Freitag, 2. Dezember 2016

Marita Spang





Marita Spang
*Die Frauenburg*
Knaur Verlag
erscheint am 02.12.2016



Klappentext
lt.amazon.de
Ein großer historischer Roman über eine Frau, die für ihre Zeit Unerhörtes wagte.
Das Römisch-Deutsche Reich im Jahr 1324. Die junge Gräfin Loretta von Starkenburg-Sponheim übernimmt nach dem frühen Tod ihres Gatten die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn. In dem Kurfürsten Balduin von Trier findet sie einen mächtigen Verbündeten gegen ihre zahlreichen Feinde und nach einer unglücklichen Ehe Erfüllung in ihrer geheimen Liebe.
Auf dem Höhepunkt ihres Glücks entschließt sich Loretta, eine Burg zu erbauen, unerhört für eine Frau ihrer Zeit. Ihr Plan verändert alles.


Leseprobe

PROLOG IM DOM ZU TRIER, MAI 1308 
Mit klopfendem Herzen näherte sich Loretta an der Hand ihrer Mutter der Hohen Domkirche zu Trier. Staunend hob sie ihren Blick zu den mächtigen Türmen empor, die mit ihren Spitzen den maiblauen Himmel zu berühren schienen. Der Dom war das prachtvollste Gebäude, das sie jemals gesehen hatte. sGeradezu armselig wirkte dagegen die elterliche Burg in Blieskastel mit ihrem klobigen Bergfried. Während sie vor dem mit biblischen Figuren geschmückten Portal auf Einlass warteten, ließ Loretta ihre Hand über den blankpolierten grauen Stein gleiten, der links neben dem Eingang lag und ihr fast bis zur Schulter reichte. Er fühlte sich so glatt wie Seide an. »Wer hat diesen riesigen Stein hierher geschafft und warum?«, flüsterte sie ihrer Mutter zu. Gräfin Jeanne von Salm hob halb amüsiert, halb ärgerlich die Augenbrauen. Neugierde und Wissbegier waren die zwei hervorstechendsten Charakterzüge ihrer ältesten Tochter. Ihrem für ein Mädchen ungewöhnlich scharfen Verstand entging kaum etwas von Bedeutung. Oft war sie darin sogar den Erwachsenen voraus. Im halbherzigen Versuch, mütterliche Strenge zu zeigen, legte sie der Neunjährigen den mit einem schlichten Goldring geschmückten Zeigefinger auf den Mund. »Schon wieder Fragen, Loretta. Zu viel Neugier schickt sich nicht für ein sittsames Mädchen, zumal bei einem so denkwürdigen Anlass.« Loretta blieb unbeeindruckt und sah ihre Mutter bittend an. Ihre dunkelblauen Augen funkelten vor Wissbegierde. Jeanne von Salm konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Rasch warf sie einen Seitenblick auf ihren Gatten Bernhard. Er war offensichtlich ins Gespräch mit einem neben ihm wartenden Edelmann vertieft, der ein prächtiges, mit Goldfäden durchwirktes Obergewand trug. Sein eigenes aus taubenblau gefärbtem feinem Leinen wirkte dagegen schlicht und unauffällig. Einen Augenblick lang huschte ein Schatten über Jeannes Gesicht. Loretta bemerkte es beklommen. Tag und Nacht suchte ihr Vater Bernhard von Salm das Unheil abzuwenden, das ihm und seiner ganzen Familie drohte. Aber trotz seiner Bemühungen wurde ihre Lage von Jahr zu Jahr schlimmer. Verfolgten ihn und die Mutter die Sorgen selbst heute am Tag der feierlichen Einführung des neuen Trierer Erzbischofs Balduin von Luxemburg in sein hohes Amt? Ihre Mutter schüttelte sich leicht, als wolle sie ihren düsteren Gedanken entkommen, und beugte sich zu ihr hinunter. »Man sagt, der Teufel selbst habe den Stein vor das Domportal geworfen«, raunte sie Loretta zu. Das Mädchen sog erschrocken den Atem ein. »Warum hat er das getan?« Ihre Mutter lächelte wieder. »Als der Baumeister das mächtige Gotteshaus vor vielen Jahren errichtete, konnte er die schweren Säulen, die das Gewölbe tragen sollten, nicht herbeischaffen lassen. Kein Fuhrwerk war groß genug, sie daraufzulegen, kein Ochsengespann stark genug, es zu ziehen. So behalf sich der Baumeister mit einer List.« Die Gräfin stockte und warf erneut einen verstohlenen Seitenblick auf ihren Mann. Der war noch immer abgelenkt. Ungeduldig zerrte Loretta an ihrer Hand. »Was war das für eine List?« »Der Baumeister machte dem Teufel weis, er wolle das größte Wirtshaus der Welt in Trier errichten. Der freute sich, denn er hoffte auf viele sündige Seelen, die ihm derart in die Hände fallen würden. Also erklärte er sich bereit, die schweren Säulen vom Steinbruch im fernen Odenwald durch die Lüfte bis nach Trier zu tragen.« Die Gräfin unterbrach sich erneut, denn nun ging es in der Schlange der Wartenden ein Stück voran. In die Farben des Erzbischofs gekleidete Dienstmannen geleiteten alle Gäste der hohen Messe persönlich an die ihnen zugewiesenen Plätze. Aber noch war es für die Familie derer von Salm nicht so weit. Kurz vor der Kirchentür stockte der Zug. Der Graf schnaubte unwillig, wandte sich dann aber wieder seinem Gesprächspartner zu. »Und was weiter?« Ein zweites Mal zog Loretta ungeduldig an der Hand ihrer Mutter. »Der Teufel hielt sich an sein Versprechen und schaffte so viele Steine heran, dass der Bau zügig voranschritt. Eines Tages war es so weit, dass die erste Messe im neuen Gotteshaus gelesen werden konnte. Schon von weitem hörte der Teufel den feierlichen Gesang und erkannte, dass er betrogen worden war. In seiner Wut schleuderte er den Stein, den er gerade trug, gegen den Dom, um ihn zu zerstören. Aber Engel eilten den Gläubigen zu Hilfe und lenkten den Stein aus der Bahn, so dass er keinen Schaden anrichten konnte. Seither liegt er hier vor der Kirchentür als ein Zeichen des Sieges über das Böse, und die jungen Burschen rutschen dem Teufel zum Spott darauf herum.« Loretta runzelte die Stirn. Eine kurze Weile überlegte sie. »Warum hat der Baumeister die Engel nicht gleich um Hilfe beim Bau des Domes gebeten? Dann hätte er den Teufel doch gar nicht gebraucht!« Die Gräfin war verblüfft. Gleichzeitig war der Graf auf die leise Unterredung aufmerksam geworden und zischte empört. Zum Glück ging es genau in diesem Moment weiter. Staunend betrat Loretta das Innere des Doms und vergaß angesichts der prachtvollen Ausstattung ihre unbeantwortete Frage. Ein Mönch sang schwermütig feierlich klingende Choräle. Hunderte von süß duftenden Wachskerzen beleuchteten das Gewölbe, der Fußboden war mit feinen Mosaiken ausgelegt, die fremdartige Pflanzen und Tiere zeigten. In den zahlreichen Nischen standen steinerne Figuren. Manche stellten Menschen dar. Aus den fein gearbeiteten Baldachinen über ihren Köpfen schloss Loretta, dass es wahrscheinlich Heilige waren oder zumindest Könige. Andere Figuren schienen unmittelbar der Hölle entstiegen zu sein. Mit einem leisen Schauder betrachtete Loretta ein Ungeheuer mit gefletschten Zähnen und gefährlich anmutenden Krallen. Woher wussten die Bildhauer eigentlich, wie die Höllenbewohner aussahen? Bevor Loretta den Mund zu einer weiteren Frage an ihre Mutter öffnen konnte, waren sie an ihrem Platz angelangt. Es war nur ein Stehplatz in der dritten und letzten Reihe vor den Säulen, die das mittlere Gewölbe trugen. Der finsteren Miene ihres Vaters sah Loretta an, dass er sich ärgerte. Nur allzu deutlich zeigte die Platzzuweisung, wie Erzbischof Balduin über das Geschlecht derer von Salm dachte, welches aufgrund schon Jahre währender Erbstreitigkeiten zu verarmen drohte. Loretta stellte sich auf die Zehenspitzen, konnte aber noch immer nicht erkennen, was im Dom vor sich ging. Die breiten Rücken der Erwachsenen vor ihr raubten ihr jede Sicht. Spontan versuchte sie, sich durch die Reihen nach vorne zu drängeln, und fühlte sich augenblicklich hart an der Schulter zurückgerissen. Ihr Vater starrte sie drohend an. Unwillkürlich füllten sich Lorettas Augen mit Tränen. Über Wochen hinweg hatte sie gebettelt und gefleht, all ihre Haushaltspflichten getreulich erfüllt, dreimal täglich der Andacht in der Burgkapelle beigewohnt, nur um der Erlaubnis willen, ihre Eltern auf die Reise nach Trier begleiten zu dürfen. Erst im letzten Moment war sie erteilt worden, als sich herausstellte, dass ihre beiden älteren Brüder Wurst aus der Speisekammer stibitzt und sich daran den Magen verdorben hatten. Sollten jetzt alle Mühe und sogar dieser unerwartete Zufall umsonst gewesen sein? Sollte sie rein gar nichts von der feierlichen Zeremonie sehen? Als hätte er ihren Kummer gespürt, drehte sich der Edelmann, mit dem sich ihr Vater vor der Kirchentür unterhalten hatte, just in diesem Moment um und erhaschte einen Blick auf ihr unglückliches Gesicht. Ohne den Grafen von Salm um Erlaubnis zu fragen, zog er Loretta vor sich in die erste Reihe.Gerade zur rechten Zeit. Denn nun näherte sich der Festzug. Kirchenmänner mit kostbaren Gewändern in allen Farben des Regenbogens kamen heran, flankiert von Messdienern mit schweren Weihrauchgefäßen, die einen betäubenden Duft verbreiteten. Wie gebannt starrte Loretta auf den stolzen, hochgewachsenen Mann, der unter dem erzbischöflichen Baldachin den langen Gang entlangschritt. Sie fühlte sich magisch von ihm angezogen. Sein knielanges Oberkleid war das prächtigste, das sie je gesehen hatte – aus rotem Samt, über und über mit Goldfäden und funkelnden Juwelen bestickt. An den Fingern beider Hände trug er Ringe mit kostbaren Steinen. Atemlos sah ihn Loretta vorbeischreiten. Der Bischof war ein noch junger Mann mit regelmäßigen Gesichtszügen und energischem Blick aus dunklen Augen. Loretta erinnerte sich an Gespräche ihrer Eltern, die sie in ihrer Fensternische auf Burg Blieskastel heimlich mit angehört hatte. Balduin entstammte dem edlen Geschlecht derer von Luxemburg und zählte erst zweiundzwanzig Lenze. Damit war er der jüngste Erzbischof seit Jahrzehnten und gleichzeitig einer der sieben Kurfürsten des Reiches. Gebannt verfolgte Loretta jede Einzelheit der Zeremonie, mit der Balduin nach seiner Weihe durch den Papst im französischen Poitiers nun sein Amt im Erzbistum und Kurfürstentum Trier antrat. Die Messe zelebrierte Peter von Aspelt, selbst Kurfürst und Erzbischof von Mainz, der dem Haus Luxemburg in Freundschaft verbunden war, wie Loretta aus den Gesprächen ihrer Eltern wusste.»Was für ein schöner Mann! Einen solchen hätte ich gern zum Gemahl!« »Leider ist dies nicht möglich, kleines Fräulein!« Entsetzt merkte Loretta, dass sie ihre Gedanken laut ausgesprochen hatte. »Einen Erzbischof kann man nicht heiraten!« Der Edelmann, der ihr den Platz in der ersten Reihe ermöglicht hatte, zwinkerte ihr lächelnd zu. Loretta errötete bis zum Ansatz ihrer blonden Locken, die ein schmales Schapel aus der Stirn hielt. Beschämt senkte sie den Blick und betrachtete angelegentlich das Rankenmuster des Mosaiks zu ihren Füßen. Auf einmal war ihr, als ob sich der hell erleuchtete Kirchenraum um sie herum plötzlich verdunkelte. Ein kühler Luftzug verursachte ihr heftiges Frösteln. Schaudernd schlug sie die Arme um ihr ärmelloses hellblaues Obergewand aus feinem Linnen und barg die Hände in den weiten Seitenschlitzen, durch die das zartgelbe Untergewand hervorblitzte. Beunruhigt sah sie sich um. Doch die Menschen in ihrer Umgebung schienen nichts zu bemerken. Die Zeremonie näherte sich ihrem Ende. Schon formierte sich die Prozession aus geistlichen Würdenträgern zum festlichen Auszug aus dem Dom, vor dem eine jubelnde Menschenmenge wartete. In ihrer Mitte ging wieder Balduin, nun gekrönt mit der goldenen Mitra, die ihm der Mainzer Erzbischof auf dem Höhepunkt der Messe feierlich aufs Haupt gesetzt hatte. Kerzengerade und mit hocherhobenem Kopf schritt er den Gang entlang. Der kühle Luftzug wurde eisig, als sich der Zug Lorettas Standort näherte. Gleichzeitig ergriff sie eine immerstärker werdende Unruhe. Nun war Balduin auf ihrer Höhe angekommen. Plötzlich verspürte Loretta einen unwiderstehlichen Drang. Sie stürzte auf Balduin zu und rammte ihn mit der ganzen Kraft ihres schmächtigen Mädchenkörpers. Völlig überrascht von dem unvermuteten Angriff, taumelte der Erzbischof zur Seite und stürzte ebenso wie Loretta in zwei Edelleute, die ihn geistesgegenwärtig auffingen. Verblüfft blieben die Träger des Baldachins stehen. Keinen Wimpernschlag später löste sich ein mächtiger Stein aus einem der Kapitelle der Säulen und stürzte mit ohrenbetäubendem Krachen genau an der Stelle nieder, an der Balduin gerade noch gestanden hatte. Die Menge schrie auf, Menschen sprangen in Panik vor den umherspritzenden Marmorteilen zurück, strauchelten und fielen übereinander. Es glich einem Wunder, dass niemand ernstlich verletzt wurde. Loretta kam wie nach einer schweren Betäubung wieder zu sich und blinzelte in das Licht der Kerzen. Fassungslose Menschen standen um sie herum. Halb in Trance, sah Loretta ihre Eltern, die sich durch die Menge zu ihr hindurchdrängten. Noch bevor sie sie erreichten, stand jedoch der Erzbischof vor ihr und ging in die Hocke, bis er ihr direkt in die Augen sehen konnte. »Wie es scheint, verdanke ich dir mein Leben, junges Fräulein.« Seine wohltönende Stimme zitterte noch ein wenig aufgrund des erlittenen Schreckens. »Wäre ich ungehindert weitergegangen, hätte mir der Stein womöglich den Schädel zerschmettert. Wie ist dein Name?«»Loretta von Salm, allergnädigster Herr«, flüsterte Loretta. »Nun, Loretta, woher wusstest du, dass mir ein Unheil droht?« Loretta schüttelte ratlos den Kopf. »Ich weiß es nicht, hoher Herr.« Sie sprach so leise, dass er sich noch weiter zu ihr vorneigen musste. »Da war plötzlich ein Gefühl, dem ich folgen musste.« »Ein Gefühl?« »So ist es, hoher Herr. Eine rastlose Unruhe, die von mir Besitz ergriff. Euch beiseitezustoßen, war wie ein innerer Zwang.« »Sonderbar, in der Tat. Doch von überaus großem Nutzen.« Mittlerweile waren auch ihre Eltern herangekommen. Balduin richtete sich auf. »Wie es scheint, bin ich Eurer Tochter zu ewigem Dank verpflichtet, edle Dame von Salm.« Er verbeugte sich in vollendeter höfischer Geste vor Lorettas Mutter. »Auch wenn sie sich nicht erklären kann, wieso sie von der herannahenden Gefahr wusste.« Trostheischend ergriff Loretta die Hand ihrer Mutter. Sie war eiskalt und feucht. Totenblass sah die Gräfin zu ihr hinab. »Du kannst nicht erklären, woher du wusstest, dass dem ehrwürdigen Erzbischof Gefahr droht?«, wiederholte sie mit einem fiebrigen Glanz in ihren Augen. Loretta schüttelte wieder den Kopf. Verwirrt und verängstigt verbarg sie ihr Gesicht in den Röcken der Mutter. Sie ahnte deren nahezu lautlos geflüsterten Worte mehr, als dass sie sie hörte. Trotzdem war sie sicher, sie genau verstanden zu haben.»Heilige Jungfrau Maria, steh meiner Tochter zur Seite. Sie hat die Gabe.«




Wer noch mehr über Marita und ihre Bücher erfahren möchte, dem empfehle ich folgende Link´s:




( auf ihrer Facebook-Seite hat Marita die entsprechenden Bilder der Örtlichkeiten zum oben erwähnten Roman online gestellt inkl. Beschreibungen, damit man sich beim Lesen ein intensiveres Bild machen kann, das finde ich sehr schön )