Sonntag, 4. Dezember 2016

Maria W. Peter





Maria W. Peter 

*Die Festung am Rhein *

erscheint am 16.03.2017


Klappentext 
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Koblenz, 1822: Hoch über der Stadt entsteht die preußische Feste Ehrenbreitstein. Als von dort streng geheime Baupläne verschwinden, wird Franziskas Bruder Christian wegen Hochverrats verhaftet. Er soll die Pläne an die Franzosen verkauft haben - weil sein Vater ein Offizier Napoleons war. Um Christians Unschuld zu beweisen, braucht Franziska die Hilfe des strengen Leutnants Rudolph Harten. Dabei kommen sich die beiden näher, als es sich für einen Preußen und eine Halbfranzösin gehört.


Leseprobe


Gekürzte und leicht bearbeitete Leseprobe aus
„Die Festung am Rhein“ von Maria W. Peter
Historischer Roman (Bastei Lübbe)
Erscheinungsdatum: März 2017





Coblenz, Juni 1822
Kapitel 1

Blutrot stand die Sonne am westlichen Horizont, der sich bis tief hinein in die Eifel erstreckte. Ein milder Wind wehte von Mosel und Rhein her. Beinahe mutwillig zerrte er an ihrem Rock, den Bändern ihrer Schute und kühlte zugleich ihr Gesicht, das vor Erregung erhitzt war. 
Ein Grüppchen Soldaten kreuzte ihren Weg. Die Männer bedachten sie mit anzüglichen oder herablassenden Blicken. Franziska ignorierte beides und eilte weiter.
Ich muss dich umgehend sehen. Heute Abend noch. Es ist wichtig.
Mehr hatte er ihr nicht mitgeteilt auf dem kleinen, fleckigen Zettel, den ein schmutziger Straßenjunge ihr überbracht hatte. Ein unbehagliches Gefühl überkam sie. Was konnte nur vorgefallen sein, das so wichtig war, dass er sich davor scheute, es zu Papier zu bringen? 
Der Anblick des Rheins, der majestätisch vor ihren Augen vorbeizog, ließ Franziska kurz innehalten. Geblendet von dem Licht, das von den Wellen reflektiert wurde, blinzelte sie. Dann lief sie atemlos ein Stück am Ufer entlang, bis sie die von Schiffskörpern getragene Pontonbrücke erreichte, welche die Stadt Coblenz mit dem gegenüberliegenden Rheinufer und dem gewaltig aufragenden Felsplateau des Ehrenbreitsteins verband.
Schweigend passierte sie die dunkel uniformierten Wachposten und blickte zur anderen Seite hinüber. Etwas seltsam Bedrohliches schien in der Luft zu liegen, schwer und dicht wie die Schwüle vor einem Gewitter. Alle Muskeln ihres Körpers spannten sich an, etwas in ihrem Inneren schrie Gefahr!, und trotz der angenehmen Abkühlung, die der Abend brachte, spürte Franziska, wie feiner Schweiß ihre Wirbelsäule hinab rann und vom Stoff ihres abgetragenen Kleides aufgesogen wurde.
Vereinzelt kamen Soldaten über die Brücke, einige langsam und schwerfällig, andere ausgelassen und mit flottem Schritt, als wären sie bereits von der bloßen Vorstellung, nun bald in das nächste Wirtshaus einkehren zu können, berauscht. Manch einer von ihnen ließ seinen Blick eine Weile auf Franziska ruhen, als wolle er abschätzen, ob sie womöglich eine der Dirnen war, die sich gegen Geld an die hier einquartierten Militärs verkauften, um den Dienern seiner Majestät manch schöne Stunde zu bereiteten. Einer der Männer sprach sie an. Ein zweiter versuchte sogar, ihren Unterarm zu greifen, doch ihr abweisendes Gesicht, ihre starre, unnachgiebige Haltung ließ ihn schnell in seinem Eifer erlahmen.
Gerade, als Franziska schon fürchtete, umsonst gekommen zu sein, sah sie ihn. Hinter zwei Kameraden kam er über die Schiffsbrücke. Das satte Blau seines Uniformrocks über der weißen Hose brannte in Franziskas Augen. Sein Gesicht war verschmutzt, seine Haare, die unter der Mütze hervorlugten, waren staubbedeckt und zerzaust. An seinem schleppenden Gang erkannte sie, wie erschöpft er war. 
Als er das Ende der Brücke erreicht hatte, passierte er den Mautposten und trat ans Ufer. Dort blieb er einen Moment stehen und sah sich suchend um. Dann entdeckte er sie. Ihre Blicke trafen sich, und ein Lächeln erhellte sein Gesicht. Aufrichtig, aber ein wenig traurig.
Eine tiefe Wärme durchflutete Franziska, gefolgt von einem Gefühl der Besorgnis. Mit klopfendem Herzen eilte sie auf ihren Bruder zu, stand ihm gegenüber. Ihre Hand glitt in seine, dann beugte er sich vor, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Ein kurzer Moment der Vertrautheit, trotz der preußischen Uniform, die wie ein Fremdkörper an ihm wirkte. 
Noch immer. 
Schließlich schob sie ihn eine Armeslänge von sich, um ihn zu mustern. Er hatte die gleichen schwarzen Locken wie sie, die gleichen feinen Gesichtszüge mit hohen Wangenknochen. Es war unverkennbar, dass sie Geschwister waren. Nur dass Christians Augen so dunkel waren wie die ihres Vaters, der aus dem südlichen Frankreich stammte, sie selbst dagegen die hellen Augen ihrer Mutter geerbt hatte. 
„Fanchon.“ Der Tonfall, mit dem er ihren Kosenamen aussprach, klang erleichtert, fast wie ein Aufatmen. „Schön, dass du kommen konntest.“
„Du kannst dich immer auf mich verlassen.“
„Daran würde ich nie zweifeln.“
Franziskas Zunge strich über ihre trockenen Lippen, bevor sie die Frage stellte, die sie bereits den ganzen Tag umgetrieben hatte. „Was ist geschehen. Weshalb …?“
„Sch … nicht hier.“ Mit einer knappen Bewegung des Kopfes schnitt Christian ihr das Wort ab. 
„Hast du Hunger?“ Die Anspannung ihres Bruders bereitete Franziska mehr Sorgen, als sie ihm zeigen wollte. „Möchtest du irgendwo einkehren?“ 
Heftig schüttelte er den Kopf. „Nein, ich habe den ganzen Tag auf der Festungsbaustelle verbracht, ich brauche jetzt saubere Luft und … den freien Himmel.“
„Sollen wir lieber hierbleiben, am Rhein?“
Ein kurzer, gehetzter Blick über die Schulter, als fürchtete er, verfolgt zu werden. Dann nickte Christian. „Ja. Lass uns ein Stück spazieren gehen.“
Rasch hatte er sie am Arm gefasst und sich flussaufwärts gewandt. Ihre Unruhe steigerte sich bei jedem Schritt, den sie am Rhein entlanggingen. Sie wollte Christian festhalten, ihn fragen, was los sei, weshalb er so dringlich nach ihr geschickt hatte, aber sie schwieg. So gut kannte sie ihn, dass sie wusste, er würde erst reden, wenn er dazu bereit war. So war er immer schon gewesen, ihr kleiner Bruder. Still, nachdenklich, und nie ein unüberlegtes Wort zum falschen Zeitpunkt. Ganz anders als sie selbst, bei der die Zunge bisweilen schneller war als die Vernunft. 
Endlich hatten sie eine ruhige Stelle erreicht, wo ein paar Fischer hatten ihre Netze zum Trocknen ausgespannt. Gleichmäßig und glitzernd zog der Rhein wie ein breites, endloses Band an ihren Augen vorbei. Lastschiffe, Kähne und kleine Fischerbote schaukelten, für die Nacht in Ufernähe vertäut, auf dem Wasser. Einen Moment musste Franziska die Lider schließen, so sehr blendeten sie die kleinen goldroten Flammen, die auf den Wellen züngelten und das Licht der Abendsonne widerspiegelten. 
Stumm hatte Christian sich ins Gras gesetzt, zog sie zu sich herunter. Regungslos starrte er auf die Wasseroberfläche, als sähe er darin etwas, das nur er wahrnehmen konnte oder als suche er nach den richtigen Worten, um von dem zu sprechen, was ihn bewegte.
Franziska konnte nicht verhindern, dass ihr Herz heftig zu klopfen begann. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seinen Unterarm. „Christian, was ist?“ 
Ruckartig wandte er sich ab. 
„Ist etwas vorgefallen? Gab es… gab es wieder Ärger? Hat man dich kujoniert wegen deiner … wegen unserer Herkunft?“
Er schwieg weiterhin.
„Wurdest du schlecht behandelt?“ Franziskas Mund wurde trocken, wenn sie daran dachte, was ihr Bruder durchzustehen hatte, seit ihn die preußische Armee als Wehrpflichtiger eingezogen hatte. Nicht nur die alltägliche Härte, die Willkür und Disziplin, sondern auch den Spott und die Verhöhnung, weil er der Sohn eines französischen Offiziers war. Dazu noch eines gefallenen Offiziers, eines Mannes, der sieben Jahre zuvor in der entscheidenden Schlacht von Waterloo sein Leben für den Kaiser von Frankreich geopfert hatte. „Hat Bäske dich wieder …“
Heftig fuhr er herum. „Was weißt du von unserer Mutter?“
Franziska blinzelte überrascht. „Von unserer Mutter, wieso?“ 
„Hattest du in der letzten Zeit irgendeinen Kontakt zu ihr?“ Seine Stimme klang gepresst. 
„Natürlich.“ Verwirrt schüttelte Franziska den Kopf. „Das heißt, ich hab ihr geschrieben. Du weißt doch, dass ich, wenn immer möglich, einen Brief nach Cöln schicke. Aber warum …“ 
Als sie flussabwärts schaute, sah sie, dass drei Uniformierte in ihre Richtung kamen. Unwillkürlich verkrampfte sie sich. Was sie mit ihrem Bruder zu besprechen hatte, ging nur ihn und sie etwas an. Sie brauchten keine Zuhörer.
„Also, warum fragst du nach Maman?“ Sie hatte die Stimme gesenkt. 
Christians Blick flackerte. „Unser Vater … nun …“ Er schluckte. „Was weißt du über seinen Tod?“ 
„Seinen Tod?“ Franziska flüsterte. „Das, was Maman uns damals erzählt hat. Und … Was ist?“ Sie spürte, wie ihre Hände feucht wurden.
Ihr Bruder wandte den Blick ab, sah zum gegenüberliegenden Rheinufer und schwieg. Die Soldaten waren nähergekommen, ihre Schritte knirschten leise auf dem Untergrund von Gras und Kies. 
„Christian, was ist los?“ Sanft strich Franziska ihm über die Wange. 
Endlich sah er sie wieder an, und ein gequälter Ausdruck stand in seinem Gesicht. „Der Krieg, damals, diese Schlacht …“ Tief atmete er ein, als wappne er sich. „Womöglich gibt es Dinge, die …“
„Da ist der Verräter!“ Wie ein Pistolenschuss krachte der Satz über das abendliche Rheinufer, zerriss die angespannte Stimmung und ließ Franziska auffahren.
Die drei Uniformierten, die sie zuvor nur am Rande wahrgenommen hatte, eilten auf sie zu. Noch ehe sie verstand, was geschah, hatte der Erste sie erreicht und legte Christian die Hand auf die Schulter.
„Pionier Berger, Sie sind verhaftet wegen Diebstahls und Geheimnisverrats.“
Einen Moment lang schien Christian wie vom Donner gerührt und keiner Bewegung fähig. Doch dann kam wieder Leben in ihn. Er stieß den Soldaten mit einem Ruck zur Seite und rannte los.
Die anderen beiden schnitten ihm den Weg ab, ergriffen ihn und warfen ihn zu Boden. Sie rissen ihm die Arme auf den Rücken und begannen, ihn mit einem festen Strick zu fesseln.
Das alles war so schnell gegangen, dass Franziska vor Schreck wie gelähmt war, unfähig, etwas zu sagen oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Dann aber packte sie den Mann, der ihr am nächsten stand, am Arm. „Was tun Sie da? Lassen Sie ihn los!“
Ruckartig drehte sich dieser zu ihr um und stieß sie dabei mit einer solchen Wucht von sich, dass sie beinahe gestürzt wäre. „Wagen Sie es nicht, Fräulein!“, knurrte er. Der Blick, den er ihr zuwarf, war bedrohlich. „Und was ihren Liebsten da angeht, der kann sich auf eine schöne blanke Kugel gefasst machen. Am besten, Sie verabschieden sich schon mal von ihm.“
Fassungslos starrte Franziska ihn an: „Was hat das alles zu bedeuten? Was wollen Sie von ihm?“ Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie die beiden anderen Christian auf die Füße zerrten.
„Ihr Liebesdiener hier hat einige brisante Informationen aus dem Bureau Capitains von Rülow geklaut und gegen klingende Münze an die Franzmänner verscherbelt …“
Franziska hörte, wie ihr Bruder bei diesen Worten scharf die Luft einsog, und ihr war, als würde der Boden unter ihren Füßen weggezogen.
„So ein Verhalten sieht man nicht gerne bei uns, Fräulein. Ihr werter Herzensfreund wird sich dafür also verantworten müssen. Einen schönen Tag noch.“
Mit diesen Worten gab er den beiden anderen einen Wink, Christian abzuführen. Eisige Panik schlug über Franziska zusammen. „So etwas hat er niemals getan!“ Ungläubig und zitternd vor Wut, stolperte sie an dem Soldaten vorbei und versperrte ihm den Weg. „Mein Bruder ist kein Dieb!“ Und etwas leiser fügte sie hinzu: „Und er ist auch kein Verräter.“
Ein kaltes Lächeln traf sie. „So, so, der Herr Bruder also. Na, wen kümmert’s? Und das andere wird der Auditor herausfinden, und der wartet nicht gerne. Also, los, aus dem Weg!“
Einen Augenblick blieb Franziska wie festgewachsen stehen. Ihr Atem ging heftig, ihr Herz schlug zum Zerspringen. Doch sie war nicht bereit, Christian diesen drei Kerlen zu überlassen. Schon gar nicht mit einer solch himmelschreiend falschen Anklage!
Gerade wollte sie ihre Röcke raffen, um zu den Männern aufzuschließen, als Christian sich umwandte. Fast unmerklich schüttelte er den Kopf, seine Augen fixierten sie. Lautlos formulierten seine Lippen das Wort Nein. 
Geh nach Hause!, bedeutete er ihr stumm. Schnell, du kannst nichts ausrichten.
Wie von einem Schlag getroffen, fuhr Franziska zurück. Was in aller Welt ging hier vor? Noch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, rissen die Soldaten ihren Bruder herum und zerrten ihn in Richtung Stadt. 
Überrumpelt und völlig unschlüssig, was sie nun unternehmen sollte, sah sie ihnen nach, bis die Männer mit Christian hinter der halb errichteten Stadtmauer verschwunden waren.

*
(…)

Mit der schwülen Nachtluft drang die Dunkelheit durch das geöffnete Fenster herein. Nur einige Kerzen beleuchteten die winzige Stube, in der nichts stand außer einem Tisch, zwei Stühlen und einem weiteren Schemel in einer Ecke.
Das Gesicht des Gefangenen lag im Schatten. Dennoch konnte Leutnant Rudolph Harten erkennen, wie jung dieser war. Kaum mochte er das Mindestalter für den Eintritt in die Armee erreicht haben. Schwarzes Haar fiel ihm wirr in die Stirn. Ein Bluterguss schimmerte unter seinem linken geschwollenen Auge, und die Oberlippe war aufgeplatzt. Entweder hatte er sich seiner Festnahme widersetzt, oder jemand hatte ihm bereits einige unangenehme Fragen gestellt, auf die er die Antwort verweigert hatte. 
Als Rudolph eintrat, hob der Junge langsam den Kopf und sah ihn direkt an. Angst lag in seinen Augen. Die namenlose, stumme Angst vor dem Unausweichlichen, vor dem es kein Entrinnen gab. Dem völligen Ausgeliefertsein, womöglich gar dem Tod. 
Das Aufflammen von Wiedererkennen ließ Rudolph einen Moment innehalten. Einige Herzschläge lang stiegen Erinnerungen in ihm auf. An einen anderen Tag, einen vergangenen Krieg ... an eine Schlacht, die nicht verloren werden durfte. Ganz gleich um welchen Preis. Und während er die Gesichtszüge des in Ketten gelegten Soldaten beobachtete, an dessen Hals die Pulsader deutlich pochte, glaubte er fast wieder, die eigene Furcht zu riechen, die er selbst an jenem Tag empfunden hatte, den Rauch der Kanonen und Musketen, den Dunst von Schweiß, Blut und Todesangst.
Ein Wachposten trat ein und beleuchtete den Raum mit einer zusätzlichen Kerze. Jetzt konnte Rudolph das Gesicht des Gefangenen besser erkennen. Hohe Wangenknochen, ernste, ansprechende Züge mit dunklen, von vollen Wimpern umschatteten Augen. Das Gefühl des Wiedererkennens wuchs, die Gewissheit, sich an dieses Gesicht erinnern zu müssen. 
Wortlos trat Rudolph einen Schritt auf ihn zu. Die Hände seines Gegenübers verkrampften sich, er schluckte mit zusammengepressten Kiefern. Und plötzlich wusste Rudolph, woher er ihn kannte. Der Inhaftierte war einer der Pioniere, die zu Schanzarbeiten auf der Festungsbaustelle am Ehrenbreitstein abkommandiert waren. 
Also doch! Ein Verrat aus den eigenen Reihen. Von einem seiner Untergebenen. Rudolph musste versuchen, den Schuldigen so schnell wie möglich zu überführen, seine Komplizen auszumachen, um noch größeren Schaden von der Festungsanlage abzuwehren.
„Ich kenne dich.“ Langsam trat Rudolph einen Schritt näher. „Du hast die letzten Wochen unter meinem Kommando gearbeitet.“
Ein kurzes, zögerndes Nicken war die Antwort.
„Ein Gesicht, das mir einmal untergekommen ist, vergesse ich nicht.“ Bei jedem seiner Worte beobachtete Rudolph die Miene des Gefangenen. „Das bedeutet, du warst also Tag für Tag am Bau beschäftigt und konntest dabei wohl auch die Gespräche der Ingenieure und der angeworbenen Hilfskräfte mit anhören.“
Keine Reaktion, nur ein trotziges Zusammenpressen der Lippen, ein kurzes Abwenden des Blicks.
„War es nicht so?“ Rudolph war nicht gewillt, ein Schweigen zu akzeptieren. Er brauchte das Geständnis, ein schnelles Geständnis. Und dazu die Namen möglicher Komplizen und Kontaktleute. Er stützte sich mit den Handflächen auf dem Tisch ab und beugte sich vor. „Dann sag mir, wie du es angestellt hast.“
Irritiert schaute der junge Soldat ihn an. „Was angestellt?“
„Hör auf, mir etwas vorzumachen! Du weißt sehr gut, was ich meine.“
„Was soll ich getan haben?“ Seine Stimme war schrill vor Angst.
Das war gut. Angst war in solchen Fällen stets ein willkommener Verbündeter und mochte dem verstockten Jungen die Zunge lockern. Rudolph lehnte sich noch ein Stück weiter vor. „Nun, die Unterlagen, die aus dem Bureau Capitains von Rülow verschwunden sind. Die hast du doch genommen und zusammen mit den anderen Informationen, die dir zu Ohren gekommen sind, nach Frankreich verkauft.“ Trotz des Halbdunkels sah Rudolph, dass der Gefangene blass wurde. „Sicher hat man dich reichlich dafür entlohnt. Der neue französische König hat sich vermutlich nicht lumpen lassen, um an derart detaillierte Informationen über die Befestigungsanlagen seines einstmals erbittertsten Gegners zu gelangen.“
Der Gefangene schwieg.
Ein kaltes Lächeln umspielte Rudolphs Mundwinkel, während er sich langsam auf dem freien Stuhl niederließ. „Wie hast du es geschafft, all diese Informationen unbemerkt zu entwenden und ungestört über die Grenze zu schaffen?“
Keine Antwort. 
Rudolph zog die Beine an, stützte die Ellbogen auf den Tisch und betrachtete den jungen Soldaten wortlos, bis dieser sich unter seinem Blick zu winden begann. „Noch einmal: Welche Helfer hattest du, und wie konntest du in den Besitz all dieser geheimen Pläne und Unterlagen gelangen?“
Der Junge öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, klappte ihn dann aber wieder zu.
„Ich versichere dir, Bursche, Verräter sehen bei uns schneller in eine Gewehrmündung, als sie Amen sagen können. Wenn du dich zudem aber noch weigerst, offenzulegen, was du weißt, kann der Aufenthalt bis dahin recht unangenehm werden. Also sag mir besser, wie …“
„Ich habe das nicht getan!“ Der Gefangene fuhr so heftig auf, dass er einen der Kerzenhalter vom Tisch stieß, und der Wachposten nach seiner Waffe griff. „Ich schwöre bei Gott und allen Heiligen, dass ich nichts dergleichen getan habe … ich …“ Seine Stimme brach.
Langsam stand Rudolph auf und machte zwei Schritte auf ihn zu. „Ich fürchte, Gott und seine …“, er räusperte sich, „seine Heiligen, werden dir nicht helfen, solange du lügst. Diebstahl und Verrat sind Gräuel in den Augen des Herrn.“
Verzweiflung und Trotz standen im Gesicht des Soldaten. „Ich bin wirklich unschuldig.“ Seine Stimme klang erstickt.
„Nun denn.“ Scheinbar konzentriert betrachtete Rudolph seine Nägel, bis er wieder den Blick zu dem jungen Mann erhob, der noch immer blass und bebend vor ihm stand. „Die Revolutionen der vergangenen Jahrzehnte mögen halb Europa ein wenig in Unordnung gebracht haben. Wenn es jedoch eine Sache gibt, an die ich unerschütterlich glaube, dann ist es der preußische Sinn für Ordnung und Sorgfalt. Und eben deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Mann ohne Grund verhaftet worden sein sollte ...“ 
Flammende Röte zeigte sich im Gesicht des Soldaten, seine Nasenflügel bebten, und seine gefesselten Hände ballten sich zu Fäusten. „Doch!“
Rudolph zog die Augenbrauen hoch. „Du willst mir also sagen, Bursche, dass du in dieser Sache aus reiner Willkür arretiert wurdest, ohne auch nur den kleinsten Beweis, für deine Schuld?“
Mit zusammengepressten Lippen nickte der andere. „Genauso ist es.“
Rudolphs Stiefel knirschten leise, als er den Gefangenen schweigend umrundete und schließlich einen halben Schritt hinter ihm zum Stehen kam.
„Dann sag mir doch einmal, was die Ursache dafür sein könnte, dass ausgerechnet du hier wegen Spionage und Geheimnisverrats einsitzt. Wo du ja so vehement behauptest, unschuldig zu sein, und dafür sogar die Heiligen bemühst.“
Der Kopf des Jungen fuhr herum, und seine Antwort kam so unerwartet, dass Rudolph erst nicht begriff. „Ganz einfach, Herr Leutnant, weil ich Franzose bin.“



Kapitel 2
(…)
 (Am darauffolgenden Tag)

 „Heißt das also, dass Sie es mir verwehren, meinen eigenen Bruder zu sehen?“ In hilfloser Wut stand Franziska vor dem wachhabenden Sergeanten. Dieser hatte sich breitbeinig vor der Tür aufgebaut, die zu den Arresträumen führte und dachte offenbar nicht daran, auch nur einen Schritt zu weichen.
„Landesverräter genießen nicht das Privileg, Besucher empfangen zu dürfen.“ Die Stimme klang gleichgültig, der Tonfall dienstlich. Nur die zusammengekniffenen Augen des Uniformierten zeigten, dass er sich durchaus zu fragen schien, was diese junge Frau vorhatte, dass sie so vehement Einlass zu einem der Gefangenen forderte.“ Wenn der General nicht gerade für drei Wochen in Berlin wäre, hätte der Kerl schon längst eine Kugel im Leib.
„Dass mein Bruder einen Verrat begannen hat, wäre ja wohl erst zu beweisen.“ Franziska spürte, wie der Zorn in ihr wuchs und sie Mühe hatte, sich im Zaum zu halten.
Ein herablassender Blick traf sie. „Ganz wie das Fräulein meinen.“
„Oder wird man in Preußen jetzt schon auf bloßen Verdacht hin abgeurteilt?“
Lautlos richtete sich ihr Gegenüber auf, die Augenbrauen des Mannes zogen sich zusammen, eine missbilligende Furche erschien auf seiner Stirn. „Eine solch impertinente Frage sollte man besser überhören.“
Franziska hob den Kopf. „Sie war durchaus ernst gemeint.“
„Umso schlimmer.“ Langsam kehrte der Sergeant zu seinem Schreibpult zurück, tauchte eine Feder in die Tinte und schrieb ein paar unleserliche Zeilen auf einen Bogen Papier. „Ich muss Sie nun bitten zu gehen.“
„Ich möchte meinen Bruder sprechen.“ 
„Wie bereits gesagt, Fräulein, ist das ausgeschlossen.“
Franziskas Wut schlug in Verzweiflung um, Traurigkeit und Angst. „Bitte, Monsieur, darf ich wenigstens wissen, ob es ihm gut geht?“
Ein Anflug von Mitleid schlich sich in die Augen des Uniformierten, als er sie ansah. „Der Pionier Berger erhält die ihm zustehende Ration an Nahrung und Wasser. Zumindest, solange er sich kooperativ zeigt.“
Franziska schluckte.
„Was womöglich mehr ist, als ein Verräter wie er verdient. Und wenn ich Sie nun bitten dürfte … Einen schönen Tag noch.“
Mit diesen Worten wandte sich der Mann endgültig seiner Schreibarbeit zu.
Ihr Gefühl sagte Franziska, dass sie an diesem Tag nicht mehr erreichen würde. Außer vielleicht, die Lage ihres Bruder noch zu verschlimmern. Ohne ein Wort schob sie sich ihre Schute wieder auf dem aufgesteckten Haar zurecht und verließ grußlos das Militärarresthaus.

*

Rudolph wusste nicht, was er sich von dieser erneuten Befragung erhoffte. Ja, er war selbst nicht gänzlich davon überzeugt, dass der junge Mann, der nun seit zwei Tagen im Arresthaus einsaß, tatsächlich etwas mit der ganzen Angelegenheit zu tun hatte. Die Tatsache, dass sein Vater ein französischer Offizier gewesen war, hatte nichts zu bedeuten. Das ganze verfluchte Rheinland hier war voll von dieser Franzosenbrut, Bastarden, die den zwei Jahrzehnten der französischen Besatzung entstammten. Und dass er sich neben dem regulären Militärdienst freiwillig für zusätzliche Arbeiten am Bau der Festung gemeldet hatte, ebenso wenig. Versuchten doch viele junge Soldaten ihre knappe Löhnung auf diese Weise ein wenig aufzubessern. 
Einen Fluch unterdrückend, trat Rudolph einen Stein beiseite und bog um eine Straßenecke in die Weissergasse. Beinahe körperlich spürte er die missbilligenden Blicke einiger Passanten, Blicke, die seinem Degen, den Insignien und dem Blau seiner Uniform galten, die ihn als Offizier des preußischen Königs kennzeichneten. Eines Königs, der sich am Rhein keiner großen Beliebtheit erfreute. 
Rudolph spürte, wie ihm bei diesem Gedanken die Galle hochstieg. Noch immer spukten in vielen Köpfen die Ideen der Revolution herum. Und die gleichen Leute, die insgeheim auf das Bild des Königs von Preußen spuckten, würden mit offenen Armen diesen korsischen Usurpator willkommen heißen, wenn ihn nicht im Vorjahr der Tod ereilt hätte. Napoleons Hinscheiden in seinem Exil auf der Insel St. Helena hatte bei seinen noch immer zahlreichen Anhängern in ganz Europa große Trauer ausgelöst.
Verrotten möge er in seinem Grab!, dachte Rudolph. Die Vorstellung, dass Menschen in diesem Land hier, Preußens westlichsten Provinzen, womöglich sogar solche, mit denen er täglich zusammenarbeitete, im tiefsten Herzen Revolutionäre, ja Bonapartisten waren, empörte ihn so sehr, dass er beinahe die junge Frau übersehen hätte, die stolpernd auf ihn zu eilte. Sie war offensichtlich ebenso in Gedanken versunken wie er und achtete nicht auf den Weg.
Im letzten Augenblick wich er vor ihr auf die Straße aus und wäre dabei beinahe von einem der vorbeizockelnden Fuhrwerke erfasst worden. Er konnte gerade noch verhindern, dass die junge Frau, die von der plötzlichen Bewegung und den darauffolgenden herben Flüchen des Bierkutschers, aus ihren Tagträumen aufgeschreckt war, dieses Schicksal ereilte. 
Mehr aus einem Reflex heraus denn aus einer bewussten Überlegung hatte er ihren Arm gepackt und sie zu sich herangezogen. „So passen Sie doch auf!“, grollte er und musste sich beherrschen, das kopflose Weibsstück nicht zu schütteln. „Wenn Sie am helllichten Tag träumen, bringen Sie sich und andere in Gefahr!“
Statt eines Dankes hob die soeben Gerettete den Kopf und funkelte ihn verärgert an. „Ich bin alt genug, um auf mich selbst achtzugeben. Ihre Belehrungen können Sie sich also sparen.“
Rudolph schnaubte. Es war dieselbe junge Rheinländerin, die ihm am Tag zuvor bereits buchstäblich vor die Füße gefallen war. Verfluchte Tagträumerin! Offensichtlich brauchte das verantwortungslose Frauenzimmer eine gehörige Lektion in Sachen Aufmerksamkeit.
Er verstärkte den Druck seiner Hand und maß sie mit einem eisigen Blick. „Wie ich sehe, kennen wir uns bereits.“
Sie versuchte, sich dem Griff zu entwinden, doch Rudolph packte noch fester zu, nicht bereit, sie so einfach davonkommen zu lassen.
„Tatsächlich, Monsieur?“
„Tatsächlich.“ Er lächelte kalt. „Und wie ich sehe, verfügen Sie über das bemerkenswerte Talent, sich in die Arme preußischer Offiziere zu werfen.“
„Wenn Sie es sagen, Monsieur.“ Noch immer zerrte die Frau an seinem Arm. „Nun, da Sie mich auf diese kleine Schwäche hingewiesen haben, würde ich gerne meinen Weg fortsetzen.“
Rudolphs Blick ging zu der Richtung, aus der sie gekommen war. Das Militärarresthaus? Sollte sie womöglich ...? 
Nein. Er verwarf den Gedanken ebenso schnell, wie er aufgetaucht war. Sicher war das nur Zufall. Was sollte eine Frau wie sie dort zu schaffen haben? War sie nicht die Nichte eines der Baumeister auf der Feste? Als solche hatte sie sich ihm zumindest vorgestellt. Wie hieß dieser noch gleich?
„Fräulein Kannegießer?“, erkundigte er sich in einem amtlichen Tonfall, der so klang, als nähme er jedes ihrer Worte zu Protokoll. 
Die so Angesprochene zuckte kaum merklich zusammen, ihre Lider flatterten, doch sie hielt seinem Blick stand und rang sich schließlich etwas ab, das man als ein Nicken deuten konnte. „Wenn Sie mich so nennen möchten“, antworte sie schließlich gepresst, „dann sind wir uns ja ausreichend vorgestellt worden, Monsieur. Hätten Sie nun die Güte, mich endlich loszulassen? Morgen habe ich sicherlich überall blaue Flecken.“ 
„Was Ihnen nur recht geschähe.“ Er gab sie frei und sah mit nicht geringer Befriedigung, wie sie sich den Arm rieb. Dennoch verschwand der herausfordernde Ausdruck nicht aus ihrem Blick.
„Danke“, sagte sie von oben herab.
„Und passen Sie zukünftig besser auf, wohin Sie treten.“
Ein Anflug von Trotz flackerte in ihren Augen auf. Dann wandte sie sich zum Gehen. „Einen schönen Tag noch, der Herr.“
Eilig setzte sie ihren Weg in Richtung Florins Markt fort und ließ Rudolph mit dem untergründigen Gefühl zurück, dass sie irgendetwas vor ihm zu verbergen suchte.
© by Maria W. Peter



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Liebe Maria, vielen Dank für die Leseprobe und die Bilder.