Sonntag, 4. Juni 2017

Leseprobe von Fiona Limar



* Ohne Erbarmen *
von
Fiona Limar

Thriller
Iris Forster Reihe
Band 4


Jeder Teil hat eine abgeschlossene Handlung und kann unabhängig von den anderen gelesen werden.


~ LESEPROBE ~


~ 1 ~

„Sie kamen immer nachts.“ Alina atmete schwer, sie musste sich überwinden weiterzusprechen. „Lautlos schwebten sie heran, wie Geister. Erst wenn das Licht unter dem Türspalt hindurchkroch, wusste ich, dass es wieder so weit war. Dann begann ich jedes Mal zu zittern.“ Auch jetzt bebte ihr schmaler Körper, sie verschränkte die Arme in einer Weise vor der Brust, als wollte sie sie miteinander verknoten. „Es war ein eigenartiges blaues Licht, das sich plötzlich überall im Zimmer ausbreitete. Ich versuchte, ganz still zu liegen, wollte mich am liebsten unsichtbar machen, doch ich hatte meinen Körper einfach nicht mehr unter Kontrolle. Es half auch nicht, wenn ich mir schnell noch die Bettdecke über den Kopf zog. Ich spürte, wie ich hochgehoben und durch die Luft davongetragen wurde. Es ging ziemlich schnell aufwärts, daran erinnere ich mich genau. Auch an ein sirrendes Geräusch, so als würden ganz viele Insekten umherschwirren. Erkennen konnte ich nichts, es war dunkel um mich herum. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, sie hatten etwas über mein Gesicht gedeckt. Erst nachdem ich auf eine Art Pritsche gelegt worden war, wurde es wieder hell. Na ja, hell ist nicht der richtige Ausdruck, da waren viele bunte Lichter wie in einer Disco. Und zwischen diesen flackernden Lichtern bewegten sich merkwürdige Gestalten.“ Alina holte tief Luft und konnte nicht weitersprechen, ihr Atem ging stoßweise. „Können Sie diese Gestalten beschreiben?“, fragte ich. Mein sachlicher Ton schien ihr zu helfen, sie nickte. „Sie waren groß und ganz weiß. Alle sahen sie gleich aus, sie hatten keine richtigen Gesichter, nur eine helle Fläche. Mund und Augen sahen wie Schlitze aus.“ Sie schluckte heftig. „Ich weiß nicht genau, was danach passiert ist. Aber es war etwas Furchtbares.“ Den letzten Satz hatte sie nur noch geflüstert. Dann sah sie mich an. „Sagen Sie mir, was das war“, flehte sie mich förmlich an. „Ich weiß es nicht, Alina“, sagte ich. „Was glauben Sie selbst?“ „Dass es Aliens waren, die mich regelmäßig entführt haben. Nicht wahr, das wollen Sie doch hören?“ Sie schrie jetzt fast. „Dann können Sie mir den Stempel 'verrückt' aufdrücken und mich wegschicken.“ „Alina, das haben wir doch bereits geklärt“, sagte ich. „Weder habe ich die Absicht, Ihnen irgendeinen Stempel aufzudrücken, noch werde ich Sie wegschicken.“ Eigentlich hatten wir diese Phase, in der sie immer wieder trotzig reagiert oder sich misstrauisch verschlossen hatte, schon vor geraumer Zeit hinter uns gelassen. Wir waren gut mit der Therapie vorangekommen, doch bei diesem Thema zeigte sie sich äußerst empfindlich. „Es geht hier nicht darum, was ich meine und denke, sondern vor allem um Ihre Gedanken und Gefühle“, setzte ich hinzu. Sie sackte förmlich in sich zusammen. „Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich habe nie mit jemandem darüber gesprochen. Meine Angst, als Lügnerin oder als krank im Kopf hingestellt zu werden, war einfach zu groß. Und ich weiß selbst, dass es verrückt klingt. Eigentlich glaube ich nicht an solchen Kram. Obwohl es eine Menge Leute gibt, die überzeugt sind, so etwas auch erlebt zu haben. Und die wirklich an Aliens glauben.“ „Sie glauben demnach nicht daran, das ist schon mal ein Ansatzpunkt. Woher könnten Ihre Erinnerungen also stammen? Haben Sie eventuell als Kind einen entsprechenden Film gesehen, der Ihnen Angst gemacht hat? Hatten Sie danach Alpträume, die Ihnen nun aber real erscheinen?“ Alina lehnte sich zurück und seufzte. Sie war eine zarte brünette Frau von 23 Jahren. Man sah ihr kaum an, dass sie im sechsten Monat schwanger war. Ursprünglich war sie wegen unklarer Angstzustände zu mir in die Praxis gekommen. Nach und nach hatte sie sich geöffnet und von der Sorge um ihr ungeborenes Kind gesprochen. Das war an und für sich nichts Ungewöhnliches, nicht wenige Schwangere geraten angesichts der Verantwortung, die sie auf sich zukommen sehen, in Panik. Bei Alina Krüger war es nur zu verständlich, denn sie selbst hatte keine leichte Kindheit gehabt und würde ihr Kind ohne Vater aufziehen müssen. „Nein, so war es nicht“, sagte sie. „Eigentlich ist es genau andersherum. Ich habe zum ersten Mal einen Film über Aliens gesehen, als ich sechzehn war. Erst da kam auf einmal die Erinnerung. Das habe ich mir nicht nur eingebildet, das war ganz tief in meinem Kopf drin.“ Sie schlug sich zur Bekräftigung ihrer Worte mehrmals mit der Hand gegen die Stirn. „Auf einmal wurde mir klar, dass ich so etwas schon erlebt hatte. Es war schrecklich.“ „Haben Sie versucht herauszufinden, was es mit dieser Erinnerung auf sich haben könnte? Haben Sie Ihren Vater oder Ihre Großeltern dazu befragt?“ „Nein, natürlich nicht.“ Sie schaute mich erschrocken an. „Ich habe gelernt, den Mund zu halten. Stattdessen habe ich versucht, nicht mehr daran zu denken. Eine Weile ging das gut, aber seit ich schwanger bin, lässt es mich einfach nicht mehr los. Ich habe Angst, panische Angst.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und wiegte sich auf dem Stuhl vor und zurück. „Wovor haben Sie Angst, Alina?“ Als sie aufschaute, war ihr Gesicht nass von Tränen. „Davor, dass sie auch mein Kind holen könnten.“


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