Freitag, 16. Dezember 2016

Marco Monetha *Eric*



*** ERIC***
von 
Marco Monetha


Thriller
243 Seiten
erschienen
am 15. Juni 2016
im SCHARDT Verlag



Klappentext
lt.amazon.de
„Sag mir, kleiner Mann. Wie weit würdest du gehen, um diesen Kerl loszuwerden?“ Eric merkt sofort, dass Buck ihm eine wichtige Frage stellt, und je nachdem, wie er antwortet, kommt etwas in Gang, das alles ändern wird. Er überlegt nicht lange, schaut ihm fest in die Augen und sagt: „Ich würde alles dafür tun.“
Mit dieser Antwort geht der junge Eric eine tiefe und lebenslange Verbindung zu Buck, dem Jäger, ein. Ein dunkles Geheimnis verbindet die beiden, und eine bedingungslose Freundschaft in einem kleinen Dorf im Norden Deutschlands beginnt. Als Erics Mutter Jahre später auf bestialische Weise ermordet wird, wird diese Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Denn Eric weiß, dass in Buck etwas schlummert, das immer wieder ausbricht. Während die Angst vor einem brutalen Mörder im Ort umgeht, stellen sich Eric und Buck ihren eigenen Dämonen. Und erkennen sehr schnell, dass sie nicht die einzigen Akteure in diesem mörderischen Spiel sind.



Leseprobe

Mein Wagen, ein schwarzer 3er BMW, steht auf dem Parkplatz vor dem Haus. Ich hoffe, dass die Nachbarn nicht mitbekommen, dass ich noch einmal wegfahre, aber die umliegenden Häuser sind alle dunkel.
Das Handy lasse ich bewusst zurück. Sollte irgendetwas Unerwartetes passieren und die Kriminalbeamten meine Handydaten überprüfen, werden sie davon ausgehen, dass ich zu Hause gewesen bin.
Ich schnappe mir ein paar Lederhandschuhe und mein Schlüsselbund von der Anrichte im Flur. Ich sollte mich beeilen, wenn ich einen Vorteil haben will. Ich schaue auf meine Armbanduhr. Noch zwanzig Minuten. Die Fahrt dorthin wird schon sieben bis acht Minuten dauern. Eilig haste ich die Treppe hinunter. An Mutters Schlafzimmer halte ich noch einmal kurz inne. Ich streiche mit meiner Hand über den Türrahmen, senke den Kopf und schicke ihr eine stumme Entschuldigung.
Dann begebe ich mich durch das Wohnzimmer zum rückwärtigen Teil des Hauses, öffne die abschließbare Terrassentür und gehe nach draußen.
Es ist Ende April und noch recht warm. Der Himmel ist, wie die meiste Zeit in Norddeutschland, dicht bewölkt. Ich gehe schnell an den Gartenstühlen vorbei in Richtung Gartenhaus. Eine Garage habe ich nicht, deshalb habe ich vor einigen Jahren, mit meinem Freund zusammen, diese Laube gebaut, damit ich mein Werkzeug und meine Gartenutensilien dort unterbringen kann – und meine Schneidutensilien.
Als Fachmann für Sicherheitstechnik bin ich natürlich darauf bedacht, mein Hab und Gut bestmöglich zu schützen, deshalb habe ich an der Tür der Gartenlaube eine stabile Vorrichtung mit massivem Schloss angebracht. Um es etwaigen Einbrechern zu erschweren, habe ich mich auch nur für ein Fenster entschieden, dessen Läden ebenfalls abschließbar sind und durch die kein Mensch durchpassen würde. Safety first, sozusagen.
Ich krame in der Hosentasche nach meinem Schlüsselbund. Fix gleitet meine rechte Hand durch die Schlüssel, bis ich den passenden gefunden habe. Ich stecke ihn in das schwere Schloss ... und verfluche mich selbst.
Wie konnte ich nur so dumm sein?
Langsam ziehe ich den Schlüssel wieder heraus.
Ein Schauer überkommt mich.
Wie konnte ich verdammt noch mal nur so naiv sein?
Behutsam krame ich den kleinen roten Minitaschenmesseranhänger hervor und öffne die Klinge. Jetzt heißt es nur noch Überleben.
Blitzartig schnelle ich mit ausgestrecktem Arm herum, das Messer zwischen Daumen und Zeigefinger, das Schlüsselbund fest in der Faust.
Vor mir steht ein Mann. Riesig und dunkel erscheint mir seine Silhouette. Er überragt mich um einen halben Kopf, so dass ich das Messer noch in der Bewegung etwas höher hebe.
Der Riese scheint bereits damit gerechnet zu haben und wehrt den Hieb beinahe mühelos mit der linken Hand ab. Gleichzeitig spüre ich, wie seine Faust mein Kinn trifft. Augenblicklich verschwimmt die unheimliche Gestalt vor mir, und ich sacke auf mein rechtes Knie. Benommen versuche ich zu ergründen, wo sich meine Hand gerade befindet, damit ich ihm das Messer ins Bein rammen kann, aber ich spüre meine Gliedmaßen nicht, sondern nur ein taubes, dumpfes Gefühl im ganzen Körper. Der Schlag hat gesessen. Ich bin angezählt.
Verschwommen sehe ich, wie er mir das Schlüsselbund entwendet. Er steckt es sich langsam in seine Hosentasche. Danach greift er mir in die Haare und zieht mich hoch. Schwach lande ich zwei Treffer an seiner Hüfte, aber er scheint es gar nicht zu bemerken. Ich versuche meinen Kopf aus seinem Griff zu winden und zerre an seinem Arm, aber er hält mich eisern gepackt. Mit seiner freien Hand greift er meine Schulter, dreht mich mühelos Richtung Schuppentür und donnert meinen Kopf mit voller Wucht gegen das massive Holz.
Ich sehe schwarz und spüre, wie ich kraftlos auf dem Boden auftreffe. Er dreht mich auf den Rücken, während mein Blick sich langsam wieder klärt.
Er beugt sich über mich und hält zwei große Kabelbinder in der Hand.
Verzweifelt versuche ich mich aufzurappeln, aber es gelingt mir nicht. Er stellt sich wieder aufrecht neben mich und drückt mir seinen schweren Stiefel auf die Kehle, so dass mir beinahe die Luft wegbleibt. Ich versuche sein Bein wegzudrücken. Er packt sich meine Handgelenke, legt den vorbereiteten Kabelbinder an und zieht ihn fest. Danach nimmt er den Stiefel von meinem Hals und widmet sich meinen Füßen. Sie werden ebenfalls zusammengebunden, so dass ich bewegungsunfähig am Boden liege. Ich weiß aus Erfahrung, dass es ohne Hilfsmittel unmöglich ist, aus dieser Fesselung freizukommen.
Er hat mich überlistet. Die ganze Aktion hat nicht einmal zehn Sekunden gedauert. Er öffnet das Schloss und gleich darauf die Tür zum Schuppen. Dann wendet er sich mir wieder zu, packt mich und schleift mich grob in die Gartenhütte. Das Licht geht an. Er blickt sich draußen noch einmal um. Leise schließt er die Tür.
Ich bin ihm hilflos ausgeliefert.
Ohne mich zu beachten, geht er in den hinteren Teil der Laube. Dort zieht er einen Hocker unter der Werkbank hervor und setzt sich drauf. Er merkt, dass ich ihn anstarre. Er starrt zurück. Sein Gesicht zeigt keinerlei Regung.
Ich möchte ihm keinen Grund geben, mir noch einmal Schmerzen zuzufügen. Erst will ich Erklärungen. Obwohl ich mir momentan nicht sicher bin, ob ich wirklich in der Position bin, irgendetwas zu verlangen. Wohl eher nicht. Aber zu verlieren habe ich jetzt auch nichts mehr.
»Erklär mir mal bitte, wie du es von da unten aus schaffen willst, mir die Gedärme rauszureißen. Oder was du sonst noch so für Sachen geplant hast.« Seine tiefe Stimme ertönt unerwartet laut in der kleinen Hütte. Er beugt sich zu mir herunter und senkt die Stimme, als er fortfährt: »Du hast dich da ganz schön in was verbissen, mein Freund, und ich wundere mich, dass du dich so einfach hast überrumpeln lassen.« Wie er es sagt, klingt es beinahe väterlich. »Du bist in die Falle gegangen wie ein dummer Anfänger. Ein Wunder, dass du es unbeschadet durch die Pubertät geschafft hast.«
Er macht tatsächlich Witze. Er genießt offenbar seinen Sieg. Nur ist mir nicht nach Lachen zumute. Ich erwidere nichts.
»Du solltest mal nachdenken, bevor du irgendwelche komischen Schlüsse ziehst. Warum sollte ich deine Mutter ermorden? Ich mochte sie.«
»Weil du ein krankes, sadistisches Arschloch bist«, krächze ich. Blut läuft mir von der Stirn und vermischt sich mit einem Rinnsal aus der Nase.
Der Mann nickt. Er sitzt gekrümmt auf dem Stuhl, die Ellenbogen auf den Oberschenkeln gestützt, und spielt gedankenlos mit dem Schlüsselbund. »Leider wahr, ja. Aber ich kenne meine Grenzen, das weißt du.« Er richtet sich auf und fixiert mich. »Hast du vergessen, was dieses kranke, sadistische Arschloch für dich getan hat?«, fragt er leise.
»Nein. Habe ich nicht.«
»Ich habe dich geliebt und behandelt wie einen Sohn oder einen Bruder.«
»Erzähl mir nichts von Liebe, du Mistkerl. Du kannst nicht lieben, und das weißt du. Du weißt nicht mal, was Liebe ist, du Psychopath.«
»Weißt du es denn?«, fragt er herausfordernd.
Ich weiß, worauf er hinauswill. Auf das Spielchen will ich mich nicht einlassen, aber ich antworte trotzdem. »Ja, ich weiß es. Ich habe sie geliebt und auch meine Mutter. Und du weißt verdammt gut, dass ich mit ihr glücklich geworden wäre, wenn die Umstände anders gewesen wären.«
Er geht nicht weiter darauf ein, was mir nur recht ist.
»Eric.« Beinahe bittend spricht er meinen Namen aus. »Ich hätte dir oder deiner Mutter nie etwas antun können. Ihr seid meine Familie. Ihr habt mir gutgetan. Außerdem habe ich es im Griff. Das letzte Mal ist Jahre her, das weißt du, denn ich habe es dir gesagt.«
Das hat er, aber so recht glauben kann ich es nicht, vor allem nicht nach dieser Geschichte.
»Dann erklär mir mal bitte eins ...« Ich schiebe mühsam meinen Körper an einen freien Platz an der Seitenwand. Er sieht, was ich vorhabe, steht auf, packt mich an den Schultern und setzt mich aufrecht hin, wie eine Puppe. Er nimmt ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche und wischt mir das Blut aus dem Gesicht. Danach setzt er sich wieder.
»Was meinst du? Wie viele Killer laufen hier in der Gegend rum und töten Frauen auf die Art und Weise, wie es deinem Stil entspricht oder meinetwegen entsprach? Hundert? Zweihundert?« Ich rede mich wieder in Rage und dämpfe deshalb meinen Ton. »Nein. Einen.« Ich blicke ihn direkt an. »Einen einzigen nur, und der sitzt vor mir.«
»Kommt so an, oder?«
»Ja, verdammt. Es ist doch genau die Art, bei der du einen Steifen kriegst, nur dass du sie dieses Mal so liegen gelassen hast und nicht still und heimlich beseitigt, wie früher. Was ist los? Willst du, dass man dir auf die Spur kommt? Oder gibt es dir einen Kick? Hat sich bei dir etwas angestaut, und reicht dir das geheime Verstümmeln nicht mehr aus, und jeder soll sehen, was du tust?«
»Das ist es doch, Eric. Ich will nicht, dass mir jemand auf die Schliche kommt. Ich will nicht, dass mein Leben sich ändert. Es gefällt mir, wie es ist.« Er strafft seinen Körper und hebt bittend die Hände. »Da spielt jemand ein grausames Spiel mit uns. Und das hier«, er breitet dramatisch seine mächtigen Arme aus, »wollte er erreichen. Jemand muss Bescheid wissen. Irgendjemand weiß, was uns verbindet. Weiß, was wir getan haben.«
»Das glaubst du doch selbst nicht. Wieso steht dann die Polizei noch nicht auf der Matte? Warum sollte dieser Jemand die abwegigste Art wählen, um uns dranzukriegen?«
»Vielleicht weil er ein ebenso krankes und sadistisches Arschloch ist? Denk nach, Eric. Wenn ich es wirklich getan hätte, dann wärst du schon tot. Machtspielchen hin oder her.«
Da ist was dran. Aber wer weiß schon, wie so ein gestandener Psycho tickt. Er verunsichert mich, und ich schaue ihn an. Er blickt erwartungsvoll zurück. Scheinbar ist ihm wichtig, dass ich ihm glaube. Mit eindringlichen Gesten hat er versucht, mir seine Version zu erklären. Sein Gesichtsausdruck ist teilweise bittend, beinahe flehentlich. So kenne ich ihn nicht. Das ist nicht nur Schauspielerei. Das ist echt.
»An mir wird es wohl nicht liegen«, sage ich schließlich. »Also. Wen hast du denn umgebracht, bei dem du es lieber hättest sein lassen, hm?« Ich schaue ihn herausfordernd an. »Es ist deine Handschrift, dein Ritual, mit allem, was dazugehört. Nur dass diesmal die Leiche liegen gelassen wurde.« Ich straffe mich. Mein Gott, mir tut alles weh.
»Und das Bild«, sage ich. »Es wurde außerdem ein Bild dagelassen. Aufgenommen mit einer Sofortbildkamera.«
»Tatsächlich? Wo ist es jetzt?«
»Hinten in meiner Hosentasche.«
Er kommt zu mir herüber, und ich beuge mich vor, damit er mir das Bild aus der Tasche ziehen kann. Er betrachtet es lange, und ich meine, so etwas wie Traurigkeit in seinem Gesicht sehen zu können. Aber ich kann mich auch täuschen.
»Hast du deine alte Kamera noch?« Ich weiß, dass er frühere Taten mit einer Polaroid aufnahm, damit er etwas hatte, um in Erinnerungen zu schwelgen.
»Ja. Ich habe sogar noch Filme. Originalverpackt.« Er schaut weiter auf das Bild und setzt sich langsam wieder hin. »Aber ich weiß nicht, ob die überhaupt noch funktionieren. Und gesehen habe ich die Kamera schon ewig nicht mehr. Zumindest nicht darauf geachtet.« Er spricht langsam, beinahe zu sich selbst. Mit seinem riesigen Zeigefinger streicht er behutsam über das Foto. Verwirrt schaue ich zu ihm herüber.
»Eric … ich schwöre dir. Ich war das nicht.« Er flüstert die Worte beinahe.
Ich habe mich nicht geirrt. Er ist tatsächlich traurig. Ich habe ihn noch nie so gesehen. Ich wusste nicht einmal, dass er Trauer empfinden kann, und bin auch nie davon ausgegangen. Dieser Mann überrascht mich immer wieder.
Ich bin mir jetzt sicher, dass er meine Mutter nicht getötet hat. Er spielt mir hier auch nichts vor. Mir gegenüber sitzt ein zwei Meter großer Psychopath und trauert um meine Mutter. Ich bin sprachlos, weiß nicht, was ich sagen soll.
»Bind mich los«, kriege ich nach einer Weile doch noch heraus. Die Kabelbinder schnüren meine Handgelenke ab.
Er schaut endlich von dem Foto hoch.
»Darf ich es behalten?«, fragt er beinahe kindlich, aber mit tiefer Stimme.
»Ist nicht dein Ernst. Ich meine … da ist meine Mutter drauf, verdammt. Wie sie leidet …« Ich werde wütend. Will er sich an ihrem entsetzten Blick einen runterholen, oder was soll das?
»Entschuldigung. Ich dachte nur …« Er hält inne. Für einen Moment kann ich etwas Weiches, fast Unschuldiges in seinem Gesicht sehen. Plötzlich starrt er angespannt auf die geschlossene Tür und erinnert mich eher an ein Raubtier, das Gefahr wittert.
»Was ist los?« Ich richte mich auf.
»Hast du das gehört?«
»Nein. Was gehört?«
»Ich weiß auch nicht. Wir sollten hier raus.«
»Ja. Aber mach mich eben los!«
Dann höre ich auch etwas. Jemand macht sich an der Tür zu schaffen. Wir schauen uns fragend an, und er erhebt sich langsam.
Irgendetwas wird draußen abgestellt. Ich habe keine Ahnung, wer das ist oder wie viele, aber ich kann mir vorstellen, dass unser Gespräch belauscht wurde. Sind die Beamten doch nicht alle abgezogen? Das wäre fatal.
Ich sehe, wie mein Freund das Foto in seine Hosentasche steckt. Sein Blick ist noch immer entschlossen auf die Tür gerichtet. Ich kann mir denken, was in ihm vorgeht. Sein Leben lang musste er seine Geheimnisse wahren. Falls jetzt alles rauskommt, wird er nicht bereit sein, sich lebend abführen zu lassen. Er öffnet den Mund, um mir etwas zuzuflüstern, wird aber von einer Stimme von draußen unterbrochen. Der Stimme aus dem Off sozusagen.
»Hey, ihr Süßen. Habt ihr Spaß da drinnen?« Eine etwas höhere, näselnde Stimme. Ich kann sie nicht zuordnen.
»Geht mal ein Stück zurück, bitte. Ich hab da was für euch.«
Mein Gefährte sieht mich mit großen Augen an, kann nicht einordnen, was hier gerade passiert. Trotzdem geht er einen Schritt zurück.
Vor der Tür gluckert etwas, und kurze Zeit später ergießt sich eine Flüssigkeit unter der Tür hindurch. Sofort breiten die Dämpfe sich im Raum aus. Benzin.
»Wenn einer versucht, die Tür zu öffnen, knall ich ihn ab.« Das Gluckern hört auf. »Ihr habt es mir ziemlich leicht gemacht, ihr kranken Wichser. Gerne hätte ich noch weitergespielt, aber wer lässt sich schon so eine Gelegenheit entgehen? Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen.«
Der Riese scheint sich gefangen zu haben. Er sucht den Raum nach etwas ab. Eine Fluchtmöglichkeit außer der Tür kommt nicht in Frage. Wahrscheinlich sucht er eine Decke oder Sand, falls es tatsächlich anfängt zu brennen.
»Bind mich endlich los, Mann!« Ich werde unruhig. Die Situation ist befremdlich, ich hocke immer noch auf dem Boden, und der Typ draußen ist mir nicht geheuer.
Was will er? Uns beide verbrennen?
Mein Freund scheint nichts gefunden zu haben, das ihm weiterhilft. Er schaut zu mir rüber und nickt mir zu. Dann geht er energisch auf die Tür zu und wuchtet seinen mächtigen Stiefel dagegen.
Wir haben darauf geachtet, die Hütte stabil und sicher zu bauen, dennoch schafft er es, der Tür einen Riss zu verpassen, der quer durch zwei dicke geleimte Latten geht.
Er dreht sich um und schaut mich erstaunt an. Ein Loch zeichnet sich auf seinem Pullover ab, das vorher noch nicht da war. In der linken Schulter. Langsam sickert Blut heraus. Er gibt keinen Laut von sich.
»Ich hab gesagt, weg von der Tür, ihr Pisser.« Der Mann scheint wütend zu sein. Gut, das werde ich auch, aber ich kann nichts machen, solange ich gefesselt bin.
Dann vernehme ich das unverkennbare Geräusch eines sich öffnenden Zippo-Feuerzeugs. Ich gerate in Panik und versuche mich an der Wand hochzuschieben. Es funktioniert nicht. Mein Gefährte scheint sich wieder gefangen zu haben und stellt mich mühelos auf die Beine. »Das ist der Killer«, informiert er mich, als ob mir das bis jetzt entgangen wäre.
Das Feuer schnellt wie eine kleine, blaue Welle unter der Tür durch und breitet sich in der vorderen Hälfte des Raumes aus. Schnell sind die Flammen auf einen halben Meter angewachsen. Die Seitenwände fangen ebenfalls schnell Feuer. Die Hitze steigt merklich an. Wir sitzen in der Falle.
Die Nachbarn können nicht direkt in meinen Garten sehen, da mein gesamtes Grundstück von hohen Thujen umgeben ist. Wahrscheinlich schlafen sie auch alle, aber vielleicht bekommen sie trotzdem etwas mit.
Der Typ draußen wird nicht die ganze Zeit dabei bleiben wollen, wenn die Gefahr besteht, erwischt oder zumindest erkannt zu werden. Wann können wir also raus, ohne Gefahr zu laufen, erschossen zu werden?
 Wie als Antwort erscheint ein zweites Loch in der Tür. Die Kugel muss mich knapp verfehlt haben, denn der Einschlag hinter mir ist nicht weit entfernt. Er benutzt einen Schalldämpfer, geht es mir durch den Kopf. Wer ist der Kerl?
»Wir haben gar nichts gemacht, Mann«, ruft mein Freund.
Von draußen ertönt Gelächter, und ein drittes Loch erscheint in der Tür. Auch dieser Schuss ging glücklicherweise daneben.
Die Flammen fressen sich weiter ihren Weg quer durch die Hütte. Die Hitze wird unerträglich, und ich habe keine Idee, was wir machen können. Versuchen wir rauszukommen, erschießt er uns. Machen wir nichts, dann verbrennen wir. Oder ersticken.
Die Luft wird dünn, und ich merke, dass mein Hals anfängt zu brennen. »Mach mich endlich los«, schreie ich.
Mein Freund blickt mich an, als registriere er erst jetzt, dass ich auch noch im Raum bin. Dann schaut er wieder zu den Flammen, die den Weg zu der Tür versperren. Unmöglich, da unbeschadet durchzukommen. Ihm scheint auch nichts einzufallen. Wir werden hier elendig verrecken.
Dann blickt er mich wieder an. Entschlossen. Und mit dem Blick kommt die Erkenntnis. Aber nicht die, die ich mir ausgemalt habe. Er kommt auf mich zu, packt mich mit seiner Linken am Hals und kracht mir mit seiner Rechten voll ins Gesicht. Erneut sacken meine Knie unter mir weg, aber er hält mich aufrecht. Ich bin noch nicht ausgeknockt, sondern bekomme noch ganz gut mit, was er mit mir macht.
Er packt mich jetzt fester und wirbelt mich um die eigene Achse, wie ein Hammerwerfer. An einem bestimmten Punkt lässt er mich los, und ich fliege durch das Feuer in Richtung Tür.
Ich spüre Hitze.
Ich merke den Aufprall und den Schmerz.
Dann ist alles dunkel.