Dienstag, 20. Dezember 2016

Patricia Walter



*** Kalte Erinnerung ***
von
Patricia Walter


Thriller
260 Seiten
gibt es schon als EBook
das Taschenbuch erscheint am
01.03.2017
bei WELTBILD


Klappentext
lt.amazon.de
Nur wenn sie sich erinnert, wird sie überleben.
Ein eisiger Wintermorgen: Zoe schreckt aus einem Albtraum auf, am ganzen Körper mit Verletzungen übersät und ohne Erinnerung an die vergangenen beiden Tage. Ihr Mann David ist spurlos verschwunden. Kurz darauf wird sie von einer verzerrten Stimme am Telefon bedroht, die die Wahrheit über gestern Nacht wissen will. Geschockt legt Zoe auf - doch der unheimlichen Forderung des Anrufers kann sie nicht entkommen. Und die Wirklichkeit ist grausamer, als sie sich jemals hätte vorstellen können.



LESEPROBE



1

Ihr gellender Schrei hallte in der Dunkelheit, als sie in die Tiefe stürzte. Das Blut rauschte in ihren Ohren, und ein eisiger Wind blies ihr ins Gesicht. Hilflos ruderte sie mit den Armen, doch ihr freier Fall war nicht aufzuhalten. Zeit hatte jede Bedeutung verloren, die Sekunden dehnten sich zur Unendlichkeit.
Es war so finster, dass sie nichts um sich herum erkennen konnte. Als ob es keinen Boden gäbe und sie tiefer und tiefer in den Schlund der Hölle stürzte. Das Pfeifen des Windes schwoll zu einem Heulen an. Tränen schossen ihr in die Augen. Eisige Kälte breitete sich im gesamten Körper aus und vermischte sich mit einer nie gekannten Angst.
Zoe fuhr senkrecht in die Höhe. Schweißgebadet und schwer atmend saß sie im Bett, während die Fragmente ihres Albtraums langsam verblassten. Zitternd verharrte sie in dem Schwebezustand zwischen Traum und Erwachen und starrte mit leerem Blick ins Nichts.
Im Zimmer war es dunkel. Nur die Straßenlaterne vor dem Fenster warf einen matten Schein durch die Ritzen der Jalousie. Zoe war schlaftrunken und orientierungslos. Noch immer hatte sie das beängstigende Gefühl zu fallen und spürte Wind und Kälte auf der Haut.
Ganz ruhig, sagte sie zu sich selbst. Es war nur ein Traum.
Sie blieb einen Augenblick sitzen, bis sie sich wieder gefangen hatte, dann sank sie erschöpft aufs Kopfkissen zurück. Das Nachthemd klebte ihr unangenehm auf der Haut.
Es war lange her, seit sie einen solch schlimmen Albtraum gehabt hatte. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern vor dreizehn Jahren war sie Nacht für Nacht von düsteren Träumen heimgesucht worden. Erst als sie David kennengelernt hatte, war sie allmählich ruhiger geworden und konnte wieder durchschlafen. Mit ihm hatte sie ihr Glück gefunden. Inzwischen waren sie acht Jahre verheiratet und wünschten sich nun ein Kind.
Zoe lächelte und strich sich mit der Hand sanft über den Bauch.
Wenn es nur schon so weit wäre.
Sie seufzte und griff nach dem Wecker. Die roten Ziffern zeigten Viertel nach sieben.
Seltsam. Normalerweise war sie bereits seit einer halben Stunde auf den Beinen. Hatte sie das Klingeln nicht gehört? Oder gestern vergessen, den Wecker zu stellen? Warum hatte David sie nicht geweckt? Hatte er auch verschlafen?
Sie tastete nach ihm, doch die Bettseite neben ihr war leer.
Zoe schaltete die Nachttischlampe ein und blinzelte. Sie hasste es aufzustehen, wenn es draußen noch dunkel war. Wie gut, dass in zwei Wochen Weihnachten war und die Tage danach wieder länger wurden.
Sie gähnte. Der Schreck des Albtraums saß ihr nach wie vor in den Gliedern. Als sie sich streckte, schoss ein stechender Schmerz durch ihre linke Schulter. Zoe stöhnte.
Na toll. Als ob der Albtraum nicht schon gereicht hätte. Jetzt hab ich mich in der Nacht auch noch verlegen.
Sie krümmte den Rücken und bewegte den Kopf, um ihre Muskeln zu lockern, doch der Schmerz verstärkte sich dadurch nur. Er fuhr durch ihren Oberkörper bis zur Hüfte und weiter in die Beine. Knie und Ellenbogen pochten, selbst das Atmen tat ihr weh.
Irritiert betrachtete sie ihren rechten Ellenbogen.
Was zum Teufel …?
Ungläubig blickte sie auf ihre Arme, die mit blauen Flecken und blutigen Schrammen übersät waren.
Zoe drehte die Unterarme in beide Richtungen. Eine Mischung aus Entsetzen und Fassungslosigkeit machte sich in ihr breit. Vorsichtig fuhr sie mit dem Finger über eine der Wunden und zuckte bei der Berührung zusammen. Die Verletzung war real. Eine Vorahnung überkam sie: Hektisch riss sie die Bettdecke weg und stellte fest, dass ihre Beine genauso aussahen. Ein tiefer Schnitt zog sich quer über ihren rechten Oberschenkel.
Mit einem Schlag war sie hellwach. Woher hatte sie diese Verletzungen?
Sie sprang so ruckartig aus dem Bett, dass ihr ganzer Körper aufschrie. Humpelnd lief sie ins Bad und schaltete die Deckenlampe an. Ihre Wunden traten im Neonlicht noch deutlicher hervor. Sie ging zum Waschbecken und schaute in den Spiegel.
Ihr schwarzes schulterlanges Haar war vom Schlaf zerzaust. Es fiel ihr strähnig ins Gesicht, das sie im ersten Moment gar nicht als ihr eigenes erkannte. Auf der Stirn prangte eine tiefe Platzwunde. Geronnenes Blut klebte auf der rechten Wange, die stark geschwollen war. Auf dem Kinn zeichnete sich ein dunkelblaues Hämatom ab.
Zoe kniff die Augen zusammen und beugte sich zum Spiegel vor. Wie in Trance berührte sie die Platzwunde und verzog das Gesicht. Behutsam schälte sie sich aus dem Nachthemd. Ihr Oberkörper war genauso zerschunden wie der Rest ihres schlanken Körpers. Sie sah aus, als wäre sie verprügelt worden.
Geschockt betrachtete sie ihr Spiegelbild. War das wirklich sie? Ihr Atem beschleunigte sich. Ihre Beine drohten nachzugeben, sodass sie sich am Waschbecken abstützen musste.
Was ist mit mir passiert? Wer hat mich so zugerichtet?
Die Wunden schienen frisch zu sein und waren höchstens ein paar Stunden alt. Zoe dachte an den gestrigen Tag zurück, an die Abendstunden, bevor sie ins Bett gegangen war. Doch sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. In ihrem Kopf herrschte völlige Leere.
Was …?
Beklemmung erfasste sie und steigerte sich zu einer bedrückenden Angst, die sich schwer auf ihren Brustkorb legte. Jeder Atemzug war eine Qual.
Verzweifelt versuchte Zoe, sich in Erinnerung zu rufen, was gestern geschehen war. Sie überlegte, wann sie aufgestanden war und wie sie den Tag verbracht hatte. Aber so sehr sie sich konzentrierte, es gelang ihr nicht. Als hätte es diesen Tag nie gegeben.
Ihre Angst wechselte in Panik.
Sie dachte an vorgestern und stellte entsetzt fest, dass sie sich daran ebenfalls nicht erinnern konnte. Die beiden Tage waren vollkommen aus ihrem Gedächtnis gelöscht.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
Man verliert nicht einfach das Gedächtnis. Oder wacht mit blutigen Schrammen auf.
Welcher Tag war heute überhaupt? Sie sah zur Badezimmeruhr.
Mittwoch.
Sie rieb sich die Augen und blickte abermals auf die Datumsanzeige, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht verlesen hatte.
Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte, war ein Besuch mit David in der Therme Erding. Und das war am Sonntag gewesen. Ihr fehlten ganze zwei Tage!
Das konnte nicht sein. Zoe humpelte ins Schlafzimmer und schaltete den Fernseher in der Ecke ein. Sie wechselte zu einem Nachrichtensender und öffnete den Videotext. Ganz oben stand Mittwoch. Sie schluckte schwer. Unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, stand sie wie angewurzelt da. Die Leere in ihrem Kopf machte sie fast wahnsinnig.
Es kostete sie viel Kraft, sich aus der Starre zu lösen. Zurück im Bad drehte sie den Hahn auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Die Kälte traf sie wie ein Schock. Stoßweise atmete sie, während sie sich das Blut von Stirn und Wange wusch.
Wenn sie gestern derart ramponiert nach Hause gekommen war, warum hatte David nichts gesagt? Er hätte sie sofort ins nächste Krankenhaus gefahren.
Zoe stellte den Wasserhahn ab.
Normalerweise verließ David kurz vor ihr das Haus, allerdings frühstückten sie vorher zusammen. Das konnte nur bedeuten, dass er noch da war. Sie neigte den Kopf und lauschte, konnte jedoch kein Geräusch in der Wohnung hören.
„David?“, rief sie, erhielt aber keine Antwort.
Hastig trocknete sie sich das Gesicht ab und zog ihren Bademantel über.
„David?“
Barfuß lief sie die Wendeltreppe ihrer Maisonettewohnung nach unten ins Wohnzimmer. Doch der Raum, den David wegen der vielen Pflanzen scherzhaft als „Dschungel“ bezeichnete, war verlassen, genau wie das kleine Arbeitszimmer nebenan und die Küche.
Für einen Moment verharrte sie unentschlossen, dann ging sie wieder ins Schlafzimmer. Und blieb wie erstarrt stehen.
Im ersten Schreck war es ihr vorhin gar nicht aufgefallen: Davids Bettseite war unbenutzt, die Decke sauber zusammengelegt. Er hatte heute Nacht gar nicht hier geschlafen.
Wo war er nur?
Sie versuchte ein weiteres Mal, sich zu erinnern, jedoch ohne Erfolg.
War er vielleicht auf Dienstreise?
Sie dachte an Sonntag zurück, ihre letzte Erinnerung vor dem mysteriösen Blackout. Sie sah David vor sich, wie er ihr gegenüber entspannt im Whirlpool lag. Worüber hatten sie noch mal gesprochen? Über ihre Pläne für Weihnachten. Ob sie die Feiertage allein zu Hause oder bei Davids Eltern in Hamburg verbringen wollten. Eine Dienstreise hatte er nicht erwähnt.
Aber wo war er dann?
Sie griff nach ihrem iPhone auf dem Nachttisch und schaltete es an. Es dauerte quälend lange, bis das Gerät sich ins Mobilfunknetz eingeloggt hatte. Sie drückte die Kurzwahl für Davids Handynummer, die Verbindung baute sich auf. Sofort ertönte die weibliche Stimme des Anrufbeantworters: „Hallo, hier ist die Mobilbox von David Drexler. Bitte sprechen Sie nach dem Ton.“
Es piepte, und Zoe beendete die Verbindung, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Merkwürdig. David ließ sein Handy immer angeschaltet, wenn er unterwegs war. Nur für den Fall, dass sie ihn dringend erreichen musste.
So wie jetzt.
Sie versuchte es erneut, aber wieder ging nur der Anrufbeantworter an.
„David, ich bin’s. Bitte ruf mich sofort zurück. Ich …“
Sie stockte und überlegte, was sie ihm eigentlich sagen sollte.
Ich bin gerade mit blauen Flecken und blutigen Schrammen am ganzen Körper aufgewacht und weiß nicht, wo ich die herhabe. Hast du eine Ahnung?
Ihr wurde bewusst, wie irrsinnig das klang. Nach einigen Sekunden des Schweigens legte sie auf.
Wenn David gestern Abend nicht da gewesen war, dann hatte er vermutlich auch nicht mitbekommen, wie sie verletzt nach Hause gekommen war.
Gedankenverloren sah sie aufs Handy. Vielleicht eine SMS? Bestimmt hatte er ihr eine SMS geschickt.
Enttäuscht stellte sie fest, dass sie vor vier Tagen die letzte Nachricht von ihm erhalten hatte. Es war eine kurze SMS: Ich liebe dich.
Ich liebe dich, wiederholte sie in Gedanken und seufzte. Es waren diese kleinen Gesten, die sie an ihm mochte und die dazu beitrugen, dass sie immer noch so verliebt waren wie am ersten Tag. Mal brachte er ihr Blumen mit, schickte ihr eine Postkarte mit Liebesgedichten oder überraschte sie mit einem romantischen Picknick am See.
Zoe betrachtete das Foto, das auf dem Nachtkästchen stand und David in ihrem letzten Sommerurlaub in Griechenland zeigte. Braungebrannt und fröhlich lachte er in die Kamera. Neben seinen Mundwinkeln zeichneten sich die kleinen Grübchen ab, die sie so anziehend fand. Die kurzen schwarzen Haare wurden an einigen Stellen bereits grau. Obwohl er auf die vierzig zuging, leuchtete in seinen Augen noch immer die spitzbübische Ausgelassenheit eines Jungen.
Sie ging nach unten und sah sich ein weiteres Mal um.
Irgendeinen Hinweis über seinen Verbleib musste es doch geben. Doch weder im Wohnzimmer noch im Arbeitszimmer wurde sie fündig.
Zoe ging weiter in die Küche, die nicht den Anschein erweckte, als wäre kürzlich jemand hier gewesen. Alles war sauber in die Schränke geräumt. Und in der Luft hing auch nicht der Duft nach frisch gemahlenem Kaffee, den David am Morgen so dringend brauchte. Nur die Tannenzweige auf dem Tisch, zwischen denen eine rote zur Hälfte abgebrannte Kerze steckte, verströmten einen weihnachtlichen Geruch.
Wo war David?
Und was war gestern bloß passiert?


2


Tief in Gedanken stand Zoe in der Küche. Nach einer Weile ging sie zum Fenster und blickte nach draußen. Die Dämmerung setzte allmählich ein. Nebliger Dunst hing in der Luft, und die Erde lag unter einer dicken Schneeschicht. Es musste erneut geschneit haben. Auf dem Busch vor dem Fenster türmte sich eine weiße Krone. Eiszapfen hingen von den Bäumen, die die Straße säumten.
Zoe fröstelte bereits beim bloßen Anblick.
Sie wohnten am nördlichen Stadtrand von München in einem Haus, das aus vier Maisonettewohnungen bestand. Während die beiden oberen Parteien große Dachterrassen hatten, gehörte zu den Erdgeschosswohnungen ein Garten.
Sie wollte sich gerade wieder umdrehen, als eine Bewegung am Hauseingang ihre Aufmerksamkeit erregte. Ihre Nachbarin, eine hübsche Frau Anfang dreißig, trat ins Freie und lief mit gesenktem Kopf den Gehweg entlang. Die langen blonden Haare fielen ihr leicht gewellt über die Schultern und umrahmten das Gesicht mit den großen rehbraunen Augen.
Ob sie vielleicht etwas weiß?
Zoe öffnete das Fenster.
„Jasmin“, rief sie ihr hinterher. „Hey, Jasmin, warte doch mal!“
Jasmin zuckte zusammen und blieb abrupt stehen. Suchend blickte sie sich um, bis sie Zoe am Fenster entdeckte.
Zoe bedeckte mit der Hand ihre Verletzungen im Gesicht. Die Haare hatte sie notdürftig über die Platzwunde gestrichen.
„Entschuldige, hab ich dich erschreckt?“
„Gott ja, Zoe! Ich bin spät dran.“
„Tut mir leid. Nur kurz: Hast du zufällig gehört, wann ich nach Hause gekommen bin?“
Jasmin schüttelte den Kopf. „Nein. Warum fragst du?“
Weil ich verwundet bin, einen Blackout habe und die letzten zwei Tage vollkommen aus meinem Gedächtnis gelöscht sind.
Zoe bemühte sich um einen ungezwungenen Tonfall, obwohl die Angst sie weiterhin fest im Griff hatte. „Ach, irgendwie bin ich heute etwas durcheinander. Ich kann mich nicht erinnern, wie und wann ich heimgekommen bin.“
„Hast wohl zu wild gefeiert, was?“
Gute Frage. Hatte sie das?
„Keine Ahnung. Ich glaube nicht.“ Zoe machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist aber nicht so wichtig, ich dachte nur, du hättest vielleicht was gehört. Dann halt ich dich nicht länger auf. Bis dann.“
Damit schloss sie das Fenster.
War es möglich, dass sie tatsächlich zu viel getrunken und deshalb einen Filmriss hatte? Doch sie verwarf den Gedanken wieder. Sie fühlte sich kein bisschen verkatert. Und schon gar nicht erklärte es ihre Verletzungen.
Erneut betrachtete Zoe ihre Arme, bis sie die Kälte spürte, die ihr von den Fliesen in die Beine kroch. Unentschlossen ging sie ins Wohnzimmer. Dort ließ sie sich auf die braune Stoffcouch fallen und legte das Handy auf den Beistelltisch aus Glas.
Im nächsten Moment berührte sie etwas am Bein. Zoe fuhr zusammen. Sie schaute nach unten und sah in die leuchtenden Augen ihrer Katze.
„Plinky!“, sagte sie mit klopfendem Herzen. „Musst du dich so anschleichen?“
Der Kater strich auffordernd um ihre Beine.
„Na, komm schon hoch.“ Sie klopfte auf ihren Schoß. Plinky sprang mit einem Satz auf ihre Oberschenkel und machte es sich bequem. Zoe presste die Lippen vor Schmerz zusammen, doch sie ließ den Kater gewähren, dessen Schnurren sie tröstete. Sie streichelte Plinky über das seidige orange-rötliche Fell.
„Ob du mitbekommen hast, was passiert ist?“
Sie erwartete nicht ernsthaft eine Antwort. Plinky lag mit geschlossenen Augen da und verstärkte sein Schnurren.
Kaum zu glauben, wie verschmust der Kater ist, dachte sie und erinnerte sich an den Tag, an dem David und sie ihn aus dem Tierheim geholt hatten. Spaziergänger hatten das völlig verwahrloste und schwer verletzte Bündel in einem Wald gefunden, wo es offenbar irgendein Tierquäler zum Sterben abgelegt hatte. Zoe schloss das Wesen, das scheu und sichtlich traumatisiert in der Ecke kauerte, sofort ins Herz. In den nächsten Monaten päppelte sie Plinky liebevoll auf und gewann langsam sein Vertrauen. Mittlerweile wich der Kater Zoe nicht mehr von der Seite und begrüßte sie stürmisch, sobald sie von der Arbeit nach Hause kam. Die Wohnung verließ er allerdings nie, zu groß war seine Angst vor dem, was draußen auf ihn lauern könnte.
Ein Miauen riss Zoe aus den Gedanken.
„Du hast Hunger.“ Zoe musste lächeln. Mit Plinky vergaß sie alles um sich herum. David neckte sie regelmäßig damit, indem er den eifersüchtigen Ehemann spielte, der erst an zweiter Stelle kam. Dabei war er genauso in Plinky verschossen wie sie.
Der Kater sprang von ihrem Schoß und lief in die Küche. Zoe öffnete den Vorratsschrank, nahm eine der Dosen mit Katzenfutter, die sich darin stapelten, und leerte den Inhalt in den Napf. Schmatzend machte Plinky sich darüber her.
Sie sah ihm zu und griff nach der Schachtel Tabletten gegen ihre Schilddrüsenunterfunktion, die vor einigen Jahren bei ihr diagnostiziert worden war. Sie spülte die Kapsel mit einem Glas Leitungswasser hinunter.
Trotzdem fühlte sich ihre Kehle weiterhin wie ausgetrocknet an. Zoe trank ein zweites Glas. Plinky saß derweil vor seinem Futternapf und kaute genüsslich ein Stück Thunfisch.
Ihr Handy klingelte. Na endlich! Das musste David sein. Bestimmt hatte er ihre Nachricht auf der Mailbox abgehört.
Sie hastete ins Wohnzimmer und griff nach dem Telefon. Kurz wunderte sie sich über die unterdrückte Rufnummer auf dem Display und nahm das Gespräch an.
„David?“, fragte sie atemlos.
Doch statt der vertrauten Stimme ihres Mannes meldete sich eine seltsam verzerrte, metallisch klingende Stimme.
„Zoe Drexler?“
Zoe schwieg. Am anderen Ende der Leitung war ein Keuchen zu hören. Ein mulmiges Gefühl überkam sie.
„Sind Sie Zoe Drexler?“ Zoe vermochte nicht zu sagen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Der Anrufer klang ungeduldig, und in seiner Frage schwang ein aggressiver Unterton mit.
„Ja“, antwortete sie zögernd. „Und wer sind Sie?“
„Mein Name tut nichts zur Sache. Aber Sie sollten mir jetzt sehr gut zuhören. Und genau das tun, was ich Ihnen sage.“
„Wovon reden Sie?“, fragte Zoe und setzte sich auf die Couch.
„Sie wissen genau, wovon ich rede.“
„Nein, das weiß ich nicht. Und wenn das hier ein Scherz sein soll, dann …“
„Ein Scherz?“ Die Person lachte heiser auf. „Ganz bestimmt nicht.“
Die Stimme klang kalt. Zoe spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Sie spielte mit dem Gedanken, aufzulegen, aber die Worte hatten sich in ihrem Kopf festgesetzt.
Sie sollten mir jetzt sehr gut zuhören. Und genau das tun, was ich Ihnen sage.
„Wer sind Sie?“
„Ich kenne Sie, mehr müssen Sie über mich nicht wissen.“
Zoe legte die Stirn in Falten.
Vergeblich versuchte sie herauszuhören, wer hinter der verzerrten Stimme steckte, denn sie kam ihr sonderbar vertraut vor.
„Und was wollen Sie von mir?“ Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, kam ihr ein furchtbarer Gedanke. Sie richtete sich kerzengerade auf. „Geht es um David? Ist ihm etwas passiert?“
Allein bei der Vorstellung stieg Übelkeit in ihr auf. Die Möglichkeit, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte, war ihr noch gar nicht in den Sinn gekommen. Hatte er einen Unfall gehabt? Wusste sie vielleicht längst davon, und ihre Gedächtnislücken zeigten nur, dass sie sich schlichtweg nicht erinnern wollte?
Aber an was?
Am anderen Ende der Leitung vernahm sie wieder dieses kehlige Lachen, und ihr wurde noch kälter.
„Was ist mit David? Warum sagen Sie mir nicht endlich, was los ist?“
„Weil ich genau das von Ihnen wissen will.“
„Wie bitte? Was wollen Sie von mir wissen?“
„Die Wahrheit“, antwortete die Stimme. „Ich will von Ihnen die Wahrheit hören.“
„Welche Wahrheit?“
Allmählich wurde Zoe wütend. Falls die Person etwas über Davids Verschwinden wusste, sollte sie endlich damit herausrücken.
„Jetzt hören Sie mir mal gut zu. Wenn David was passiert ist, und Sie etwas damit zu tun haben sollten, dann …“
„Halten Sie endlich den Mund!“, unterbrach die Stimme sie in so scharfem Tonfall, dass sie augenblicklich verstummte. „Ich habe keine Zeit für Spielchen.“
Spielchen?
Zoe rang nach Atem.
War es etwa das? Ein perverses Spielchen?
Wer war diese Person? Und wieso benutzte sie einen Stimmenverzerrer?
Ein Teenager. Bestimmt war der Anrufer ein Teenager, der seine neueste technische Errungenschaft ausprobierte und sich aus purer Langeweile einen Spaß auf ihre Kosten erlaubte. Wahrscheinlich lag er schon vor Lachen am Boden.
„Du findest das Ganze wohl sehr witzig, was?“, sagte sie. „Schön, dass du deinen Spaß hattest, aber ich hab jetzt wirklich Wichtigeres zu tun. Ruf mich nicht noch mal an!“
Mit diesen Worten legte sie auf.
Auf was für Ideen die Jugendlichen kommen, dachte sie. Natürlich hatte sie als Kind auch Telefonscherze gemacht, aber sie hatte nie versucht, jemandem Angst einzujagen.
Zoe lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie konnte nicht sagen, warum, aber tief in ihrem Inneren hatte sie das ungute Gefühl, soeben den größten Fehler ihres Lebens begangen zu haben.