Samstag, 17. Dezember 2016

Marco Monetha - *Jonas*






~ Marco Monetha ~



*** Jonas ***
Thriller
erscheint Frühling/Sommer 2017
(genauer Termin steht noch nicht fest)
im
Schardt - Verlag



Prolog

Die schwere Metalltür schließt sich mit einem leisen, dumpfen Geräusch. Sie hockt zusammengekauert in der hintersten Ecke des Raumes und lauscht auf das vertraute Knacken der Schlösser, die kurze Zeit später die Tür verschließen.
Die ER verschließt.
Sie zieht ihre Beine noch ein wenig näher an ihr Kinn, umschließt ihre Knie mit den Armen und versucht sich zu beruhigen. Jedes Mal wenn er den Raum betritt, schießt ihr Puls in die Höhe und lässt sie zittern. Heute war er nicht lange da. Er brachte ihr Frühstück – zwei Scheiben Schwarzbrot, eins mit Marmelade, das andere mit Leberwurst, und dazu einen Becher Milch – setzte sich auf den Toilettendeckel und sprach kein Wort, sondern sah ihr nur beim Essen zu. Wie immer versuchte sie, ihn zu ignorieren, ihn auszublenden, aber es gelang ihr nicht. Auch wenn er nur stumm dasitzt, so hat er doch eine unglaubliche Präsenz, was nicht nur an seiner beachtlichen Körpergröße von zwei Metern liegt. Es ist seine Wesensart. Seine Aura. Beruhigend und beängstigend zugleich. Auch nach dieser ewig langen Zeit, es müssen einige Jahre sein, kann sie ihn noch immer nicht einschätzen.

Als ihr Puls sich beruhigt hat und sie sicher ist, dass er nicht zurückkommen wird, steht sie auf, streicht unbewusst ihr dünnes, ausgeblichenes Nachthemd  glatt und geht einige Schritte im Kreis, die Arme fest um den Oberkörper geschlungen, als müsste sie sich wärmen. Viel Platz hat sie nicht, in diesem etwa drei Meter mal vier Meter großen, fensterlosen Raum. Ihr Blick streift über die rauen, grauen Wände, ohne sie wirklich zu erfassen. Auch die freistehende Toilette links neben der Tür sieht sie, nimmt sie aber gar nicht bewusst wahr. Wie so oft kreisen ihre Gedanken um ihre Familie, ihre Liebsten und den Liebsten. Darum, wie sie in diese Situation geraten konnte, und ob sie es verdient hat, in dieser Situation zu sein. Sie ist sich unsicher. Jasmin weiß, dass sie ein schwieriger, unbequemer Mensch war. Damals. Als sie noch in Freiheit lebte. Wie lange mag das her sein? Sie hat jegliches Zeitgefühl verloren.
Zu Beginn ihrer Gefangenschaft fragte sie ihren Entführer häufig, welchen Tag sie gerade hatten. Welche Woche.  Mit der Zeit verlor es an Sinn, denn es war egal, welcher Tag gerade war. Sie saß in diesem Loch fest und war den Launen eines Wahnsinnigen ausgeliefert. Sie hatte keinen Einfluss. Auf gar nichts. Sie konnte nicht über ihr Leben bestimmen, und in so einer Situation spielt das Datum keine Rolle mehr. Also beschloss sie irgendwann, nicht weiter nachzufragen.

Jasmin lehnt sich mit dem Rücken an die Metalltür und betrachtet gedankenverloren die Deckenbeleuchtung.  Diese Einsamkeit, denkt sie. Diese ständige Anspannung. Die Angst, wenn sich die Tür öffnet. Wie mag er drauf sein? Tut er mir weh? Wie lange bleibt er? Das Verrückte ist, dass ihr viele Dinge, die er mit ihr anstellt und die sie anfangs fast in den Wahnsinn getrieben hatten, heute gar nicht mehr so schlimm erscheinen. Teilweise hat sie sogar Mitleid mit ihm. Ja, sie fühlt sich manchmal sogar zu ihm hingezogen, so unglaublich sie das auch findet. Es gab eine Situation, da hatte sie ihn tatsächlich in den Arm genommen. Aus freien Stücken. Und es gab andere, ähnliche Situationen.
Das kann doch nicht normal sein, denkt sie.
Schlimm ist es für sie, wenn er sich über etwas geärgert hat, oder wenn er gereizt ist, was in letzter Zeit häufiger vorkommt. Wenn er ein Ventil braucht, um wieder runter und ins Gleichgewicht zu kommen. Dann ist er unberechenbar. Dann kann er sie verletzen. Sowohl körperlich als auch seelisch. In diesen Zeiten weiß sie, dass sie ihn hasst.
Sie stößt sich sanft von der Tür ab und geht die paar Schritte, um sich auf die Matratze fallen zu lassen, die in der rechten hinteren Ecke auf dem nackten Boden liegt und nur mit einem kleinen Kissen und einer dünnen Decke bedeckt ist. Sie legt sich auf den Rücken und starrt erneut die hell leuchtende Glühbirne an, die sich unter einer dicken Plexiglasplatte befindet, damit sie nicht an den Stromkreis herankommt. Er hat wirklich an alles gedacht.
Das war nicht immer so. Er hat auch Fehler gemacht, die ihm teuer zu stehen kamen. Aber ihr anschließend auch. Ihr Lebenswille war damals enorm groß. Jasmin war stark. Sie nutzte jede sich bietende Möglichkeit, zu fliehen oder es ihm zumindest schwer zu machen, sie hier gefangen zu halten wie ein Haustier.
Sie muss lächeln.

Doch mit jedem missglückten Versuch kam auch eine entsprechende Reaktion. Emotionslos. Erbarmungslos. Brutal.
Sie schließt ihre Augen. Unwohlsein macht sich in ihrem Körper breit, wenn sie daran denkt, was dieser Mann ihr angetan hat und vielleicht noch antun wird. Wieder und wieder. Und wieder. Es ist beinahe ein Wunder, dass sie noch nicht wahnsinnig geworden ist. Oder ist sie das vielleicht schon längst, nur merkt es selbst nicht? Wie konnte sie diese ewig lange Zeit überleben? Nicht, dass Jasmin nicht versucht hätte, sich selbst das Leben zu nehmen. Etliche Male hatte sie in den letzten Jahren versucht zu sterben. Nur, leider ist es bei Versuchen geblieben. Oder zum Glück?
Sie seufzt leise auf und dreht sich auf die Seite, die Beine angezogen, die Hände vor dem Mund verschränkt. Plötzlich geht ihr Mirko durch den Kopf. Ihr Freund. Ihre große Liebe. Tränen schießen ihr in die Augen, und sie beginnt zu schluchzen.
Und wie fast jedes Mal, wenn sie an ihn denkt, taucht der letzte gemeinsame Tag von ihnen beiden vor ihrem geistigen Auge auf. Die letzten Stunden. Minuten. Augenblicke. Wieder durchlebt sie den schrecklichsten Tag in ihrem Leben aufs Neue. Muss ihn durchleben, damit sie die Erinnerung an ihn, Mirko, nicht verliert. Damit sie etwas hat, an dem sie sich festhalten kann.

Sie streckt ihre Hand aus, die Augen weiterhin geschlossen. »Mirko! Lass uns heute Spaß haben«, flüstert sie leise in den Raum. Dieselben Worte, die sie an dem schicksalhaften Morgen gesprochen hatte. »Lass uns etwas Verrücktes machen!«


1


Bad Bederkesa, Sonntagabend

Bis dass der Tod euch scheidet.
   Kauend schaue ich von meinem ravioligefüllten Teller auf und blicke hinüber zu meiner Frau Miriam. 
   Bis dass der Tod euch scheidet. So hatte es geheißen. Damals. Als wir voller Zuneigung den Stand der Ehe eingingen.
   Nun ja, wenn ich sie mir jetzt so anschaue, dann lieber heute als morgen. 
   Ich sitze am Esstisch im Wohnzimmer unseres gemeinsamen Hauses und starre auf das vierzigjährige Häuflein Mensch, das sich auf unserem Sofa lümmelt. Die Beine hat sie an den Oberkörper gezogen und eine beige Wolldecke über die Füße gelegt.
   Wir haben draußen sommerliche fünfundzwanzig Grad Celsius und sie legt sich eine Wolldecke über die Füße. Erstaunlich. Die Kleinigkeiten, die ich am Anfang unserer Beziehung noch süß und drollig fand, finde ich jetzt nur noch nervig und abstoßend. Wie kommt das?
   Ein Bekannter, seit zwanzig Jahren verheiratet, erzählte mir einmal, dass es die kleinen Macken und Marotten sind, die er an seiner Frau so liebt. Nicht das Perfekte oder Erhabene würde ihn ansprechen und seine Frau so liebenswert machen, sondern die kleinen Ticks. Zum Beispiel, dass sie beim Schlafen leise vor sich hin schmatzt. Oder dass sie zur sprichwörtlichen Salzsäure erstarrt und sich keinen Schritt bewegt, wenn sie eine Spinne in ihrer Nähe entdeckt.
   Ich habe ihm damals sehr freundlich zugenickt. Gedacht habe ich natürlich etwas anderes: Idiot.
   Aber so sind die Menschen halt. Sie reden sich den Scheiß in ihrem Leben immerzu schön. Keine Ahnung warum. Vielleicht um sich selbst zu ermutigen. Wenn man sich Dinge oft genug einredet, dann glaubt man es wahrscheinlich irgendwann tatsächlich selber. 
   Ich tue das nicht. Ich sehe die Macken meiner Frau und denke: das sind Macken. Die Geräusche, die sie macht, wenn sie isst. Dass sie mit Taschentüchern ihre Achseln trocken wischt, wenn sie schwitzt und die versifften Tücher anschließend in ihre Handtasche steckt, wo sie mehrere Wochen zur Herberge unzähliger Keime und Bakterien werden.
   Das ist nicht liebenswert. Das ist widerlich. Und ich mag es nicht.
   Nicht, dass ich mich selber für den perfekten Ehemann halten würde, im Gegenteil. Ich bin ein Durchschnittstyp. Normal gebaut, einen Meter achtzig groß und nicht gerade ein Orlando Bloom, aber auch nicht hässlich. Ich besitze noch mein komplettes braunes Haupthaar, habe dafür aber auch welche auf dem Rücken. 
   Leidenschaft und Esprit besitze ich in etwa so viel, wie ein deutscher Verwaltungsfachangestellter am Montagmorgen Lust hat zu arbeiten. Also kaum bis gar nicht.
   Aber das war mal anders. 
   Miriam und ich kennen uns seit der Grundschulzeit, hier in Bad Bederkesa, einem fünftausend Seelen Dorf zwischen Cuxhaven und Bremerhaven. Als Kinder waren wir schon unzertrennlich. Da wir nah beieinander wohnten, hatten wir viel miteinander gespielt und Zeit zusammen verbracht.
   Sie war sogar meine erste feste Freundin. Wir steckten uns die berühmt berüchtigten Zettelchen zu. In der Mathestunde, ich weiß es noch genau. Der Klassiker. Willst du mit mir gehen? Ja, nein und vielleicht zum Ankreuzen. Sie entschied sich für ja.
   Die Beziehung hielt dann zwei Pausen. Im Biologieunterricht waren wir dann wieder getrennt, sind aber trotzdem Freunde geblieben.
   Gefunkt hatte es schließlich, als wir gemeinsam in der Disco Roes, ein Dorf weiter, ordentlich gefeiert hatten. Der Treffpunkt schlechthin, wenn man aus dem Umkreis kam und ordentlich abfeiern wollte. Wir hatten beide schon einige lockere Beziehungen hinter uns und waren zu diesem Zeitpunkt nicht sehr zufrieden mit dem Angebot an potentiellen Partnern. Ich war gerade siebzehn geworden, als wir uns in der dunkelsten Ecke der Diskothek und mit ungefähr zweieinhalb Promille im Blut näher kamen. Bruce Springsteen sang rauchig von den Streets of Philadelphia. Ein Dosenöffner, wie wir Jungs damals gerne spaßten. Da wir uns schon so lange kannten, war es herrlich unkompliziert und dann ging es Schlag auf Schlag. Der erste gemeinsame Sex, danach feste Beziehung, die erste gemeinsame Wohnung und schließlich das eigene Haus kaufen.
   Wir waren uns sicher. Sehr sicher. Am Ende zu sicher. 
    Heute denke ich anders über die Institution Ehe. Wie sagte doch der schwedische Schriftsteller Strindberg so treffend: manche Ehe ist ein Todesurteil, das jahrelang vollstreckt wird. Recht hatte er.
   Ich schiebe den halb leer gegessenen Teller beiseite und blicke lustlos zum Fernseher um zu sehen, was dort so fesselndes geboten wird. So fesselnd, dass meine Madam es nicht für nötig hält, sich zu mir zu setzen und mir Gesellschaft beim Abendbrot zu leisten.
   Es ist Sonntagabend. Ein schöner, warmer Tag Ende Juni. Wir sollten draußen sein und einen Spaziergang machen oder im Garten sitzen und grillen. Stattdessen hockt sie vorm Fernseher und glotzt mit unnachahmlich dümmlichen Gesichtsausdruck, ekelhaften und tiefenbegabten Menschen dabei zu, wie sie sich gegenseitig umwerben. Das Ganze ist so absurd, die Menschen so widerlich, dass ich am liebsten die paar Ravioli wieder zurück auf den Teller brechen würde, nur um ihr zu zeigen, was ich davon halte. Aber wahrscheinlich würde sie es nicht einmal bemerken. Und wenn doch, dann wäre es ihr egal oder sie würde mich anschnauzen, weil ich ihre spannende Sendung gestört hätte. Das ist auch etwas, das sie in den Jahren sehr gut perfektioniert hat. Motzen. Denn auch wenn es nichts zu meckern gibt, sie findet trotzdem irgendwas, das sie mir vor den Kopf knallen kann. 
   Mein einziger Bruder hat da schon einen besseren Stand bei ihr. Egal was Sebastian macht, Miriam findet es toll. 
   Er ist zwei Jahre jünger als ich, also sechsunddreißig und hat nach Ansicht meiner Frau, weitaus bessere Kompetenzen als ich. In allen Bereichen. »Der Bastian ist immer so toll angezogen, Jonas. Warum gibst du nichts auf dein Äußeres?« Oder: »Oh, der Basti gibt sich immer so viel Mühe mit seiner Shannon. Warum machst du mit mir sowas nicht, Jonas?«
   Sätze, wie sie nur eine Frau hervorbringen kann, die sich etwas anderes wünscht. Etwas anderes als mich.
   Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich es machen würde. Sie verwöhnen und betüdeln. Nach allen Regeln der Kunst. Ich würde ihr schöne und teure Dinge kaufen, ihre Füße massieren und ihr noch eine zweite Decke über die Füße legen. Aber nur wenn meine Frau ebenso schlank, schön und mit großen Brüsten gesegnet wäre, wie die Frau meines Bruders. Ich würde sie täglich auf Händen tragen. Aber stattdessen ist Miriam relativ normal. Von der Körpergröße her eher klein, sie hat kurze braune Haare und eine normale Figur- ohne große Brüste. Und das Schlimme: im Gegensatz zu Shannon spricht meine Frau. Sehr viel Sogar. 
    Shannon redet nicht viel. Sie schweigt meistens und genießt die Blicke, die sie auf sich zieht. Langes dunkelbraunes Haar fällt ihr gewellt über die schmalen Schultern. Sie ist vierunddreißig, hat einen herrlich gebräunten Teint und nach eigenen Aussagen ist sie halb Italienerin, halb Deutsche und halb Brasilianerin. 
   Nun, ja. An dieser Aussage erkennt man gleich, mit was für einer Geistesgröße man es zu tun hat, aber wen interessiert das schon? Mich nicht. Der Umstand, dass meine Frau sie nicht leiden kann, ist ebenso genüsslich wie belustigend. Jemand der Shannon nicht richtig kennt, würde vielleicht behaupten, dass sie kühl, erhaben und introvertiert ist. In Wirklichkeit ist sie einfach nur dumm, und ich schätze, dass sie selber es auch irgendwie weiß. Deswegen sagt sie in Gesellschaft auch lieber ein bisschen weniger und gibt somit jedem das Gefühl, sie stehe intelligenztechnisch über den banalen Dingen des Alltags. 
   Mein kleiner Bruder, Sebastian, ist dagegen ein ziemlich schlaues Köpfchen. Hässlich wie die Nacht, aber schlau. Er arbeitet als Anwalt für Strafrecht in einer Kanzlei in Bremerhaven. Wo- Vorsicht, Klischee- besagte Shannon seine Sekretärin war. 
   Mit seinen sechsunddreißig Jahren steht er fest mit beiden Beinen im Leben. Mamas Liebling sozusagen. Ein großes Haus, ebenfalls hier in Bad Bederkesa oder Beers, wie die Einheimischen sagen. Drei Autos besitzt er und mindestens drei Mal im Jahr im Urlaub: zum Beispiel Skifahren in der Schweiz, Strandurlaub auf den Seychellen und Safari in Südafrika. Ein Mann von Welt.
   Wenn er nicht so unsagbar hässlich wäre.
   Seine Maßanzüge machen einiges wett, da sie seine klapprige Figur bedecken, können aber seinen viel zu großen Kopf mit Halbglatze und seine klapprige Statur nur bedingt in einem besseren Licht erscheinen lassen. Ein wenig hat er das Aussehen von Smeagol aus Herr der Ringe, wie ich finde. 
  »JONAS«, blökt es mir plötzlich entgegen und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch.
  »Was ist, Liebes?«, frage ich zuckersüß. 
  »Schläfst du? Ich habe dich gefragt, ob du wusstest, dass dein Bruder zum Partner in der Kanzlei aufgestiegen ist?«
  Natürlich weiß ich das, das hat er mich ja umgehend über WhatsApp wissen lassen. Ich bin jetzt Teilhaber, klasse oder?, hatte er geschrieben, gefolgt von lustigen Emojis, die wohl signalisieren sollten, wie glücklich und stolz er war.  Ich hatte ihm daraufhin einen digitalen Scheißhaufen mit Augen zurück geschickt.
   »Nein, Schatz. Das wusste ich nicht«, entgegne ich ihr.
   »Hhm.« Sie blickt mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Wieso macht dich niemand zum Teilhaber? Andere steigen auf oder kriegen zumindest eine Gehaltserhöhung. Alle sind ehrgeizig und bestrebt etwas zu erreichen, nur du nicht.«
  Nun, das kommt wohl daher, dass ich nur ein niederer Postzusteller bin? Und die Oberen der Post werden bestimmt nicht auf mich zukommen und sagen: »Hallo, Herr Richter. Wir saßen gerade in unserer halbjährlichen Aufsichtsratssitzung und dachten uns, dass Sie genau der Mann wären, um das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Wie wäre es mit einem Platz im Vorstand?« 
   Aber anstatt etwas in dieser Art zu sagen, blicke ich sie nur an. Wie hat sie sich nur verändert? Warum ist sie so zu mir? Hat sie nicht alles, was sie braucht? Von einem bestimmten Thema mal abgesehen.
   Vor zwanzig Jahren war sie eine tolle, lebenslustige Frau, die mir das Gefühl gab, wichtig zu sein. Wichtig für sie. Wir unternahmen viele Dinge. Wir lachten. Liebten uns phänomenal. Ich hätte für sie getötet. 
  Aber seit zehn Jahren geht es stetig bergab. Von Tag zu Tag wird sie unausstehlicher. Bösartiger.
   Ich frage mich, warum sie noch nicht gegangen ist, denn so, wie sie mit mir und vor anderen über mich redet, sollte man meinen, dass ich das niederste Wesen auf diesem Planeten bin. 
   Und die wahrscheinlich noch wichtigere Frage lautet: warum mache ich das mit? Weil ich Angst vorm Alleinsein habe? Weil ich gerne Konfrontationen vermeide? Oder weil ich, um es klar auf den Punkt zu bringen, ein Waschlappen bin? Es ist wohl die Kombination aus allem. Ich starre wieder auf den Teller vor mir, als wäre dort, in der Tomatensoße, die Antwort auf alle Fragen.
   Wenn ich so recht überlege, dann hat alles angefangen, als…
»JONAS!«, keift sie erneut und lässt mich zusammenzucken.
   »WAS DENN?«, fahre ich sie an und im selben Moment gerate ich ins Stocken. Ich bin verwundert über mich selbst. So reagiere ich nicht. So reagiere ich nie. Ich bin immer ruhig, zurückhaltend und erhebe nie die Stimme. Nicht ihr gegenüber. Nicht gegenüber meinen Mitmenschen. Das war noch nie meine Art.
    Aber das blöde Gesicht, das sie jetzt macht, hat was. Sie sieht lustig aus, wenn sie sich wundert.
   Erstaunt und mit offenem Mund schaut sie mich an, ihr fehlen für einen Moment die Worte. Ich nutze die Gelegenheit und renne aus dem Wohnzimmer, streife mir Schuhe über und richte meine Haare vor dem Flurspiegel. Es ist mir zu eng in diesem Haus. Zu bedrückend. Ich will für einen Moment diesem altbürgerlichem Mief entfliehen. Die immerwährende Spannung, die ewigen Vorwürfe und die partielle Nichtbeachtung machen mich nervös. Es reicht. Ich habe es satt, immer nur der Fußabtreter für sie zu sein und nicht im Mindesten ernst genommen zu werden. Ohne ein weiteres Wort verlasse ich das Haus.
    Als erstes nehme ich einen tiefen Zug frischer Luft, schließe meine Augen und versuche meinen Puls zu beruhigen. Es klappt nicht, ich bin zu aufgewühlt. Ich gehe schnell die Eingangstreppe hinunter und auf die Straße.
   Auf dem Bürgersteig laufen mir meine Nachbarn über den Weg. Johannes und Rebecca. Händchenhaltend. Bibelfeste Religionsfanatiker. Immer ein religiöses Zitat auf den Lippen, das sie ihren Mitmenschen stets ohne Aufforderung unterbreiten. Übertrieben freundlich und immer nachsichtig. Die gehen mir schon auf den Keks, seit sie hier vor zwei Jahren zugezogen sind. Nicht, dass mir die vorigen Mieter, Familie Basch, sonderlich ans Herz gewachsen sind, im Gegenteil. Die waren zwar keine religiösen Spinner, aber hatten trotzdem beträchtlich einen an der Klatsche. Ich mag keine Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung, die ständig fragen wie es einem geht, was der  Job macht und vor der Tür stehen, wenn man seine Ruhe haben will. Als die Vormieter schlussendlich ausgezogen sind- die Dame des Hauses tanzte gerne auf mehreren Hochzeiten, so dass es schließlich zur Trennung kam- hoffte ich auf Ruhe, für längere Zeit. Ich wusste, dass die Miete im Nachbarhaus sehr hoch angesetzt war und ging von einem lange Zeit unbewohnten Gebäude aus. Tja, aber wie das so mit Annahmen ist, vor allem mit meinen Annahmen, standen die Rodieks schon nach nur einem Monat auf der Matte und begrüßten uns mit dem mir so verhassten Satz: wir sind die neuen Nachbarn. 
   Ich nicke den beiden zu, will schnell an ihnen vorbei, aber mein Nachbar greift mir an die Schulter und als Johannes seinen Mund öffnet, wahrscheinlich um einen seiner Segnungsgrüße loszuwerden, komme ich ihm verärgert zuvor: »Verpisst euch, ihr Spinner. Ich will euren beknackten Scheiß nicht hören.« 
   Ich schüttele seine Hand ab und verharre eine Sekunde, sehe die beiden Miriamgleich mit offenem Mund dastehen und beeile mich schließlich mit großen Schritten Abstand zu gewinnen. 




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