie widersprochen. „Wenn ich ihr gegenüber nicht ehrlich sein kann, bei wem denn dann?“ „Du musst sie ja nicht belügen“, hatte ihre Mutter abschlie- ßend gesagt. „Nur mit deiner Meinung hinterm Berg halten, wenn sie gegen die Partei geht.“ „Mich interessiert nicht, was die NSDAP macht.“ Amelie war aufgesprungen und hatte den Tisch verlassen. „Hanni bestimmt auch nicht.“ Heute nun, nachdem Vera wegen ein paar Flugblättern verhaftet worden war, konnte Amelie die Vorsicht ihrer Mutter besser verstehen. Wie also kam es, dass Johannas Fluglehrer so deutliche Worte fand? Worte, die nicht nur ihn, sondern auch ihre beste Freundin und sie gefährden konnten. „So was dürfen Sie nicht sagen“, flüsterte sie und schaute Felix von Bissing ängstlich an. Offen erwiderte er ihren Blick und lächelte, als hätte er nur einen Witz gemacht. „Ach, lass nur“, warf Johanna ein, die sich immer noch bei ihrem Fluglehrer untergehakt hatte. „Felix schwingt gern große Reden. Das muss er auch. Schließlich studiert er Jura. Die sind immer so oberschlau.“ Felix von Bissing lachte laut auf. Ein wirklich angenehmes Lachen, dachte Amelie, die es piesackte, dass der Fluglehrer nur Augen für Johanna hatte und sich anscheinend nicht mehr an sein Zusammentreffen mit ihr erinnerte. Obwohl Amelie das zur Genüge kannte, traf es sie heute stärker als sonst. Sie wünschte sich, dass der Student mit den frechen Worten und den dunklen Augen anders wäre als all die anderen Männer, dass er sich für mehr interessierte als blonde Haare und lange Beine. Dann jedoch schämte sie sich für dieses Aufwallen von Eifersucht. Was für eine schlechte Freundin sie doch war, dass sie Johanna den Mann neidete, der ihr so gut gefiel. „Wo haben Sie fliegen gelernt?“, fragte Amelie daher. Sie hoffte, dass ihre Stimme nicht zu sehr zitterte.

Kapitel 10 Frankfurt am Main, 1971 Raus. Ich muss hier raus, hat Lieselotte gedacht, nachdem sie den Brief entdeckt hatte. Ohne sich eine Jacke überzuziehen, ist sie aus der Wohnung gestürmt und einfach drauflos gelaufen, während sich ihre Gedanken überschlagen haben. Immer wieder sind sie zu der Frage zurückgekehrt, wer diese Hanni war. Daher ist Lieselotte umgedreht und zur Wohnung zurückgelaufen. Wenn überhaupt, dann wird sie nur hier Antworten finden. Kaum wieder in der Wohnung angekommen, zerrt Lieselotte alle Schubladen aus dem Sekretär heraus, dreht sie um, so dass deren Inhalt auf den buntgemusterten Teppichboden fällt. Mit der Hand streicht sie über den Schubladenboden und die Innenseiten, auf der Suche nach einem Geheimfach, in dem ihre Mutter weitere Briefe aufheben könnte. Sie sucht im Innern der Schubfächer, tastet nach weiteren verräterischen Papieren. Doch nichts ist zu finden. Als nächstes widmet Lieselotte sich, immer noch getrieben von Wut und Frustration, weil ihre Mutter ein weiteres wichtiges Stück ihres Lebens vor ihr verborgen hat, den Schränken, die im Wohnzimmer stehen. Der Papierberg auf dem Fußboden wächst, ohne dass Lieselotte einen weiteren Brief findet. Das darf doch nicht wahr sein. Jemand wie Amelie, die alles sammelt, was sich noch ansatzweise verwerten lässt, würde nicht ausgerechnet diese Briefe wegwerfen, oder doch? Wer sagt Lieselotte denn, dass es mehr als diesen einen Brief gegeben hat? Die Ungewissheit lässt ihren Ärger anschwellen. Erschöpft und enttäuscht setzt sich Lieselotte auf den Teppich, wühlt mit den Fingern durch die Papierberge, bis sie sich an einer scharfen Kante schneidet. Sie stößt einen Schmerzenslaut aus und hebt die Hand zum Mund, um das Blut vom Finger zu lutschen. Der metallische Geschmack ist ihr eklig. Daher steht sie auf, um im Bad Wasser über den Schnitt laufen zu lassen. Nachdem sie ein Pflaster über die kleine Wunde geklebt hat, durchsucht sie den Hängeschrank im Badezimmer. Hier finden sich, wie zu erwarten ist, nur Kosmetika, Zahnbürsten, Zahnpasta und zahlreiche „Lux"-Seifen in hellen Pastelltönen, die ihre Mutter wohl im Sonderangebot ergattert hat. Dieser sichtbare Beweis der Sparsamkeit ihrer Mutter lässt Lieselotte innehalten. Lieselotte seufzt. Auch wenn sie wütend auf ihre Mutter ist, fühlt es sich unrecht an, in deren Privatsphäre einzudringen. Ist es wirklich wichtig, wer diese Johanna war? Gibt es nichts Besseres für mich zu tun, als Unordnung anzurichten, auf der Suche nach etwas, was meine Mutter mir nicht erzählen wollte? Mutter liegt im Krankenhaus, kämpft gegen den Tod und ich … ich fleddere ihre Unterlagen, als wäre sie bereits gestorben. Wie einfach wäre es, denkt Lieselotte, sich damit zufrieden zu geben und allen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Wie leicht wäre es, weiter den Kopf in den Sand zu stecken und alle Geheimnisse im Verborgenen zu belassen. Wenn sie ehrlich ist, fürchtet sie sich vor den Konsequenzen, die das Wissen auch mit sich bringen könnte. Wäre es ihr recht, wäre sie an Amelies Stelle und ihre Mutter würde sich durch Lieselottes Unterlagen und Papiere wühlen? Aber der Arzt hat gesagt, dass es helfen kann, wenn Mutter sich erinnert, versucht Lieselotte sich zu beschwichtigen. Doch der schale Geschmack bleibt. Egal, wie sie sich auch entscheiden wird, es fühlte sich falsch an. Sucht sie weiter nach dieser Hanni, bleibt der Eindruck, dass sie die Hilflosigkeit ihrer Mutter ausnutzt, um ihr die Geheimnisse zu entreißen. Gibt Lieselotte die Suche nach dieser Hanni auf, fühlt sie sich feige und klein, wie so oft in ihrem Leben. „Ach, was soll’s. Nun ist es eh zu spät.“ Mit neu gewonnener Energie geht Lieselotte ins Schlafzimmer ihrer Mutter, wo sie im Kleiderschrank nach Briefen oder einer Kassette oder einer Hutschachtel oder etwas Ähnlichem sucht. Nichts. Stattdessen findet sie vier Fotoalben. Drei von ihnen erkennt Lieselotte auf den ersten Blick. Oft genug hat sie diese Fotos gemeinsam mit ihrer Mutter angeschaut. Das hellgrüne Album mit seinem glänzenden Einband ist das erste. Hier finden sich Bilder von Lieselottes Geburt über das bei einem Fotografen aufgenommene Kinderbild, sichtbar gestellt wirkt es – das zarte Mädchen mit braver Frisur neben einem riesigen Plüschbären, bis hin zu ihrer Einschulung. Die Schultüte ist riesig, beinahe so groß wie Lieselotte selbst. In den ersten gemeinsamen Jahren hat ihre Mutter noch sehr viel fotografiert. Später werden es deutlich weniger Bilder. Im Album mit dem roten Einband sind Fotos aus bestimmt fünfzehn Jahren gesammelt – Weihnachtsbäume, Schnappschüsse aus dem Schwimmbad, die letzten Bilder ihrer Großmutter. Lieselotte spürt einen Kloß im Hals, als sie eine Seite nach der anderen umblättert. Es gibt Bilder von ihr allein, von ihr mit Freundinnen, von ihr mit ihrer Großmutter, aber nicht ein Foto, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter zeigt. „Ich bin nicht fotogen und stehe lieber hinter der Kamera als davor“, hat Amelie stets abgewehrt. Das dritte Album, in dunkelblauem Einband, enthält Bilder, die ihre Mutter in den Urlauben geknipst hat, die sie allein unternommen hat. Auch hier findet sich kein Foto, das Amelie zeigt, sondern Landschaften oder Städte, in Amelies ordentlicher Schrift ausgezeichnet: Norwegen, Toskana, Venedig, London, Paris. Dazwischen einzelne Blumen und ab und zu Kühe, Schafe oder Eichhörnchen. Was ihre Mutter wohl dazu bewogen hat, Rindviecher zu fotografieren, kann Lieselotte sich nicht erklären. Sie lächelt. Endlich schlägt sie das letzte Album auf, das ihr unbekannt ist. Sein Einband ist aus früher dunkelrotem, inzwischen deutlich verblasstem Stoff, der mit zarten weißen Linien durchzogen ist. Der Fotokarton innen ist schwarz, die Bilder schwarz-weiß, teilweise ausgeblichen. Wir Himmelsstürmerinnen 1935 steht in Weiß auf der ersten Seite. Auch hier erkennt Lieselotte die ordentliche Schrift ihrer Mutter. Himmelsstürmerinnen – was mag das nun wieder bedeuten? Vorsichtig blättert sie um, schiebt das mürbe wirkende, durchsichtige Zwischenpapier zur Seite und sieht ein Foto vor sich. Eine Gruppe von acht Frauen, alle wohl um die zwanzig Jahre alt. Ein paar tragen die Haare in langen Zöpfen, andere in einem kurzen Bubikopf. Einige sind brav in Rock und Bluse gekleidet, andere wiederum in weite Hosen. Auf den ersten Blick kann Lieselotte nichts erkennen, was diese unterschiedlichen Frauen miteinander verbindet, außer dass sie jung wirken und fröhlich. Beinahe hätte sie ihre Mutter übersehen, die etwas versteckt neben einer hochgewachsenen hellhaarigen Frau steht, bei der sie sich untergehakt hat. Das Foto ist draußen aufgenommen worden, erkennt Lieselotte, an einem Hügel. Schade, dass ihre Mutter hier keinen Ortsnamen dazu geschrieben hat. Wieder einmal wundert sie sich darüber, wie ähnlich sie ihrer Mutter ist. Seit sie sechzehn Jahre alt war, überragte Lieselotte ihre Mutter etwa um Haupteslänge. Aber dass sie Amelies Tochter war, ließ sich nicht verbergen. Je älter sie wurde, desto mehr ähnelte Lieselotte ihrer Mutter. Wenn Lieselotte in den Spiegel schaute, sah sie Amelie. Das dunkle Haar, die grünen Augen mit den dunklen Wimpern, die schmale Nase und die vollen Lippen. Vielleicht waren die Mädchen Pfadfinderinnen oder Wandervögel oder vom Bund Deutscher Mädel, überlegt sie, aber warum Himmelsstürmerinnen? Neugierig dreht sie das nächste Blatt um, sieht sich aber enttäuscht. Die Seite ist leer, aber verbliebene Fotoecken zeigen deutlich, dass hier einmal Bilder gesteckt haben. Hektisch blättert Lieselotte weiter und weiter und weiter, nimmt keine Rücksicht mehr auf das Fotopapier. Nichts. Nur das eine Bild ist im Fotoalbum verblieben. Das Bild und die wenigen Worte, die ihre Mutter unter die jeweiligen Bilder geschrieben hat, die nun verschwunden sind. Worte, mit denen Lieselotte wenig anfangen kann.

 Auf dem Weg in den Taunus Nach getaner Arbeit In voller Montur Hanni und ich Mit einem Schulterzucken legt Lieselotte das Album zur Seite und steht auf, um sich die Nachttischschubladen vorzunehmen. In dem Augenblick klingelt es an der Tür. Ihr Herz schlägt schneller, als ob ihre Mutter sie beim Stöbern ertappt hätte. Lieselotte reißt ihre Finger vom Griff der Schublade, als wäre der glühend heiß. Nachdem sie sich etwas beruhigt hat, geht sie zur Tür. Durch den Spion sieht sie die Frau von gegenüber, die einen mit Alufolie abgedeckten Teller in der Hand hält. Na, die hat ihr gerade noch gefehlt. Einen Augenblick erwägt Lieselotte, die Tür einfach geschlossen zu lassen, vorzugeben, dass sie nicht da sei, damit sie ihre Ruhe vor der aufdringlichen Nachbarin hat. Dann jedoch scheint ihr das zu albern, und sie öffnet. „Guten Tag. Ihren Kater habe ich vorhin in die Wohnung gelassen.“ „Ich weiß. Deshalb bin ich hier.“ Die Nachbarin kommt lächelnd so nahe, dass Lieselotte gar nichts anderes übrig bleibt, als zur Seite zu treten und die Frau in die Wohnung einzulassen. „Zum Dank hab ich Kuchen mitgebracht. Außerdem dachte ich, dass du sicher allein bist.“ „Danke, aber ich habe zu tun.“ Lieselotte beißt sich in die Wange, als ihr Blick auf die offene Wohnzimmertür fällt. Der Papierberg dort ist nicht zu übersehen. „Suchst du irgendetwas?“ Ohne dass Lieselotte hätte sagen können, wie sie das gemacht hat, ist die Nachbarin um sie herum ins Wohnzimmer getreten. „Brauchst du Hilfe?“ „Nein, danke.“ Je eher diese aufdringliche Person verschwindet, desto besser. Erkennt sie denn nicht, wie unangenehm Lieselotte ihr Besuch ist? „Aber ich muss jetzt aufräumen. Danke für den Kuchen.“ „Ach, den hatte ich für uns beide gedacht.“ Die Nachbarin scheint nicht zu merken, dass sie stört. Oder es ist ihr einfach egal. „Soll ich Kaffee kochen? Wie geht es Amelie? Kann ich sie besuchen?“ Ohne Lieselottes Antwort abzuwarten, geht Marga in die Küche, als wäre sie dort zu Hause. Lieselotte bleibt nichts anderes übrig, als dem Störenfried zu folgen. „Also: Wie geht es Amelie? Was haben die Ärzte gesagt?“, fragt Marga, während sie Kaffeepulver und Filter aus dem Hängeschrank in der Küche holt. Zielsicher, so als wäre sie häufig hier zu Gast. „Kann ich sie besuchen?“ Obwohl Lieselotte sich fest vorgenommen hat, so wenig wie möglich mit der Nachbarin zu reden, strömen ihr die Worte wie von selbst aus dem Mund. „Koma. Sie können nicht sagen, wie lange es dauern wird.“ Lieselotte muss schlucken, aber mit Macht drängen die Tränen in ihre Augen. „Die Ärzte wissen nicht einmal, ob sie aufwachen wird. Ich … wir … das Letzte, was ich zu ihr gesagt habe …“ Sie bringt die Worte nicht heraus, sondern schluchzt. Laut und voller Schmerz. Marga nimmt sie in die Arme und streicht ihr tröstend übers Haar. Einen Moment lang kommt es Lieselotte albern vor, sich von einer jüngeren Frau trösten zu lassen, dann jedoch denkt sie nicht weiter darüber nach, sondern gibt sich ihren Tränen hin. Zu Lieselottes Überraschung und Freude sagt Marga nichts, sondern hält sie nur fest, teilt ihre Wärme mit ihr. Endlich kommt Lieselotte zur Ruhe. „Danke“, sagt sie, als sie sich aus Margas Armen löst. „Ich bin sonst nicht so.“ „Ich bin immer so.“ Marga lächelt. „Setz dich hin. Ich mach uns lieber einen Tee. Das beruhigt.“ „Danke“, sagt Lieselotte erneut, was ihr komisch vorkommt, aber was sonst sollte sie sagen. „Der Arzt meint, es könnte helfen, Mutter etwas vorzulesen.“ „Nennst du Amelie Mutter?“ Marga stellt Kaffeepulver und Filter zurück in den Schrank und dreht Lieselotte den Rücken zu.

„Was meinst du?“ Margas Frage kommt völlig unerwartet für Lieselotte, und sie kann sich nicht wirklich einen Reim darauf machen. Warum fragt die Nachbarin nicht nach Amelies Gesundheit oder der Diagnose. „Ich verstehe nicht.“ „Na ja, Mutti oder Mama oder Mami ist doch üblicher, oder?“ Inzwischen hat Marga die Teebeutel gefunden und hält sie hoch. „Pfefferminz oder Hagebutte?“ „Hagebutte“, antwortet Lieselotte automatisch. Pfefferminztee erinnert sie immer an die Zeit, als sie die Masern hatte und im abgedunkelten Zimmer liegen musste. „Was ist falsch an Mutter?“ Wieder überrascht Marga sie, weil sie nicht sofort antwortet, sondern überlegt. Den Kopf legt sie dabei ein wenig schief, was Lieselotte an ihre Mutter erinnert. „Mutter klingt so distanziert. Ich weiß nicht.“ Marga zuckt mit den Schultern. Inzwischen hat sie den Wasserkessel gefüllt, zwei Tassen bereitgestellt und die Schnüre der Teebeutel geschickt um die Henkel gebunden. „Für mich passt das nicht zu jemandem, der so lebendig ist wie Amelie. Oh, entschuldige.“ „Schon gut.“ Gegen ihren Willen lächelt Lieselotte. Wie beruhigend, dass auch der souverän wirkenden Marga so ein Patzer unterläuft. „Ich habe den Eindruck, du kennst eine ganz andere Frau als ich.“ Wenn man sich an der Schulter von jemandem so sehr ausgeweint hat, dass diese immer noch einen dunklen Tränenfleck auf dem Pullover hat, dann ist es einfach nicht mehr passend, an dem unpersönlichen Sie festzuhalten. „So lange kenne ich Amelie nicht. Nicht so lange wie du.“ Marga gießt das kochende Wasser über die Teebeutel und reicht Lieselotte eine Tasse. „Cat Ballou war schuld.“ „Ist er dir abgehauen?“ Lieselotte kann sich gut vorstellen, wie der schwarze Kater an ihrer Mutter vorbei in die Wohnung flitzt, so wie er das auch bei ihr getan hat. „Ich wusste gar nicht, dass Mutter Katzen mag.“

„Nein, es war viel schlimmer.“ Marga tunkt den Teebeutel mehrmals ein, bevor sie ihn aus der Tasse zieht und auf einen Teller legt. „Der arme Kater ist weggelaufen. Vielleicht wollte er zurück in die frühere Wohnung. Jedenfalls ist er unter ein Auto geraten.“ „Ach je!“ Erschrocken hebt Lieselotte die Hand zum Mund. Gut, dass dem Kater heute nichts passiert ist. „War es schlimm?“ „Amelie hat ihn gefunden. Er blutete und hat kaum noch geatmet.“ Margas Stimme schwankt, als sie sich an den Schrecken erinnert. „Ich war vollkommen paralysiert. Ich konnte gar nichts tun. Amelie hat Cat Ballou vorsichtig in ein Handtuch gewickelt und ist mit ihm und mir zum Tierarzt gefahren.“ „Und du?“ „Ich bin einfach hinterher getrottet, vollkommen panisch.“ Marga lächelt. „Beim Tierarzt wollten sie uns warten lassen, aber Amelie hat so eine Szene hingelegt, dass wir sofort an die Reihe kamen.“ „Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Lieselotte muss sich verhört haben. Ihre Mutter, die stets kontrolliert und kühl wirkt, soll so etwas getan haben? Doch da erinnert sie sich an den Tag, als sie mit dem Fahrrad gestürzt war und sich der Lenker in ihre Wange gebohrt hatte. Amelie hat die Blutung auch mit einem Handtuch gestillt und Lieselotte zum Arzt getragen. Dort hat sie sich nicht abweisen lassen, sondern darauf bestanden, den Doktor sofort zu sehen. Lieselotte erinnert sich an die Gefühlsmischung aus Glückseligkeit, dass sie ihrer Mutter so wichtig war, und Peinlichkeit, weil alle im Wartezimmer sie beide anstarrten. „Gut, dass sie da war.“ „Ja, ohne Amelie hätte mein Kater nicht überlebt.“ Erneut dieses kleine Lächeln. „Daher habe ich mich mit Amelie angefreundet. Ich wollte ein bisschen auf sie aufpassen, weil sie so allein ist. Sehr erfolgreich war ich nicht.“ „Du kannst doch nichts für den Unfall.“ Kann es sein, dass Marga sich die gleichen Vorwürfe macht wie sie? „Der Autofahrer ist  schuld. Niemand sonst.“ „Ja, aber …“ Marga schaufelt den dritten Löffel Zucker in ihren Tee und rührt um, als wäre das das Wichtigste, was zu tun ist. „Eigentlich wollten Amelie und ich an dem Abend ins Kino. Ich habe abgesagt …“ „Nein!“ Lieselotte stößt das Wort so laut heraus, dass Marga erstaunt aufschaut. „Mach du dir nicht auch Vorwürfe. Das mache ich schon die ganze Zeit.“ „Was hast du eigentlich gesucht?“, fragt Marga, als wollte auch sie nicht weiter über die Schuldfrage reden. „Bist du fündig geworden?“ Einen Augenblick zögert Lieselotte. Will sie wirklich einer Fremden vom Geheimnis ihrer Mutter erzählen? Aber wer weiß, vielleicht kennt Marga ja die Geschichte von Johanna und kann Lieselottes Fragen beantworten. Nicht zu vergessen die Sehnsucht, nicht mehr allein mit der Angst um ihre Mutter zu sein, ihre Sorgen und Unsicherheiten mit jemandem zu teilen, der Amelie kennt. Eduard war Lieselotte als erstes in den Sinn gekommen, doch genauso schnell hat sie die Idee verworfen, dass ihr Ehemann ihr in der Not wirklich zur Seite stehen würde. Nur zu gut erinnert Lieselotte sich an den bitteren Geschmack, der mit dieser Erkenntnis verbunden war. Sie vermisst Eduard nicht einmal, sondern hofft im Stillen, dass er sie in Ruhe lassen wird. „Warte. Ich zeige dir, was ich gefunden habe.“ Endlich fasst Lieselotte sich ein Herz. Manchmal muss man es einfach riskieren und jemandem vertrauen, den man nicht gut kennt. Sonst würde man den ja auch nicht besser kennenlernen. „Sagt dir der Name Hanni etwas?