Donnerstag, 15. Dezember 2016

Constanze Wilken




*** Das Erbe von Carreg Cottage ***
von
Constanze Wilken 



480 Seiten
Roman
erscheint am 13.02.2017
im GOLDMANN Verlag



Klappentext 
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Die 35-jährige Lili Gray steht vor dem Nichts, als sie ihr Café in einem kleinen schottischen Küstenort schließen muss. Doch dann vermacht ihr ein Unbekannter ein altes Haus auf der Halbinsel Llyn in Nordwales. Die leicht verfallene Pilgerraststätte und der Garten an den Klippen ziehen Lili sofort in ihren Bann. Von dort blickt sie auf die Insel Bardsey, die eine unerklärliche Faszination auf sie ausübt. Aber Lilis Anwesenheit scheint jemanden zu stören, und die junge Frau ahnt nicht, wie sehr die Geschichte des Pilgerortes mit ihrer eigenen – und der des unbekannten Gönners verbunden ist.



Leseprobe

Prolog

Gelbe Blüten raschelten im warmen Sommerwind. Die junge Frau ging langsam durch den verwinkelten Klostergarten und ließ sich von der Wärme liebkosen. Ihre Haut hatte eine gesunde Bräune angenommen, ihre Wangen waren voller geworden und die dunklen Ränder unter den Augen verschwunden. Ihre schönsten Erinnerungen verband sie mit Gärten, ihre schlimmsten mit Ozeandampfern und Städten. Und hier stand sie nun, nach allem, stolz, allein und mittellos. Sie konnte sich nicht sattsehen an dem prächtigen gelben Blütenrausch des Goldregens. So wunderschön und so giftig. Was für eine seltsame Laune der Natur war es, vollkommene Schönheit mit dem Tod zu verpaaren. Oder war es nicht vielmehr so, dass jedes glitzernde, verführerische Ding eine Schattenseite hatte, dass man für jedes kleine Glück, das man dem Leben abtrotzte, mit einem Stück seines Herzens bezahlen musste? Und irgendwann blieb nichts mehr übrig, denn ein Herz war kleiner, als man dachte, und es schmerzte mit jedem Stück, das ihm entrissen wurde, mehr. Ihre kastanienbraunen Haare waren glanzlos geworden, und ihre Lippen, die ihn verführt hatten, trocken und rissig. Die kostbare Seide, in die er sie gekleidet hatte, die anfangs kühl und schmeichelnd gewesen war, hatte sich in ein scharfkantiges Netz verwandelt, das erst ihre Haut und schließlich ihre Seele zerschnitten hatte.

Ein Schmetterling umflatterte die goldenen Blütenstauden und schien sich nicht entscheiden zu können, wo er den süßen Nektar trinken sollte. Vielleicht sollte sie ihn auch kosten und vergessen, wer sie war und wie sie hierhergekommen war. Sie streckte eine Hand nach dem tödlichen Gold aus und wurde sanft zurückgezogen. »Nicht. Du würdest nicht nur dich, sondern auch das Leben, das in dir wächst, töten. Kannst du dafür die Verantwortung übernehmen?« Die junge Frau hob benommen den Blick und sah in die mitfühlenden Augen der Schwester, die in ihrem schwarzweißen Habit wie ein seltsamer Vogel inmitten des Gartens wirkte. Tränen schossen ihr in die Augen, und sie griff nach der Hand der Ordensschwester. »Es tut mir leid. Ich hatte sündige Gedanken, aber …« Die Schwester drückte ihre Hand und führte sie zu einer Bank, auf der sie sich niederließen. Vor ihnen breitete sich eine ovale Rasenfläche aus, die von blühenden Sträuchern gesäumt wurde. In der Mitte plätscherte ein Brunnen, dahinter erhoben sich die grauen Mauern des alten Klostergebäudes. Spitze Giebel und schmale Fensterschlitze zeugten von der langen Geschichte des schottischen Ordenshauses. »Du bist nicht die erste Frau, die in eine solche Situation geraten ist. Ein Kind ist ein Geschenk Gottes, und du solltest dankbar sein.« »Das sollte ich, aber ich kann nicht, weil ich weiß, dass ich diesem armen Wurm nichts außer meiner Liebe geben kann, und das ist nun einmal nicht genug, denn davon wird es nicht satt werden.« Die junge Frau streichelte ihren gewölbten Leib, der sich deutlich unter dem blauen Kleid abzeichnete.
»Es gibt verschiedene Möglichkeiten, für die Zukunft des Kindes zu sorgen. Hast du dich einmal entschieden, gibt es kein Zurück. Vergiss das nicht.« Die Schwester erhob sich und machte das Kreuzzeichen über der Stirn der werdenden Mutter. »Gott segne dich.« Sich die Tränen von den Wangen wischend sah die junge Frau der Nonne nach. Sie hatte ihre Entscheidung schon lange getroffen. Deshalb war sie nach Schottland zurückgekehrt.



~ 1 ~

Cop y Goleuni, Nordwales, Anno Domini 614
Hear the voice of the Bard Who present, past and future sees Whose ears have heard The holy Word.
That walked among the ancient trees … William Blake, first »Song of Experience« 


Der Morgennebel lag über Wald und Hügeln. Knorrige Eichen wanden ihre Zweige im Zwielicht des anbrechenden Tages. Auf den uralten Bäumen wuchsen die heiligen Misteln. Die junge Frau stand am Fuße des Hügels, kalte, feuchte Luft haftete schwer an ihrem Umhang, doch sie hing ihren Gedanken nach und sog den Duft von Gras, Erde und Wald ein. Sie war eine Tochter der Muttergöttin, eine Gefährtin des Windes, ein Geschöpf des Meeres. Langsam breitete sie die Arme aus und ließ die Kräfte der Elemente durch sich hindurchströmen. Heute Nacht begann die dunkle Zeit des Jahres, der Winter löste die Herrschaft des Sommers ab. Eine prickelnde Vorfreude floss durch ihre Adern. Heute Nacht lösten sich Zeit und Raum auf und öffneten die Tore zur Zwischenwelt. In dieser einen Nacht gab es weder Sommer noch Winter, die Oberwelt kam mit der Anderwelt in Berührung, die Geister der Toten mischten sich unter die Lebenden. Sie feierten Nos Calan Gaeaf, die Nacht des Winteranfangs, die erste der drei Geisternächte. In der Ferne erwachte der Weiler. Die Bewohner entzündeten die Torffeuer, deren Qualm aus den Hütten stieg, ein Hund bellte, und Schafe blökten. Die Menschen fürchteten die Geisternächte, denn sie hatten Angst vor dem Tod, der doch nur ein Übergang in eine andere Welt war. Die junge Frau warf die Kapuze zurück und strich sich lange rotbraune Haarsträhnen aus dem Gesicht. Der Blick ihrer dunklen Augen heftete sich auf den heiligen Hügel, glitt über den Wald, kehrte sich nach innen, und sie sah die Felder, das Moor und endlich die Klippen, hinter denen das Meer toste. Ihre Lider senkten sich, und während das Meer in ihren Ohren rauschte, roch sie Salz und Seetang und spürte die Gischt auf dem Gesicht. Ein heiseres Krächzen riss sie aus ihren träumerischen Gedanken. Vor ihr hatte sich auf dem Ast einer Eibe ein Rabe niedergelassen und beäugte sie. »Was bringt uns dieser Winter?« Sie zog den wollenen Umhang enger um sich. An ihren Oberarmen wanden sich frisch gestochene Schlangen, die ihre Zugehörigkeit zur Druidenkaste symbolisierten. »Krah!«, rief der Rabe, schüttelte den Kopf und schwang sich in die Luft. Zweimal kreiste er über der jungen Frau, bis er über den Hügel Richtung Küste davonflog. »Lileas!«, ertönte eine helle Stimme, die ihrer kleinen Schwester Beca gehörte. Zwei Mal war er über ihr gekreist, zwei Mal von rechts nach links. Das bedeutete Unglück. Lileas schlug die Kapuze wieder über die Haare, auf die sich bereits ein feuchter Nebelfilm gelegt hatte. Ihre ledernen Stiefel waren ebenfalls durchnässt, doch sie war es gewohnt, bei jeder Witterung in der Natur zu sein. Ihr Vater war ein Druide, der letzte einer langen Reihe von gelehrten Männern. Seit die fremden Priester die neue Religion verbreiteten, hatte sich alles ver- ändert. Furcht ersetzte das Vertrauen in die alten Götter, die eins waren mit der Natur, aus deren Schoß sie alle stammten. Die Priester betrachteten das alte Wissen als Bedrohung, und die Menschen waren ängstlich und wandten sich den neuen Heilsbringern zu. Es raschelte im Unterholz, und dann kam ein kleines Mädchen durch das hohe Gras gerannt. Ein Lächeln huschte über Lileas’ Gesicht. Ihre Schwester war zart wie ein Reh. Mit ihren goldblonden Locken war Beca wie ein Sonnenstrahl, der die Herzen wärmt, und ihre blauen Augen schauten voller Vertrauen in eine Welt, die im Umbruch begriffen war. Wenn es eine Verkörperung des Guten geben konnte, einen Ausdruck reiner Liebe, dann war Beca das Gefäß dafür. Kleine Füße trampelten die Halme nieder, und mit einem Jauchzer warf Beca sich Lileas in die Arme. Lileas hielt den warmen Körper fest und begann sich zu drehen. »Ja!«, quietschte Beca und bog den Kopf nach hinten, um ihre Schwester anzusehen. »Schneller!« Die Mädchen drehten sich, bis sie lachend ineinander verknäult zu Boden taumelten. Bevor Beca sich losmachen konnte, drückte Lileas ihre Nase in die nach Honig und Äpfeln duftenden Haare. Ihre kleine Schwester würde einmal eine wundervolle Ehefrau abgeben. Aber bevor es dazu kam, würde sie mit ihrem Liebreiz und ihrer Schönheit viele Männerherzen brechen. Im Gegensatz zu mir, dachte Lileas und nahm die Hand ihrer Schwester, um sich auf den Weg zum Haus zu machen. Wir sind wie Licht und Schatten, wie Sonne und Mond. Ich bin die dunkle Seite, die stets Fragende, die Rastlose, deren Geist immer auf der Suche ist.

Sie war die Tochter ihres Vaters und Beca das Ebenbild ihrer Mutter – der sanften Nimne, einer Fürstentochter, die gegen den Willen ihres Vaters einen Druiden geheiratet hatte. Nimne hatte ihre Familie und ein Leben in Wohlstand aufgegeben und war dem Barden, der an ihrem Hof gesungen hatte, in eine ungewisse Zukunft gefolgt. Der gutaussehende Ruan war einer der obersten Druiden des alten Glaubens. Es gab nicht viele Orte in Wales, in denen sie unbehelligt leben konnten. Nach dem Abzug der Römer vor zweihundert Jahren war das alte Britannien in eine Zeit der Dunkelheit und des Chaos gestürzt. Die Königreiche auf der Insel waren miteinander verfeindet und boten allzu leichte Beute für die Invasoren vom Kontinent. Die Völker der Angeln und Sachsen eroberten vom Süden her die Territorien, die einstmals von den Römern verwaltet worden waren. In Northumbria, den nördlichen Territorien, herrschte der kriegerische König Æthelfrith. Die Menschen in den westlichen Königreichen nannten sich Cymry, und immer öfter hörte man, dass das Land Cymru, Wales, genannt wurde. Lileas schnaufte, und ihre Schwester sah sie fragend an. »Was ist? Du ziehst wieder eine krause Stirn. Mam sagt, das gibt hässliche Linien, und dann kriegst du überhaupt keinen Mann mehr.« »Das ist mir egal. Ich heirate nicht, sondern werde eine Druidin. Außerdem mache ich mir Sorgen um unser Land.« »Hast du ein Zeichen gesehen?« Becas Stimme zitterte. »Müssen wir wieder weiterziehen?« Der Pfad führte sie durch einen Birkenhain, hinter dem ein Flussarm des vom Clwyd gespeisten, weit verzweigten Wassersystems lag. »Der Rabe hat mir gezeigt, dass Unheil zu erwarten ist«, sagte Lileas unbestimmt. Schon tauchten die ersten Hütten der kleinen Siedlung unterhalb des heiligen Hügels, Cop y Goleuni, auf. Hier oben im unwirtlichen, kargen Norden, nur einen Fußmarsch von der Küste entfernt, hatten sie nach langer Wanderschaft ein Dorf gefunden, das sie willkommen geheißen hatte. Das Gefühl drohenden Unheils wurde stärker, doch Lileas konnte nichts sehen. Manchmal trafen die Bilder sie mit voller Wucht, und sie wünschte sich, sie hätte die Zukunft nicht gesehen. Aber sie konnte die Visionen nicht kontrollieren, noch nicht. Und jetzt, da sie wissen wollte, was der Tag bringen würde, hob sich der Vorhang nicht. Aber etwas würde geschehen. Sie zitterte – und es waren nicht die Geister der Toten, vor denen sie sich fürchtete. »Lileas!« Beca zerrte an ihrem Umhang. »Was denn? Sag mir, was du gesehen hast!« Die junge Frau schüttelte die düsteren Ahnungen ab und tippte sich vielsagend an die Stirn. »Der Festbraten wird verbrennen, dein Festkleid wird zerreißen, und die Milch ist sauer …« Beca lachte. »Du redest Unsinn! Mam!« Das Mädchen winkte und hüpfte auf die erste Hütte am Rande des Weilers zu. Eine schlanke Frau mit weizenblonden Haaren kam mit zwei Händen voller Hühnereier vom Verschlag herüber. Nimne hatte die stolze Haltung einer Königin und trug das Gewand einer einfachen Frau. »Wo hast du nur gesteckt, Lileas? Ich brauche dich bei den Vorbereitungen für das Essen.« Ziegen meckerten, zwei struppige Hunde sprangen um sie herum, und ein Huhn stob gackernd davon. Sie waren nicht reich, aber sie hatten alles, was man zum Leben benötigte.

Nach mittlerweile zehn Jahren war Ruan ein geehrtes Mitglied der Gemeinschaft geworden. Seine Kenntnisse in der Heilkunst hatten sich herumgesprochen, und man dankte ihm seine Hilfe mit Geschenken. »Ha, gleich bist du tot!« Ein kleiner Junge kam mit einem Holzschwert aus dem Haus und hätte beinahe seine Mutter zu Fall gebracht, welche die Hände mit den Eiern gerade noch fortziehen konnte. »Loel, Fioled, spielt draußen weiter!« Ihre jüngeren Geschwister grinsten und rannten davon. Lileas trat hinter der Mutter in die schlichte Behausung, die aus einem zweigeteilten Raum im Untergeschoss und einem Schlafboden bestand. Eine Wand war mit Regalen bestückt, in denen ihr Vater seine Tinkturen, Pulver, Kräuter und Messer verwahrte. Über der Feuerstelle hing ein Kessel, und auf einem Rost stand ein Topf, in dem Lileas die morgendliche Graupengrütze zubereiten würde. Während sie ihren Umhang ablegte und die Ärmel aufschlug, fragte sie: »Wo ist Dafydd?« Vorsichtig legte Nimne die Eier in einen Weidenkorb. »Beim Fischen.« »Also mit Arven Schwertkampf üben.« Arven war der Sohn des Schmieds und Dafydds bester Freund. Gemäß der Tradition hätte Dafydd bei Ruan in die Lehre gehen sollen. Die geheimen Lehren der Druiden wurden nur von Druidenmund zu Druidenohr weitergegeben, schriftliche Aufzeichnungen waren verboten. Nur so war es möglich gewesen, das Wissen der Gelehrten über Jahrhunderte vor den Feinden zu bewahren. Die Ausbildung eines Druiden dauerte zwanzig Jahre. Doch schon als Junge hatte Dafydd keinerlei Neigung zum Lernen der alten Weisheiten gezeigt. Lileas dagegen hatte ihren Vater schon als Kind angefleht, sie als seinen Lehrling anzunehmen. Und von dem Tag an, als Ruan endlich hatte einsehen müssen, dass sein Sohn zum Krieger bestimmt war, war Lileas ihrem Vater nie von der Seite gewichen und merkte sich jedes seiner Worte. Nimne schlug die Eier in einer Holzschale auf. »Vielleicht ist es gut, einen Krieger in der Familie zu haben. Es gefällt mir nicht, wie uns die Leute seit dem Fortgang des Priesters ansehen. Ich mochte diesen Brioc nie. Etwas hat sich verändert.« »Ich habe ein Vorzeichen gesehen, Mam«, sagte Lileas leise. »Was, Kind?« Alarmiert hielt Nimne in der Bewegung inne. Alle in der Familie wussten, dass Lileas das zweite Gesicht hatte. »Ich kann es nicht sehen. Aber das Gefühl von Gefahr ist stark. Wo ist Tad?« »Er bereitet das Ritual für heute Nacht vor.« Vor großen Festen begab sich Ruan in den Wald, um Kraft zu sammeln. Bäume besaßen besondere Kräfte und galten als Tore in die Anderwelt. Es hatte Zeiten gegeben, in denen die Übergänge zur Anderwelt durchlässiger gewesen waren. Damals zweifelte niemand daran, dass das Feenvolk in Hügeln und unter Bäumen lebte. Die Welt der Feen hatte ihren eigenen Raum und ihre eigene Zeit. Menschen konnten dorthin gelockt werden, und das Leben im Feenreich war sorglos. Doch ein Tag bei den Feen kam Jahren in der Welt der Menschen gleich. Lileas wusste, dass die Feen gern Schabernack trieben, aber nicht bösartig waren. Und trotzdem wetterten die Priester mit ihren Kreuzen gegen die kleinen Wesen. Lileas rührte die Graupen in Wasser und ließ die Mischung langsam kochen. Während Nimne mit geübten Handgriffen den Kuchen zubereitete, sagte sie zu Beca: »Lauf zu Fioled und sag ihr, sie soll den Ofen aufheizen.« Brot und Kuchen wurde draußen im Steinofen gebacken. Als sie allein waren, wandte sich Nimne an ihre älteste Tochter: »Ich habe dir immer ein anderes Leben gewünscht, Lileas. Ein guter Mann, der dich versorgt und dir Sicherheit bieten kann. Aber ich sehe, dass das nicht dein Weg ist.« »Mam, lass doch. Es ist entschieden.« Nimne streichelte ihre Wange. »Das sind die Sorgen einer Mutter. Du bist klug, Lileas. Ruan und mich macht es stolz, so wie das alte Volk stolz auf seine starken, klugen Töchter war. Aber es hat sich vieles geändert. Sei vorsichtig.« Lileas’ Augen leuchteten kämpferisch. »Ich soll mich verstecken? Es hat immer weibliche Druiden gegeben!« »Kind, versteh doch, Brioc hat Einfluss auf die Menschen. Er verdammt alles, was gegen seine Religion ist – und dazu gehören auch weibliche Gelehrte. Und vergiss nicht, dass du Pyrs abgewiesen hast.« »O nein, hör auf mit diesem dreisten Kerl!«, stöhnte Lileas. Der Schäfer Pyrs hatte sie umworben und auf einigen Festen bedrängt. In der Mittsommernacht dann hatte Dafydd sie vor dem liebestollen und gewalttätigen Schäfer bewahren müssen. Von Dafydds Schlägen hatte Pyrs eine schiefe Nase behalten und fluchte, wenn er sie oder ihren Bruder sah. Fioled rief von draußen: »Der Ofen ist heiß genug!« Die Sonne war seit Stunden untergegangen, und ein Fackelzug machte sich vom Dorf auf zum heiligen Hügel. Lileas stand stolz an der Seite ihres festlich gewandeten Vaters, der den Opferstein im Innern des Hügels geweiht hatte. Eine weiße Ziege sollte den Göttern geopfert werden, und weiß waren die Gewänder des Druiden und seiner Tochter.

»In der Stille, dem Schweigen, dem bloßen Sein siehst du alles. Ich sehe dich, und ich sehe auf den Grund aller Dinge«, murmelte Ruan, ein großer Mann von hagerer Statur, dessen langes Haupthaar und Bart von grauen Strähnen durchzogen war. Bis eben hatte Lileas keine Gelegenheit gehabt, mit ihrem Vater zu sprechen, der sich an wichtigen Festtagen in meditatives Schweigen vergrub. Sein Zorn über Missachtungen der Gebote war fürchterlich, und sie wollte sein Vertrauen nicht verlieren. Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre. Der Rauch der Fackeln und die in den Nachthimmel zuckenden Flammen vermengten sich vor ihren Augen zu einem wirbelnden Sog. Ein Rauschen und Murmeln erhob sich, schwoll an zu einem Schreien und Brüllen, das an ihren Sinnen zerrte, ihre Haut war dünn, und sie spürte, wie sich jedes einzelne Haar darauf schmerzhaft aufstellte. Als der erste Reiter auf sie zusprengte, in einer Hand ein blutiges Schwert, in der anderen einen abgeschlagenen Kopf, entfuhr ihr ein Schrei. Der Reiter hatte Briocs Gesicht, und in der Hand schwenkte er Dafydds Kopf. Starke Hände packten sie und schüttelten sie unsanft. »Lileas! Sieh mich an!« »Tad«, flüsterte sie und sah ihren Vater an. »Wir müssen fliehen! Sie werden uns töten!« »Heute feiern wir den Winteranfang. Selbst die Römer haben das respektiert.« Zweifelnd sah er von ihr zu den nä- her kommenden Fackeln. »Es ist der Priester, Tad. Ich habe es eben gesehen.« Die Stimme versagte ihr. Ruans Lippen wurden schmal, und er sah zum Himmel. »Nackt stehen wir vor dir, große Göttin, und schenken dir unser Leben.«
»Nein!«, rief Lileas. »Komm, lass uns Mutter und die Geschwister warnen …« Doch ihr Vater rief weiter die Götter an. »Nehmt unser Opfer und gewährt uns euren Schutz. Wir geben uns in eure Hand.« Lileas verließ ihren Vater, dessen imposante Gestalt vom Hügel in den Nachthimmel aufragte. Dieses eine Mal widersetzte sie sich seinem Befehl und lief auf den Fackelzug zu, der zu einem unerwarteten Halt gekommen war. Große Dôn, steh uns bei, dachte Lileas und rannte auf die Menschen zu.