Donnerstag, 8. Dezember 2016

M.W. Schwarzbach *1*



*** Linksrechtsobenunten ***
M.W. Schwarzbach
Jugend-Fantasy
(erreicht aber auch durchaus die Erwachsenen)
Band 1 der Wolkenkrieger-Reihe
erschienen am 10.08.2016 (Ebook)
im Frühjahr 2017 erscheint das Taschenbuch
im Mainbook Verlag



Klappentext
lt.amazon.de
Der junge Alphrim Thujus und der Adler Aquila werden zu Wolkenkriegern ausgebildet. Die ersten seit Jahrhunderten. Und es stellt sich bald heraus, dass beide mehr Macht besitzen als irgendein Wolkenkrieger-Paar zuvor. Doch warum? Nur ihre Ausbilder kennen die Antwort, die die Welt Linksrechtsobenunten in ihren Grundfesten erschüttert ...
"Die Wolkenkrieger" ist der erste Teil der Fantasy-Reihe "Linksrechtsobenunten".
Die Serie "Linksrechtsobenunten": Sechs Wochen Sommerferien genießen, das war Maries Plan. Doch der geht nicht auf, denn urplötzlich findet sie sich in der fremden Welt Linksrechtsobenunten wieder. Sie landet bei den Diminuren, in unserer Welt als Wichtelmänner bekannt, die sie mit einer gefährlichen Aufgabe betrauen und macht zu allem Überfluss auch noch eine Entdeckung, die ganz Linksrechtsobenunten in einen schrecklichen Krieg zu stürzen droht.



Leseprobe

1. Pietschie Poak
Pietschie Poak sprang unter Maries Bett hervor, drehte sich um und machte einen Satz auf die Bettdecke, um von da aus direkt auf den Fenstersims zu springen, der über einen Meter entfernt war. Marie war ein zweites Mal stark beeindruckt von dem kleinen Kerl. Er holte eine Kette, an der ein Stein hing unter seinem weißen Leinenhemd hervor und sagte die Worte: „Bak to meen Hemat helgon Ston!“
Blitzschnell schoss Marie nach vorne und bekam ihn zu packen. Doch etwas zog sie plötzlich irgendwohin.
Alles um Maries Kopf drehte sich und tausend kleine Funken, wie von Silvesterraketen, blinkten in einem wilden Strudel vor ihren Augen auf. Es war wunderschön, aber irgendwie nicht von dieser Welt, und sie fühlte sich, als würde sie in einem luftleeren Raum rasend schnell einmal nach links, dann nach rechts, dann oben und wieder nach unten geschleudert und das in einer Endlosschleife. Nach einer Weile in dem wilden Strudel wurde ihr schwarz vor Augen.
„Oh nein, oh nein, oh nein“, hörte Marie die Stimme des Winzlings, als sie wieder zu sich kam. Jedoch schien ihr die Stimme jetzt viel lauter und kräftiger zu sein, als noch vor einer Minute. Sie spürte einen warmen Luftzug und etwas kitzelte sie an ihren Armen. Langsam öffnete sie die Augen und wurde von der Sonne geblendet, die direkt über ihr am Himmel stand. Wie war das möglich? Eben war es noch mitten in der Nacht gewesen und sie hatte sich in ihrem Zimmer befunden. Als sie sich langsam an das Sonnenlicht gewöhnt hatte, sah sie, dass es Grashalme waren, die sie an ihren Armen kitzelten. Sie lag in einer saftig grünen Wiese. Die Farben der Blumen waren so bunt und kräftig, wie sie sie zu Hause noch nie gesehen hatte. Neben ihr kroch ein Marienkäfer, dessen Farben nicht rot und schwarz, sondern lila und gelb waren, eine dieser Blumen hinauf. Sie richtete ihren Oberkörper auf, sah sich um und ihre Augen wurden ganz groß. Die Wiese befand sich auf einem Hügel. Links neben ihr streckte sich in einigen Kilometern Entfernung ein mächtiges Gebirge in die Höhe. An den Hängen wuchsen dichte Wälder bis zur Baumgrenze. Soweit sie erkennen konnte, folgten danach grüne Wiesen und darüber ragten einige felsige Bergspitzen aus den Wolken hervor. Am Himmel entdeckte sie einen roten Falken, der dort still auf einer Stelle schwebte und plötzlich wieder verschwand. Merkwürdigerweise hatte sie das Gefühl gehabt, er würde sie ansehen. Sie senkte den Kopf und konnte von ihrer Position aus das ganze Tal überblicken. Das Meiste, was sie sehen konnte, waren flache, saftige Blumenwiesen, so bunt und wunderschön, dass sie sich bei dem Anblick plötzlich unwillkürlich wohl und seltsam heimisch fühlte. Zwischendrin tauchten immer wieder weite Felder und auch Anhöhen mit kleineren Wäldern darauf auf. Diese grüne Landschaft, mit ihren kleinen Hügeln und bunten Auen, zog sich zu ihrer Rechten etliche Kilometer weit hin. Am Horizont waren in kaum sichtbaren Umrissen die Berggipfel eines ebenso imposanten Gebirges, wie das auf der linken Seite, zu erkennen. Das Tal und die beiden Gebirge rechts und links davon, dehnten sich vor ihr ebenso bis zum Horizont aus. Durch die Mitte des Tals schlängelte sich ein azurblauer, breiter Fluss. Marie hatte mit ihren Eltern schon einige Länder bereist und wunderschöne Landschaften gesehen, aber dies hier übertraf alles. Es war wie in einem Traum. Wenn sie wieder zu Hause wäre, würde sie ihren Eltern davon erzählen und vorschlagen, hier einmal Urlaub zu machen. Aber wo war sie überhaupt? Sie sah sich weiter um und zuckte plötzlich erschrocken zusammen. Der Diminur, der in ihrem Zimmer noch die Größe einer Maus hatte, war jetzt so groß wie ein Mensch und befand sich mit dem Rücken zu ihr etwa fünf Meter entfernt. Er schien verwirrt zu sein, denn er fing an, leise redend von links nach rechts zu rennen.
„Was mach ich nur, was mach ich nur? Diese vermaledeiten Menschen. Sie machen immer genau das, was sie am besten nicht tun sollten. Es ist kein Wunder, dass wir uns aus ihrer Welt zurückgezogen haben.“ Er drehte sich ein wenig und erst jetzt konnte Marie ihn richtig sehen. Es war ein Junge und sie schätzte sein Alter auf irgendwas zwischen 13 und 15 Jahren. Sie hätte es ihm gegenüber nicht zugegeben, aber sie fand ihn durchaus süß. Seine roten Haare blitzten unter seiner Barettmütze, an der eine große, bunte Feder steckte, hervor. Er trug eine grüne Leinenhose, ein weißes Leinenhemd und darüber eine rote Tunika, an deren Gürtel ein Holzknüppel und ein kleines Schwert hingen. Mit diesem Ding musste er sie unter dem Bett gestochen haben. Beim Gedanken daran schmerzte wieder die kleine Wunde an ihrem Finger und sie schüttelte ihre Hand. Dann fiel ihr wieder ein, dass sie eigentlich zu Hause in ihrem Bett liegen sollte und dass dieser Dimidingsbums Junge daran schuld war, dass sie das nicht tat.
Sie hob den Kopf und rief laut: „Was ist hier los? Wo bin ich hier?“
Der Junge zuckte zusammen und drehte sich langsam um.
„Ich dachte, sie wäre noch eine Weile außer Gefecht gesetzt“, sagte er leise zu sich – aber nicht so leise, dass Marie es nicht hören konnte.
„Was meinst du mit ‚außer Gefecht gesetzt‘?“ Ihre Frage klang sehr wütend und der Diminur zuckte ein weiteres Mal zusammen.
„Oh nein, oh nein, oh nein“, sagte er wieder leise zu sich. „Jetzt hat sie auch noch gehört, was ich gesagt habe. Niiiiiiemals mit einem Menschen diskutieren. Die vierte oberste Späherregel im Umgang mit ihnen!“
Marie verstand kein Wort von dem, was er sagte und fragte: „Welche Regeln? Und wie kommst du eigentlich dazu, mich zu entführen?“
Er drehte kurz den Kopf zur Seite, sah Marie dann an und sprach in ihre Richtung: „Ich habe Sie nicht entführt!“
„Ach nein? Und wie, verdammt nochmal, komme ich sonst hierher? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du mich dazu eingeladen hättest, dich zu begleiten!“
Maries Stimme war sehr laut und immer noch wütend und der Junge sagte verzweifelt: „Beruhigen Sie sich!“
Aber ihre Stimme wurde noch lauter: „Wie soll ich mich denn beruhigen? Ich werde mitten in der Nacht aus meinem Zimmer entführt und liege im nächsten Moment am helllichten Tag auf einer Wiese in einer Gegend, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Ich muss ja stundenlang weggetreten gewesen sein. Was hast du mir eingeflößt?“
„Nichts“, antwortete der Junge empört, „Sie haben sich an meine Fersen gehängt, als ich gerade durch das Weltentor gesprungen bin. Und eine Reise durch das Tor hat nun mal Auswirkungen auf unerprobte Körper. Obwohl Sie einiges verkraften können, wie es scheint. Normalerweise sind Anfänger danach wesentlich länger im Land der Träume. Das ist durchaus ungewöhnlich.“
„Erzähl mir doch bitte nicht so einen durchgequirlten Mäusedreck“, erwiderte Marie. „Was ist denn bitteschön ein Weltentor?! Du musst dir schon etwas Besseres einfallen lassen oder wie wär’s denn zum Beispiel mit der Wahrheit? Du Kidnapper!“
„Frau Fuchsner, ich sage die Wahrheit und ich habe Sie nicht entführt, Sie haben sich in dem Moment an mir festgehalten, in dem ich Ihre Welt verlassen habe.“
„Wen versuchst du hier auf den Arm zu nehmen? Meine Welt verlassen, dass ich nicht lache! Es gibt nur die eine Welt! Oder willst du mir erzählen, dass ich hier im Märchenland oder auf einem anderen Stern bin? Sag mir jetzt sofort, wo ich wirklich bin und wieso du mich hierher entführt hast?“ Marie wollte gerade aufstehen und fragen wie ihr vermeintlicher Entführer überhaupt heißt, als sich plötzlich von links jemand näherte. Der Junge sprang auf sie zu, hielt sie mit der einen Hand fest und presste die andere auf ihren Mund. Marie biss mit aller Kraft in seinen Mittelfinger, worauf der Diminur laut aufschrie.
„Was ist denn hier los?“ Eine tiefe, wohlklingende Stimme durchdrang die Luft und vor ihnen tauchte ein alter Mann mit langem, weißem Bart auf. Er trug einen ebenfalls rotblau karierten Umhang und hielt einen langen Stab aus gebogenem Holz in der Hand. Das eine Auge des Mannes war grün, das andere stechend blau. Er sah die beiden an und fragte: „Pietschie, wer ist das Mädchen und was macht ihr hi ...“ Er stockte und blickte Marie erneut an, diesmal mit überaus erschrockener Miene. „Das ist das Menschenkind!“ Der alte Mann schien plötzlich ganz aufgeregt und fing an hin und her zu laufen. „Was hast du getan?“
Pietschie lockerte seinen Griff und wollte gerade erzählen, was geschehen war, als Marie sich losriss und anfing laut nach Hilfe zu schreien.
Sofort machte der Alte eine Bewegung mit dem großen Stab, der dabei seltsam rasselte und Marie brachte keinen Ton mehr aus ihrem Mund. Sie hielt die Hand an ihre Kehle und riss ihren Mund weit auf, aber kein Mucks war zu hören.
Sie blickte starr und erschrocken.
„Wir müssen hier weg“, sagte der Alte, während Marie immer noch ihren Mund, vermutlich beim Versuch lautstark zu schimpfen, auf und zu machte.
Er sah sie noch einmal an und schüttelte den Kopf. „Hm, seltsam“, murmelte er, schwang dann seinen Stab und im nächsten Moment befanden sich die drei in einer Hütte. Marie lag gefesselt auf einem Bett. Sie hatte immer noch das laute Rasseln des Stabes im Ohr. Die Wände der Hütte waren aus braunem Naturstein und überall steckten bunte Kerzen auf schmuckvoll gefertigten Wandhaltern aus Stahl. In hölzernen Regalen standen haufenweise Bücher. Bei einigen von ihnen handelte es sich den Titeln nach um Abenteuerbücher, bei anderen augenscheinlich um wissenschaftliche Literatur. Der Weißbärtige schnippte einmal mit den Fingern und die zwei Kerzen neben Pietschie entzündeten sich. Ihr Licht schien ihm direkt ins Gesicht.
„Was ist in dich gefahren, das Menschenkind mit nach Linksrechtsobenunten zu bringen? Hast du die wichtigste aller Regeln deiner Späher-Ausbildung vergessen?“ Der Alte zog hastig die Vorhänge zu und sah Pietschie ernst an.
„Es tut mir leid, Meister Rasselstock“, sagte der Junge verlegen. „Sie packte mich genau in jenem Moment, als ich den Transportzauber ausgesprochen hatte.“
„Das ist keine Entschuldigung. Sie hätte dich weder zu fassen, geschweige denn  zu sehen bekommen dürfen“, antwortete der Zauberer streng.
„Sie ist geschickt. Genau wie es Insgadir berichtet hat“, verteidigte sich der Junge.
„Genau deshalb hättest du doppelt vorsichtig sein müssen“, der Alte drehte seinen Kopf in Maries Richtung. Sie machte, wild aber stumm, den Mund auf und zu und blickte dabei äußerst verzweifelt drein.
„Lauf ins Dorf und hol den alten Späher“, sagte der Zauberer darauf in einem befehlenden Ton zu Pietschie. „Aber zu keinem ein Wort!“ Pietschie nickte still, öffnete die Tür und verschwand.
Der Alte ging auf Marie zu und sagte mit seiner sanften Stimme: „Wenn Sie mir versprechen, ganz ruhig zu bleiben, werde ich Ihre Fesseln lösen und den Schweigezauber von Ihnen nehmen.“
Marie war eigentlich sehr wütend, aber die Stimme des Alten beruhigte sie von einem Moment auf den anderen, weshalb sie zaghaft nickte. Er schnippte kurz mit den Fingern und Maries Fesseln lösten sich.
Sie versuchte zu sprechen: „Wer ..., wer sind Sie und wo bin ich hier?“
„Nun“, fing der Alte an, „um Ihre Fragen kurz zu beantworten, würde es reichen, wenn ich Ihnen sage, dass mein Name Aggadar Rasselstock ist und Sie sich in meiner Hütte ganz in der Nähe von Niederwiesendorf befinden. Ich denke aber, dass Sie eine ausführlichere Antwort verdient haben.“ Aggadar holte tief Luft und fuhr fort. „Sie haben versehentlich die Welt der Menschen verlassen und befinden sich nun in Linksrechtsobenunten ...“
„Ich habe was? Ich bin wo?“ Maries Gesichtsausdruck spiegelte vollkommene Ahnungslosigkeit und Verwirrtheit wider.
„Das ist sicher nicht leicht zu verstehen, aber Sie haben durch einen Fehler von Pietschie Ihre Welt verlassen und sind nun in unserer gelandet.“
„In Ihrer Welt? Aber ... aber ... sind Sie ein Außerirdischer?“
„Nein“, antwortete Aggadar lächelnd, „ich bin ein Diminur wie Pietschie, und ich bin der Zauberer von Niederwiesendorf.“
„Oh ja, natürlich! Und Sie reiten auf einem Einhorn“, spottete Marie.
„Sicherlich nicht. Einhörner lassen sich nicht so einfach reiten. Sie sind sehr stolze Wesen und noch dazu äußerst selten.“ Der kurze Anflug von Sarkasmus, der sich in Maries Gesicht widerspiegelte, war nun wieder der Verwirrtheit gewichen.
„Aber wer ..., was sind Dimidingsbums?“
„Diminuren“, verbesserte sie der Zauberer, „das ist eigentlich ganz einfach zu erklären. Sie haben doch sicherlich schon einmal von Wichtelmännern gehört?!“
„Ja“, antwortete Marie. „Ich kenne Geschichten über kleine Wesen, die in die Häuser der Menschen kommen, um ihnen zu helfen ...“, sie dachte kurz nach, „und ja, Pietschie war in meinem Zimmer noch ganz klein ... wie eine Maus ... oder ein Wichtelmann!“
„Genau“, bestätigte der Zauberer, „den Menschen sind wir unter diesem Namen bekannt.“
„Aber wenn sie Wichtelmänner sind, wobei wollte Pietschie mir dann helfen?“
„Oh nein“, gab Aggadar von sich und schüttelte zaghaft den Kopf, „das Helfen wurde vor langer Zeit eingestellt.“
„Warum?“, fragte Marie. „Ich kenne einige Menschen, die eure Hilfe sehr gut gebrauchen könnten!“
„Oh, die gibt es mit Sicherheit. Aber leider konnten einige der Menschen, denen wir geholfen haben, nicht genug davon bekommen und nutzten diese Hilfe aus, um Reichtum und Macht zu erlangen. Das war der Grund dafür, dass ein Rat der Diminuren einst beschloss, keine Helfer mehr ihre Welt zu entsenden.“
„Aber was wollte Pietschie dann von mir?“
„Pietschie ist ein Späher, und unsere Späher werden ausgesandt, um Menschen zu beobachten und von ihnen zu lernen. Sie müssen wissen, dass wir Diminuren zwar recht geschickt im Arbeiten, aber bei weitem nicht so erfinderisch im Geiste sind wie die Menschen. Die Diminuren, auch die, die dem Beschluss des damaligen Rates immer noch zustimmen, zollen der Menschheit hohen Respekt ob ihrer Fähigkeiten.“
„Hm ...“, gab Marie von sich, „ist das der Grund, warum Sie mich siezen?“
Der Zauberer lächelte sie an und antwortete: „Ja, das ist genau der Grund dafür. Sie werden keinen Diminuren treffen, der einen Menschen mit „du“ anspricht. Selbst die Zweifler würden sich das nie wagen. Aber es gibt eine Tradition bei uns, nach der einer Sie ...“
Er wurde durch einen kleinen, hageren, drahtigen Diminuren unterbrochen, der lautstark die Tür öffnete und herein hastete. Er hatte die gleiche Mütze wie Pietschie auf dem Kopf, unter der graue, wild abstehende Haarsträhnen hervor lugten. Seine beigefarbene Tunika sah ebenso alt aus wie er selbst.
„Da ist ja meine Kleine! Oh, was ich mich freue, dich wiederzusehen“, schrie er aufgeregt und lief auf Marie zu.
Sie wusste nicht, wie ihr geschah, hatte sie den Ankömmling doch noch nie in ihrem Leben gesehen und er tat gerade so, als kannten sie sich schon seit eh und je.
Aggadar hielt den Herbeistürmenden mit einem ausgestreckten Arm auf.
„Hallo“, sagte Marie unsicher.
Jetzt kam Pietschie rücklings in das Haus geschlichen und blickte sich noch einige Male um, bevor er vorsichtig die Tür schloss.
Der drahtige Alte wiederum ließ sich nicht beirren und fuhr wild mit den Armen fuchtelnd fort: „Warum denn so schüchtern, Marie? So bist du doch sonst nicht. Oder hast du dich im letzten Jahr so verändert?“ Er lachte und zwinkerte Marie zu.
Sie war wirklich nicht schüchtern, aber woher wusste der Diminur das?
„Das wollte ich Ihnen gerade erklären“, unterbrach Aggadar den vor Freude hüpfenden Alten, „derjenige Diminurenspäher, der einen Menschen schon von frühester Kindheit an beobachtet, hat das Recht ihn mit du anzusprechen. Das hier ist Insgadir Gukdium. Er ist in Ihrem Fall genau dieser Späher.“
„Jaaaa“, sagte Insgadir, „es ist sehr selten, dass ein Mensch eine so ausgeprägte Gabe hat wie du. Du bist einfach etwas Besonderes. Aber dass ich dich einmal hier bei uns sehen würde, hätte ich nie gedacht. Oh, ich freu mich, ich freu mich!“
Marie war vollkommen perplex, während Insgadir freudig von einem Bein aufs andere hüpfte. Er stürmte wieder auf sie zu. Diesmal so schnell, dass Aggadar keine Chance hatte, ihn aufzuhalten und so umarmte er sie nun innig.
Marie versuchte sich verzweifelt aus der euphorischen Umklammerung zu befreien, als der Zauberer wieder das Wort ergriff: „Ich möchte deiner Wiedersehensfreude bestimmt keinen Abbruch tun, aber wir müssen uns überlegen, wie wir weiter vorgehen. Ein Mensch ist in unsere Welt gelangt und das wird nicht jeder mit so viel Entzücken aufnehmen wie du.“
„Ach papperlapap“, entgegnete Insgadir. „Diese ganzen Pessimisten mit ihren übelgelaunten Gesichtern werden noch sehen, was dieses Menschenkind für sie tun kann.“
„Ich denke, das Beste wäre es, sie so schnell wie möglich wieder in ihre Welt zu bringen“, sagte Pietschie nachdenklich.
„Ja“, stimmte der Zauberer zu, „bevor es irgendjemand merkt.“
„Nein“, widersprach Insgadir entschlossen, „ihr Erscheinen ist ein Zeichen und wir dürfen nicht einfach klein beigeben, nur weil wir Angst vor der Meinung einiger anderer haben. Außerdem werden Konstabler Schnüffel und seine zwei Lakaien nicht mehr allzu lang vor der verschlossenen Tür warten.“
„Was?“ Pietschie zuckte erschrocken zusammen. Er ging ans Fenster, schob den Vorhang vorsichtig ein Stück zur Seite und fuhr erneut zusammen. „Er ..., er hat recht, sie kommen auf die Hütte zu. Oh nein, oh nein! Wie konnten mir die drei nur entgehen?“
„Tja, wie nur?!“, spöttelte Insgadir. „Sie folgen uns schon, seitdem wir meine Hütte verlassen haben. Du hast so sehr darauf geachtet, unauffällig zu sein, dass du so auffällig warst wie ein Pfau beim Balztanz.“
Aggadar sah den alten Späher strafend an: „Warum hast du nichts unternommen?“
„Ich wusste doch nicht, worum es geht. Dein Späher hat ja kein Wort darüber verloren, sonst hätte ich schon darauf geachtet, dass sie ihre langen Riecher nicht in unsere Angelegenheiten stecken.“
Marie wurde langsam etwas panisch. Sie wusste ja nicht, was sie erwarten würde, wenn dieser Konstabler und seine zwei Freunde sie entdecken würden.
Aggadar senkte schüttelnd den Kopf: „Du verschrobener, alter Zausel. Da hast du uns in eine schöne Bredouille gebracht!“
„Pfff“, entglitt es Insgadir gewollt hämisch. „Wieso denn ich? Ich denke die Verantwortung dafür müsst ihr zwei unter euch aufteilen ...“
„Hier spricht Konstabler Schnüffel“, drang es von außen ins Haus, und die Stimme klang nicht unbedingt freundlich.
Marie zog die Decke, die auf dem Bett lag, über ihren Kopf und fühlte Angst in sich aufsteigen. „Öffnet die Tür, oder wir sehen uns gezwungen, sie aufzubrechen. Was ist das für eine Versammlung hier?“ Der Konstabler klang sehr entschlossen.
Aggadar sah im Moment keine andere Möglichkeit und gab nach: „Nun, wenn es unbedingt sein muss.“ Er entriegelte die schwere Holztür. „Wenn die Tür mir nicht so kostbar wäre, hätten sie es ruhig versuchen können, sie einzuschlagen. Die drei wären stundenlang beschäftigt gewesen, sie ist aus dem Holz der Spreewald-Erle gezimmert. Manche Menschen sagen, das wäre das beste Holz überhaupt!“
Der Konstabler öffnete gebieterisch die Tür, trat erhobenen Hauptes ein und fragte in einem angsteinflößenden Ton: „Was geht hier vor?“
Marie kauerte sich zusammen und wünschte sich zurück in ihr heimisches Bett.
2. „Fla“
Die in den buntesten Farben gestrichenen Holzhäuser von Urag, einem Dorf der Alphrime in Zwischental, lagen eingehüllt in dicke, weiße Nebelschwaden. Im Dorf war an diesem frühen Morgen alles ruhig, nur ein Mann ging rastlos vor seiner dunkelgrünen Hütte auf und ab. Es war Khaya, der Schmied. Er war ein großer, kräftig gebauter Alphrim, mit Augen so blau wie der blanke Himmel über Zwischental und langen blonden Haaren, die er zu einem kunstvollen Zopf geflochten hatte. Seine buschigen, blonden Augenbrauen liefen seitlich spitz nach oben und zeigten auf seine ebenfalls spitz zulaufenden Ohren. Er trug eine lange, schwere Schürze aus Leder über seinem Leinenhemd, da er eigentlich vor gehabt hatte, an seine Arbeit zu gehen. Khaya war für gewöhnlich die Ruhe selbst, es sei denn, er wurde von einem Drunga angegriffen oder von einem dieser vermaledeiten Diminuren schräg von der Seite angesprochen.
Oder ...
Ja, oder er befand sich in einer Situation, die völlig neu für ihn war und die ihm gehörigen Respekt, um nicht zu sagen, eine Höllenangst einflößte. In solch einer Situation hatte er sich noch nie befunden – bis zum heutigen Tag. Aber es gibt bekanntlich immer ein erstes Mal.
Nervös ging er den kleinen, von ihm selbst mit Schwarzsandsteinen gepflasterten Weg auf die Tür seiner Hütte zu und machte wieder kehrt. Nach zehn Schritten drehte er um und ging erneut auf die Hütte zu. So ging das nun schon seit zwei Stunden, und der erste Sonnenstrahl, der an diesem Morgen die Nebeldecke durchbrach, küsste zärtlich warm sein Gesicht. Aber er schien das nicht einmal zu bemerken, denn er machte unbeirrt auf der Stelle kehrt und ging mit ernster Miene weiter seinen eintönigen Weg hin und her. Die Nebeldecke brach nun vollends auf und die Wiesen von Zwischental erstrahlten in ihrer ganzen Schönheit. Tausend Farben von Millionen Flugblumen stiegen mit einem Mal in die Höhe. Diese besondere Art von Blumen warf an jedem Morgen seine Blüte ab. An dünnen, silber glänzenden Fäden befestigt schwebten diese dann über ihrer Mutterpflanze. Die Wiesen um Urag waren im Norden von den bewaldeten Hängen der Maggaberge und im Süden vom Grüngebirge umschlossen. Auf den blauen Wiesen grasten die wunderschönen, muskulösen Uragpferde und jagten nun, wie vom Schein der Sonne wachgeküsst, wild über ihre Weideplätze.
Uragpferde fraßen ausschließlich das blaue Uraggras, weshalb ihr Fell selbst eine hellblaue Färbung hatte. Diese Art von Pferden wurde, wie der Name schon sagte, nur hier in Urag gezüchtet. Aber jeder Alphrim in Zwischental kannte die kräftigen, schnellen und ausdauernden, blauen Pferde. Das Dorf lebte gut davon, sie an Alphrime aus anderen Gegenden zu verkaufen. Sie nahmen lange, teilweise gefährliche Wege auf sich um Eigentümer eines der edlen Rösser zu werden. Gefährlich waren die Wege deshalb, weil sich in der Nähe von Urag eine Spalte im Maggagebirge befand, durch die immer wieder einmal der ein oder andere Drunga seinen Weg nach Zwischental fand. Drungas hatten ein sehr unangenehmes Wesen und waren immer und gerne auf Streit und Kampf aus.
Doch Khaya konnte im Moment weder an Drungas noch an Uragpferde und schon gar nicht an die Schönheit seiner Heimat denken. Auch interessierte es ihn nicht, dass er noch eine wichtige Arbeit vor sich hatte. Das 30-jährige Jubiläum des Häuptlings von Urag stand an und er hatte vom Ältestenrat den Auftrag erhalten, ein besonders schönes Schwert zu schmieden. Diese Aufgabe musste nun warten.
Aus seiner Hütte erklangen abwechselnd wimmernde Geräusche und laute Schreie. Seine Frau lag schon seit Stunden in den Wehen. Oh, wie gern hätte er die Schmerzen an ihrer Stelle auf sich genommen. Er hasste sich dafür, was er ihr angetan hatte. Plötzlich wurden die Schreie immer lauter und lauter und er hörte seine Frau fluchen, wie er sie noch nie hatte fluchen hören. Er vernahm den wüsten Verwünschungen, dass auch sie nicht allzu angetan davon war, was sie gerade seinetwegen durchstehen musste. Dann wurde es plötzlich still.
Dieser kurze Augenblick der Stille kam Khaya vor wie eine Ewigkeit und er bekam es wieder mit der Angst zu tun. Er malte sich aus, dass mit Phacelia etwas nicht stimmen würde. Dann aber war das Geschrei eines Neugeborenen zu hören und Khaya wusste nicht, ob er fortlaufen oder vor Freude die Tür einrennen sollte. Doch diese Entscheidung wurde ihm von Oxalia, der blondhaarigen, hübschen Schamanengehilfin abgenommen, die in diesem Moment die Tür öffnete und nach ihm rief.
Bedächtig und voller seltsamer Gefühle trat er seinen Weg an und durchschritt erst die Tür zum Flur und dann die zur Schlafkammer.
Auf dem Bett lag die rothaarige Phacelia. Khayas Frau war die Schamanin des Dorfes, die trotz ihrer Erschöpfung immer noch wunderschön aussah. Sie hielt ein weißes Laken in der Hand, aus dem ein Büschel blonder, lockiger Haare hervor schaute.
Khaya blieb mitten im Raum stehen und fragte nervös: „Was ist es?“
„Ich vermute mal, es ist ein Baby“, entgegnete Phacelia lächelnd und machte eine fordernde Handbewegung. „Komm zu uns und heiße deinen Sohn Thujus in Urag willkommen!“
Zögernd ging Khaya auf die beiden zu. Er wusste nicht recht, was er zu tun hatte, immerhin war es sein erstes Kind. Er war der erfahrenste und stärkste Krieger im Dorf, aber dieses kleine Geschöpf flößte ihm so viel Angst ein, wie kein Feind dazu je in der Lage gewesen wäre. Er kniete sich vor das Bett und stotterte: „Was ..., was soll ich tun?“
„Gib mir einen Kuss und nimm deinen Sohn in den Arm“, sagte seine Frau und küsste ihn auf den Mund. Sie hielt ihm das Kind entgegen und Khaya schreckte zurück: „Ich will ihm nicht wehtun.“
„Das wirst du nicht, er ist dein Sohn“, antwortete sie und er nahm das Kind vorsichtig zu sich, wobei dem Baby das Laken vom Körper rutschte.
„Siehst du, ich hab etwas falsch gemacht“, sagte der Alphrim erschrocken.
„Nein, hast du nicht“, erwiderte sie und wollte das Laken gerade wieder zurechtziehen, als sie verwundert innehielt.
„Was ist das?“
Sie streckte die Hände nach dem Kind aus, aber das hatte Khayas Daumen so fest mit der kleinen Faust umklammert, dass er es nicht hergeben konnte.
„Au“, sagte er, „er ist stark!“
„So wie sein Vater“, gab sie zu und strich mit den Fingern über ein Mal, das sie auf dem Rücken des Babys entdeckt hatte. Es sah aus wie die zwei Schwingen eines Raubvogels.
Der Kleine schien zu bemerken, dass seine Mutter das Mal berührte, drehte seinen Kopf zu ihr und sagte: „Fla.“
Phacelias Hand zuckte erschrocken zurück und auch Oxalia riss die Augen schaudernd auf. Nur Khaya bemerkte nichts Ungewöhnliches und hob den Jungen stolz in die Luft.
„Mein Sohn kann schon sprechen“, sagte er erfreut, „das hat er von mir!“
„Nun“, sagte seine Frau und sah ihn skeptisch an, „die Kraft hat er sicher von dir, aber die Wortgewandtheit ist nicht unbedingt eine deiner Stärken. Wenn ich an unsere erste Verabredung denke, fällt mir ein, dass ich erst dachte, du wärst stumm. Es dauerte geschlagene zwanzig Minuten, bis du den ersten Ton von dir gabst.“
„Du hast mir eben den Verstand geraubt, und ohne Verstand kann man bekanntlich nicht sprechen“, versuchte der Alphrim sich herauszureden.
Seine Frau lächelte ihn an. „Wenn deine Ausreden ja nicht immer so zuckersüß wären ...“ Er küsste sie zufrieden lächelnd auf die Stirn.
„Trotzdem ist das hier nicht normal“, sprach sie weiter und Khaya sah sie fragend an:
„Was denn?“
„Ein neugeborenes Kind kann nicht sprechen. Und schon gar kein richtiges Wort“, erklärte sie ihm.
„Aber Fna ist doch kein Wort“, sagte er abtuend.
„Nun, Fna ist sicherlich kein Wort“, erwiderte seine Frau, „aber Fla hingegen ist sehr wohl eines und das hat er gesagt.“ Khaya war sichtlich verwirrt.
„Fla? Dieses Wort habe ich noch nie gehört. Was soll das heißen? Ich hätte gerne ein Stück ‚Fla‘mmkuchen? Ich habe einen ‚Fla‘tschen in der Windel? Oh, oder noch besser: magst du mal an meiner ‚Fla‘tulenz riechen?“ Er amüsierte sich köstlich über seine Worte.
„Wenn du mich so fragst, wollte er uns wahrscheinlich sagen, dass die Witze seines Vaters ziemlich ‚fla‘ch sind!“
„Hm“, grunzte Khaya beleidigt.
„Aber im Ernst“, sagte Phacelia wieder nachdenklich, „sieh dir dieses Mal auf seinem Rücken an.“
Khaya drehte seinen Sohn vorsichtig herum.
„Hm“, gab er ungläubig von sich, „sieht aus wie zwei Flügel.“
„Genau“, erwiderte sie, „und nun darfst du dreimal raten, was Fla heißt.“
„Ich weiß nicht ...“, antwortete er sichtlich überfordert.
„Fla ist ein Wort aus einer uralten Sprache und es bedeutet Fliegen ...“
*****
Eines Morgens erwachte Thujus schweißgebadet und seine Mutter öffnete keine zwei Sekunden später die Tür zu seinem Zimmer.
„Was ist mit dir?“, fragte sie besorgt. „Du hast ganz laut und lang geschrien, dass ich es bis nach draußen in den Garten hören konnte.“
„Ich habe etwas Sonderbares geträumt.“ Thujus versuchte sich den Traum wieder in seine Gedanken zu rufen. Er flog darin über die Maggaberge, durch Maggadrunga bis zu den Diminuren. Von diesen Orten und Wesen hatte er bisher nur gehört, aber in seinem Traum konnte er den modernden Drungasumpf riechen und das Rauschen des Meeres im Norden hören. Er sah die grünen Drungas und die Diminuren vom Himmel aus. Sie waren Furcht einflößend. Zumindest für einen noch nicht ganz dreizehnjährigen Alphrim. Wäre sein Vater im Traum dabei gewesen, hätte er keine Angst gehabt, aber er war alleine dort oben.
Nein, er war nicht ganz alleine. Er hielt sich an Federn fest, aber er konnte nicht erkennen, welches Wesen ihn durch die Lüfte trug. Am Ende seines Traumes befand er sich auf einem Sturzflug zur Erde und kurz vor dem vermeintlichen Aufprall wachte er auf.
„Mein Traum war etwas holprig“, gab er zu, „aber es geht mir gut. Mach dir keine Sorgen. Was gibt es zum Frühstück?“
„Ha, eben hat er noch gezittert und schon denkt er wieder ans Essen. Du kannst nur der Sohn deines Vaters sein.“ Sie lachte und ging zurück in die Stube. „Zieh dich an und komm rüber, dein Vater wird gleich aus der Schmiede kommen.“
Hungrig zog der schlanke, dabei aber durchaus muskulöse Junge mit dem blonden Wuschelkopf seine Leinenhosen an, schnallte sich die Hosenträger um und lief eilig mit freiem Oberkörper in die Stube. Als er sich an den Tisch setzte, öffnete sich die Tür und Khaya kam herein.
„Na, großer Krieger, ausgeschlafen?“
Thujus hüpfte verlegen auf seinem Stuhl hin und her. Eigentlich wollte er früh aufstehen, um seinem Vater beim Schmieden eines Schwertes zu helfen, aber selbst der Hahn, der sich jeden Morgen auf den Misthaufen direkt vor Thujus’ Fenster begab, um lauthals zu krähen, hatte ihn nicht wecken können. Er hatte in der Nacht zuvor zu lange hinter den Büschen am Ratsplatz der Ältesten gesessen und ihren Geschichten gelauscht.
„Tut mir leid, Vater. Kann ich dir nach dem Frühstück noch helfen?“
„Nun, ein ausgeschlafener und gestärkter Alphrim liefert ohnehin bessere Arbeit ab“, sagte Khaya und zwinkerte ihm zu. „Phacelia, was gibt es zu essen?“
„Braunhirsebrei“, antwortete sie und füllte die Schüsseln. Vater und Sohn sahen sich an und verzogen die Gesichter.
„Das habe ich wohl gesehen“, bemerkte Phacelia und fügte hinzu: „Ich war gestern bei Aceron, dem Imker, und habe frischen Honig mitgebracht. Den könnt ihr euch unter den Brei mischen. Ich hoffe, das ist dann gut genug für meine beiden Feinschmecker!“
Die Blicke der beiden Hungrigen hellten sich auf.
Nach dem Frühstück folgte Thujus Khaya durch die morgendliche Sonne in die Schmiede. Es sah so aus, als würde der Tag wunderschön werden.
„Am Tag deiner Geburt war das Wetter genauso schön wie heute“, fing Khaya an. „Ich kann mich noch daran erinnern, als wäre es gestern gewesen, als ich vor unserer Hütte stand und darauf wartete, dass du endlich ankommst.“
Thujus hatte diese Geschichte schon tausend Male gehört. Sein Vater erzählte sie stets, wenn die Sonne draußen besonders warm schien, und er hörte sie gerne. Er hatte dabei immer das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Schließlich hatte er als Neugeborener schon sein erstes Wort gesagt. Auch als er heranwuchs gab es immer wieder Situationen, in denen er sich von seinen Freunden und anderen Gleichaltrigen unterschied. Er war bei jedem Spiel, das sie spielten und bei jedem Wettkampf, den sie austrugen, der Schnellste und Stärkste, was einige der anderen schon dazu gebracht hatte, einfach keine Wettkämpfe mehr mit ihm abzuhalten.
Auch in der Schule und im Schwertkampf lernte er schneller und besser als alle anderen. Alphrime sind von Natur aus flink und geschickt, aber Thujus übertraf alle, was auch einigen Neid erzeugte. Am Anfang machte ihm das wirklich zu schaffen, weil er nicht wollte, dass man ihn wegen seiner Fähigkeiten nicht mochte. Aber er hatte sich mit den Jahren daran gewöhnt. Seine wahren Freunde beurteilten ihn ohnehin nicht nach seinem Können, sondern nach seinem Wesen und auf diese Freunde konnte er immer zählen.
Als Vater und Sohn die Schmiede erreichten, heizte Thujus die Glut mit Hilfe eines Blasebalgs an. Es wurde fast unerträglich heiß und auch Khaya zog sich das Hemd unter seiner Lederschürze aus. Den beiden floss der Schweiß wie aus Bächen von der Haut.
Nach gut zwei Stunden harter, schweigsamer Arbeit erklang Khayas Stimme: „Was haben die Ältesten gestern erzählt?“
Thujus hatte niemandem verraten, dass er den Rat belauscht hatte, und er war einmal mehr erstaunt darüber, wie sein Vater sich manche Dinge zusammenreimte.
„Oh, sie sprachen über vergangene Zeiten. Über Kämpfe gegen die Drungas, über die Verteidigung von Zwischental gegen die Rattenwesen und über den großen Krieg gegen die Diminuren. Sie sagten, dass es ungewöhnlich sei, dass seit so langer Zeit weder ein Drunga noch ein Diminur in unserem Tal aufgetaucht ist.“
„Hm, wenn ich darüber nachdenke, ist das wirklich seltsam“, stimmte Khaya zu. „Normalerweise taucht alle paar Monate ein einzelner oder ein Trupp Drungas hier auf, um Ärger zu machen. Aber ich habe bestimmt seit mehr als einem Jahr keinem mehr die Faust in den Magen rammen müssen ... Weiß der Vagahr, was das zu bedeuten hat?!“ Er steckte das glühende Schwert zum Abkühlen in den Wassertrog und eine riesige Dampfwolke stieg zischend hervor.
„Nun komm, Junge, lass gut sein“, sagte er. „Das Schwert ist bald fertig und ich kann die Glut selber anheizen. Du hast genug geholfen, geh spielen oder spring in den Fluss, um dich abzukühlen.“
Das ließ sich Thujus nicht zweimal sagen. Er verabschiedete sich, lief, wie von der Blauwiesenspinne gebissen, direkt zum Fluss, zog sich Hose und Schuhe aus und sprang in das kühle Nass.
Als er eine Weile gegen die Strömung angeschwommen war, ließ er sich zurück treiben.
„Thujus!“, hörte er es von weitem rufen. „Thujus!“
Er sah eine rundliche Gestalt auf den Fluss zu hasten.
„Ooooohhh jeeeee ...“, stöhnte Carpi, als er den Fluss erreicht hatte und Thujus ans Ufer schwamm. „Deine Mutter ...“, er holte tief Luft, „deine Mutter sagte, du wärst in der Schmiede und ...“, ein heftiges Keuchen, „und dein Vater sagte, du wärst am Fluss. Weißt du, wie weit ich wegen dir schon gelaufen bin?“
Thujus schmunzelte über seinen schwitzenden Freund, als plötzlich ein gellender Schrei durch die Luft drang. Über Carpi tauchte ein riesiger Schatten auf und ein lautes Rauschen erfüllte die Stille über Urag. Thujus blickte gen Himmel und erschrak. Ein Adler mit einer Spannweite von mindestens 15 Schritt flog über ihre Köpfe hinweg und Thujus schien es, als ob das Tier ihm direkt in die Augen blickte. Unten im Dorf hatten einige Alphrime den gigantischen Vogel schon entdeckt und bewaffneten sich. Auch Thujus’ Vater kam aus der Schmiede und lief beim Anblick des Adlers sofort wieder hinein, um seinen Langbogen heraus zu holen. Der junge Alphrim stieg hastig aus dem Wasser, um Hose und Schuhe wieder anzuziehen.
„Thujus, Carpi! Bringt euch in Sicherheit!“ Khaya schrie sich die Seele aus dem Leib, um die Rufe des Vogels und das mächtige Rauschen, das seine Schwingen erzeugten, zu übertönen. Er legte an und schoss. Der Adler bemerkte den Pfeil und wich ihm mit einem kurzen, geschickten Manöver aus. Er schwang sich mit einem kräftigen Flügelschlag höher in den Himmel. Die Pfeile der Alphrime, die aus dem Dorf zum Fluss gelaufen waren, hatten nun nicht mehr die Reichweite, um das Tier zu treffen.
Thujus hielt das alles für falsch, er spürte tief in sich, dass der Adler keine Gefahr für die Alphrime darstellte. Aber die Männer pfiffen nach ihren Pferden, die sofort von den Weiden her zu ihnen galoppiert kamen. Jeder Reiter warf seinem Pferd das Halfter um und sprang auf, um den riesigen Vogel zu verfolgen. Auch Thujus stieß einen Pfiff aus und rannte zur Schmiede. Carpi blieb, sichtlich mit der Situation überfordert, regungslos stehen. Zwei große, fast dunkelblaue Uragpferde kamen auf Thujus und Khaya zu.

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