Samstag, 8. Juli 2017

Karel van Keulen - Leseproben


~ Über den Autor ~


Familie und Freunde sind für mich das Wichtigste im Leben. Ich liebe meine Kinder, meine Frau und unsere beiden Hunde. Ich bin 1962 in der Nähe von Utrecht geboren. Nach dem Verkauf meiner Internetfirma vom hektischen Leben in den Niederlanden zu einem friedlichen in den österreichischen Bergen gewechselt. Natur, Land und Leute im Salzburger Land haben es mir angetan. Erst die Ruhe und Entspannung hier in Österreich haben mir die Kraft gegeben, ein Buch zu schreiben und tatsächlich zu veröffentlichen. „Almtod“ war mein erster Kriminalroman, gefolgt von „Almgold“. Noch für 2017 ist eine Fortsetzung der „Postalmkrimis“ geplant. Meine ersten Ambitionen, zu schreiben, konnte ich als Redakteur der Schülerzeitung verwirklichen. Aber wie das Leben so spielt, habe ich keine literarische Laufbahn eingeschlagen. Später, als Vater von 3 Kindern, packte mich die Lust, ein Kinderbuch zu schreiben, in dem meine Familie die Protagonisten stellte. Es war ein toller Spaß für uns alle. Ein ganz anderes, großes Buchprojekt, dass ich vor Jahren begonnen habe, wartet auf seine Überarbeitung und Vollendung. Doch vorher ist der dritte „Postalmkrimi“ an der Reihe.






~~ Leseprobe ~~

 Das war einfach, dachte der Mann mit dem Jagdgewehr, nicht anders als bei dem Bock, den ich heute Mittag abgeknallt habe. Er grinste. Soeben hatte er zum ersten Mal auf einen Menschen gezielt, einen großen, schweren Mann. Wie ein Zwanzigender, war ihm in den Sinn gekommen. Der Fatzke hatte sich aufgespielt, wollte ihn bei der Gemeindeverwaltung melden. »Ich habe Sie gesehen, Sie schießen in der Schonzeit auf Hirsche! Das muss und werde ich melden!« Der Mann hob einen Zeigefinger drohend in die Luft. So hat es mein Klassenlehrer immer getan, dachte der Wilderer und spottete: »Es war ein Reh, du Dummkopf!« Er drückte dem Weißhaarigen das Gewehr auf die Stirn, zwang ihn, sich breitbeinig längs auf die Bank vor der Almhütte zu setzen. Der Mann rutschte, so weit er konnte, nach hinten. »Wohl doch Schiss, was?«, fragte der Wilderer. »Ich habe keine Angst vor Ihnen«, entgegnete der Mann. »Ich bin in meinem Leben schon oft bedroht worden, überall auf der Welt. Von Kerlen, die mit blutverschmierten Macheten morden oder anderen, die dafür nur eine Plastiktüte oder Wäscheleine brauchen. Dagegen sind Sie mit Ihrer Kinderflinte bloß ein kleiner Wichtigtuer.« »Sie sind ein dummer Mensch.« Der Wilderer lächelte. »Sie können nicht einmal eine Büchse von einer Flinte unterscheiden.« Der Schuss war überraschend leise gewesen. Dumpf, eher wie der Knall einer aufgeblasenen Papiertüte, die von klatschenden Kinderhänden zerdrückt wird. Der Schütze trat einen Schritt zurück, begutachtete sein Werk. Eine kleine rote Perle bildete sich am Rand der Eintrittswunde. Er neigte den Kopf zur Seite und wartete, bis der Tropfen größer wurde und sich vom Einschussloch löste. »Ich denke … links«, tippte er. Sein Blick folgte dem Rinnsal von der Stirn zwischen den Brauen hindurch und entlang der Nase, bis es sich am linken Nasenloch erneut in einem Tropfen sammelte. »Gewonnen! Ein guter Tag«, freute er sich. Seine Weihrauch HW60J hing wieder über der linken Schulter, als er hinter der Hütte Schritte hörte. »Herr Vogel, haben Sie das gehört? Was war das?«, ertönte eine weibliche Stimme, die sich rasch näherte. Sowie die Frau um die Ecke bog und ihn bemerkte, erstarrte sie in ihrer Bewegung. Sie war etwa fünfundzwanzig, hatte ein Allerweltsgesicht auf einem zu dünnen, fast mageren Rumpf in grauer Geschäftskleidung. Ihre kurzen braunen Haare zierte eine helle Strähne auf der linken Seite. Ohne den Blick von ihr abzuwenden, nahm der Wilderer seine Waffe in die Hand, zog den Verschluss nach hinten, lud eine Patrone in den Lauf. Es war Routine für ihn. Das Wild nicht aus den Augen lassen, fixieren, zielen, abdrücken. Augenblicklich erfasste die Frau die Situation. Sie drehte sich blitzschnell um und rannte den Weg zurück hinter die Hütte. Gelassen folgte ihr der Schütze, fand sie, hockend neben einem schwarzen Mercedes Geländewagen. Als sie ihn erblickte, zuckte sie zusammen. Fieberhaft überlegend, wie sie entkommen könnte, stand sie langsam mit erhobenen Händen auf. Er registrierte, wie sie fast unmerklich ihr Gewicht auf das linke Bein verlagerte. Gleich wird sie losrennen, versuchen, den Wald hinter ihr zu erreichen. Fichten bieten einen guten Schutz, dachte er. Er war ein geübter Beobachter. Das Muskelspiel des Wildes verrät, wann es flüchten will. Die Frau sprang los, bereit, um ihr Leben zu laufen. Er ging nicht einmal in Anschlag, zog lustlos den Abzugshahn durch, schoss einfach so aus der Hüfte. Irgendwie war es keine große Sache mehr – nach dem ersten Mord. Der Schuss traf die Frau in den Rücken. Blattschuss, sie fiel. Mit dem Gesicht nach unten lag sie auf dem Schotter der Parkbucht. Der Wilderer überlegte, ob er sich eine Trophäe mitnehmen sollte. Eine Haarsträhne, ein Finger oder ein Ohr, irgendwas. Wild ist Wild. Sein Jagdmesser in der Hand kniete er sich neben sie, hielt inne. Plötzlich griff er ihr hart in den Schritt, krallte sich fest, fühlte die Wärme durch ihre Hose hindurch. »Na, gefällt dir das, du Nutte? Ja? Willst du nochmal richtig gefickt werden? Von einem echten Mann, nicht von so einem alten Knacker wie dem da?«, fragte er und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung des toten Mannes. Die rechte Hand zwischen ihren Beinen, öffnete er mit der linken sein Koppel. Der Anblick der wehrlosen Frau erregte ihn mehr als alles, was er bisher erlebt hatte. Mit seinem Gürtel fesselte er ihre leblosen Hände auf dem Rücken. Er riss ihr brutal den Kopf hoch, drehte ihn zur Seite. Das Genick brach mit einem lauten Knacken. »Macht es dich auch so geil wie mich? Hast du deshalb deine Augen geöffnet? Du willst zusehen, nicht wahr?«, keuchte er. »Entspann dich, mein Schatz, es wird dir gefallen.« Er küsste sie grob auf ihre dunkelrot geschminkten Lippen. Mühsam, zitternd vor Erregung, befreite er sein steifes Glied aus der Hose. Mit zwei Fingern öffnete er gewaltsam ihren Mund, kroch auf den Knien näher heran. Er streichelte ihre Wange, legte ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. Laut stöhnend drang er ein, ergoss sich ohne eine weitere Bewegung. Minuten später holte ein lautes Motorengeräusch den Wilderer in die Realität zurück. Er sah zur Straße hinauf. Es war der Linienbus Richtung Strobl. Scheiße, schoss es ihm durch den Kopf, die können mich ja sehen! Er löste seinen Gürtel von ihren Händen, brachte seine Kleidung hastig in Ordnung. 

Ein letztes Mal betrachtete er die Frau. Gefesselt hast du mir eindeutig besser gefallen. Er überlegte. Der Mercedes musste schnell verschwinden. Das Gelände rund um die Hütte war gut einsehbar, sowohl von der Mautstraße als auch von dem unterhalb verlaufenden Forstweg aus. Das SUV würde auffallen. Die beiden Toten waren ihm egal. Niemand würde sich hierher verirren, die Nachsaison war die ruhigste Zeit. Und wenn das Wetteramt recht behalten würde, wäre schon morgen alles eingeschneit. Den Alten und seine beträchtlich jüngere Freundin würde man für eine ganze Weile nicht finden. Der Schütze durchsuchte erst die Frau, dann den Mann nach den Autoschlüsseln. Sobald er sie gefunden hatte, lief er zum Wagen der beiden, verstaute seine Waffe hinter dem Fahrersitz und stieg ein. Der kräftige Achtzylindermotor erwachte beim ersten Druck auf den Startknopf. Vorsichtig fuhr er den Feldweg hinauf, rechts am Jagdhaus vorbei bis zur Ausfahrt auf die Postalmstraße. Nachdem er ungesehen abgebogen war, durchflutete ihn ein euphorisches Gefühl. Konzentriere dich, ermahnte er sich. Du musst dich für ein oder zwei Stunden irgendwo verstecken. Um die Postalm unbemerkt verlassen zu können, war er gezwungen zu warten. Nach achtzehn Uhr war die Mautkasse in Strobl unbesetzt. Im Schutz der Dunkelheit würde er die offene Schranke passieren und zum Mondsee fahren, in dem er den Wagen im Wasser versenken konnte. Und niemand würde ihn bemerken. Er entschied sich für den im Wald verborgenen Parkplatz der Strobler Hütte oberhalb der Postalm. Bis Anfang Mai war dieses Restaurant geschlossen, mit Wanderern brauchte er dort also nicht zu rechnen. Er parkte dicht am Waldrand, betätigte die automatische Verstellung der Rückenlehne, um bequemer zu liegen, und schlief sofort ein. Es war dunkel, als der Wilderer erwachte. Die analoge Uhr in dem mit schwarzem Leder bezogenen Armaturenbrett zeigte einundzwanzig Uhr zehn. Er hatte beinahe fünf Stunden geschlafen. Panik ergriff ihn. Hat mich jemand beobachtet oder sogar erkannt? Was jetzt? Hastig startete er den Motor, zog am Wahlhebel, trat das Gaspedal durch bis zum Bodenblech. Mit ohrenbetäubendem Gebrüll gab der 6,3 Liter Motor seinen 517 Pferden die Sporen und wäre um ein Haar rückwärts gegen eine Fichte gekracht. 

Als das SUV endlich stoppte, stand der Schütze mit beiden Füßen auf dem Bremspedal. Arme und Beine hatten sich verkrampft, sie schmerzten. Adrenalin raste durch seinen Körper, er hörte das Blut in den Ohren rauschen. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!«, brüllte er. Er legte die Stirn auf das Lenkrad, atmete tief durch. Sein Herz schien eine Ewigkeit zu brauchen, bis es sich beruhigt hatte. Behutsam berührte er den Schalthebel, legte ihn auf D um. Vorsichtig Gas geben und nur noch weg hier, dachte er. Nachdem der Wilderer die Serpentinenstraße nach Strobl und das leere Kassenhäuschen hinter sich gelassen hatte, fuhr er mit mäßiger Geschwindigkeit über Sankt Gilgen in Richtung Mondsee. Zwanzig Minuten später erreichte er Scharfling. Er folgte der Bundesstraße 754 nach Plomberg, bog wenige hundert Meter hinter dem Ortsausgang in einen Waldweg zum See ein. Akribisch wischte er mit einem Taschentuch alles, was er angefasst hatte, ab. Er nahm sein Jagdgewehr, legte einen Gang ein. Während das Auto langsam vorrollte, sprang er heraus. Drei Minuten später war der Mercedes für lange Zeit im Wasser verschwunden. Nun musste er noch seine Waffe loswerden. Das Risiko, mit geschultertem Gewehr gesehen zu werden, wollte er nicht eingehen. Er sah sich um und fand ein sicheres Versteck unter einem Gebüsch in Ufernähe. Mit einem letzten Blick auf den See machte er sich auf den Heimweg. Spät in der Nacht kam der Wilderer zu Hause an. Den größten Teil des Weges war er zu Fuß gegangen, hatte sich nur ein Mal per Anhalter mitnehmen lassen. Ohne sich auszuziehen, legte er sich auf sein Bett. Er hatte es geschafft. Lächelnd fiel er in einen tiefen Schlaf. Seit Mitternacht tobte ein Schneesturm auf der Postalm.

Die Mittagssonne brannte so heiß, als wäre es Sommer. Dabei war es erst Anfang April und schon der vierte schöne Tag in Folge. In der warmen Luft des Südföhns schmolz der Schnee zusehends dahin. Überall wurden grüne Flecken sichtbar, war der Verlauf der Wanderwege zu erahnen. Die ersten Blumen fanden ans Tageslicht. Kein Zweifel, der Frühling war da und würde die Alm für dieses Jahr nicht mehr loslassen. Lukas und Sepp saßen auf der Holzbank vor dem Jagdhaus, genossen das schöne Wetter. Die beiden Freunde waren ein ungleiches Paar. Lukas, der Berufsjäger, war vierundzwanzig Jahre alt, eins fünfundachtzig groß. Ein attraktiver Naturbursche mit kräftiger Statur, sonnengebräunter Haut, kurzem blonden Haar und strahlend blauen Augen in einem kantigen Gesicht. Sepp, der Holzknecht, war über zehn Zentimeter kleiner. Von seiner ansonsten schmächtigen Figur hob sich ein Bierbauch ab, obwohl er erst zweiundzwanzig war. Seine dunkelbraunen Haare standen wild in alle Richtungen. Sein rundes Gesicht zeigte keine Spuren von Bartwuchs, wirkte unbekümmert und kindlich. Die jungen Männer waren seit fünf Uhr in der Früh unterwegs gewesen, um nach dem Wild zu schauen und die Schäden zu inspizieren, die der harte Winter in ihren Revieren hinterlassen hatte. »Sieh mal dort vor der Hütte von der Josi, sitzt da jemand?«, fragte Sepp seinen Freund. »Jo. Der sitzt seit heute Morgen auf der Bank. Ich glaube, er meditiert«, antwortete Lukas. »Respekt!« Sepp nahm einen ordentlichen Schluck Bier zu sich. »Wie lange kann man so was machen?« »Ich weiß nicht. Ich habe mal gelesen, dass es in Indien Leute gibt, die sechs oder acht Wochen am Stück meditieren können. Manche sogar noch länger.« »Respekt! Wenn der da unten fertig ist, haben wir Hauptsaison. Und alle drei Minuten latscht ein Tourist vorbei und sagt: ›Hallo!‹. Da könnte ich mich nicht konzentrieren. Dabei sind die Hallo-Leute im Grunde harmlos. Die, die ›Grüß dich!‹ auf Hochdeutsch sagen, sind viel schlimmer, die sind unecht.« »Ja«, stimmte Lukas zu, »weil sie nicht als Tourist erkannt werden wollen. Aber in gebügelten T-Shirts beim Biertrinken den kleinen Finger abspreizen.« »Leute gibts. Was denen fehlt, ist die Autheniti ... äh, Autotita … die Echtheit, so wie bei uns. Gummistiefel statt Prada und die Haare, wie sie morgens stehen. Das lernen die nie.« »Sicher. Lieber Loden aus dem Lagerhaus als Bogner aus den Wiener Schickimickiläden in der Kärntner Straße. Prost!« Lukas trank aus seiner Bierflasche. 

Sepp sah ihn mit großen Augen an. »Was? Woher kennst du die Schickimickiläden in der Kärntner Straße?« »Ich musste mal die Frau eines Jagdgastes nach Wien bringen, damit er in der Zwischenzeit seine Sekretärin flachlegen konnte. Du weißt doch, wie das läuft.« Lukas schmunzelte. »Noch ein Bier?« »Nein, danke, ich muss noch fahren«, wehrte Sepp ab. »Es ist alkoholfrei, das kannst du ruhig trinken.« »Was, da legts dich nieder! Gibt der mir so eine Limonade und sagt nicht mal was! Ein schöner Freund bist du. Willst du mich vergiften?« »Einen Dreck will ich!«, erwiderte Lukas ungehalten. »Ich möchte bloß keinen Alkohol mehr trinken nach letzter Woche. Es war so schlimm, dass ich null Ahnung habe, wie ich nach Hause gekommen bin.« Gedankenverloren blickte er vor sich hin. »Ich hatte gar nicht so viel getrunken. Wahrscheinlich hat mir jemand was ins Glas getan im Tanzstadl. Ich war total hinüber.« »Oh ja, das ist mir auch schon mal passiert«, plapperte Sepp los. »Letzten Monat habe ich die Kati in der Go-Go Hütte oben auf dem Horn besucht. Es war früh am Mittag, so um drei. Ich hatte kaum zehn Bier und zehn Obstler eingeworfen, da machte es zack! Hatte ich einen Filmriss! Die netten Leute von der GoGo haben mich wohl in eine Skigondel gesetzt. Später hat mir jemand erzählt, dass mich an der Talstation Touristen rausgeholt und in einen Bus verfrachtet haben.« Lukas schüttelte den Kopf. »Da hast du dich ganz schön blamiert!« Bevor Sepp widersprechen konnte, bellte der Hund. Sie hörten Schritte neben dem Jagdhaus. »Aus, Prinz! Sitz!«, befahl der Jäger. Ein untersetzter Mann Mitte fünfzig mit kurzen weißen Haaren lugte freundlich um die Ecke. »Grüß Gott, die Herren«, sagte er mit piepsiger Stimme in perfektem Hochdeutsch. »Darf ich Sie eben stören?« »Griaß di! Jo, passt scho«, antworteten sie. Der Fremde machte einen Schritt nach vorn, stand in ganzer Pracht vor ihnen. Gebügelte blaue  Knickerbocker aus Jeansstoff, rote Kniestrümpfe und eine beigefarbene Jacke – eindeutig von Bogner – klassifizierten ihn als waschechten Touristen. Mit knapp eins siebzig war er für sein Gewicht mindestens dreißig Zentimeter zu kurz. Kleine hellbraune Augen leuchteten aus einem halslosen runden Kopf. 

Der Besucher lüpfte den grünen Trachtenhut und gab die Sicht auf einen Haarkranz mit glänzendem Zentrum frei. »Von Zirbelwitz, Eduard von Zirbelwitz ist mein Name. Direktor der Zirbelwitz Werke KG, hier meine Karte«, sprudelte es aus ihm heraus. Er reichte den beiden je eine goldfarbene Visitenkarte aus Plastik. »Zeitund Bewegungsmessungen aller Art für Industrie und Haushalt. In der vierten Generation. Wir haben sicher auch etwas für Sie.« »Wie bitte?«, fragte Lukas. »Was?«, tönte Sepp. Prinz drehte seinen Kopf zur Seite. »Bewegungsverfolgung mit moderner GPS-Technik, zum Beispiel für Ihre Hirsche«, referierte von Zirbelwitz, wobei er die Fersen ständig anhob und senkte. Er sah aus, als ob er vor Freude hüpfen würde. »Stellen Sie sich einmal vor, Sie wüssten immer, wo sich das Wild gerade aufhält. Das könnte die Jagd wahrlich revolutionieren, nicht wahr? Sie bräuchten lediglich irgendwo auf einen Hochstand zu sitzen, die App in Ihrem Smartphone zu starten und zu warten, bis sie Alarm gibt und ein kapitaler Bursche aufkreuzt. So könnten Sie Ihre Zeit für sinnvollere Arbeiten nutzen. Zum Beispiel, um die Börsenkurse im Auge zu behalten. Na, ist das was?« »Interessant«, bemerkte Lukas höflich. »Wir schlagen das dem Jagdherrn vor. Oder was meinst du, Sepp?« »Ich weiß nicht. Sie müssen wissen, er ist der Jäger. Ich bin Holzknecht.« Auf einmal blitzten seine Augen auf. Mit ernster Miene fragte er: »Kann man so einen Bewegungsmelder auch an einen Baum nageln? Dann könnte ich nämlich von meinem Computer aus zuschauen, wie der wächst. Und der Förster könnte die Adressen der Leute rausfinden, die einen geklauten Weihnachtsbaum zu Hause haben. Oder gibts für Baumdiebstahl schon eine App?« Sepp grinste seinen Freund an. Von Zirbelwitz legte bedeutungsvoll die Stirn in Falten, ohne das Hüpfen zu unterbrechen. »Das klingt wie eine neue, vielversprechende Idee. Ich werde darüber nachdenken, meine Herren. Ja, das werde ich. Kann ich Sie irgendwie erreichen?« »Ja, hier«, antwortete Lukas ruhig. »Haben Sie eine Visitenkarte?«, fragte von Zirbelwitz. »Nein. Und Telefone gibt es im Wald auch nicht. Die würden das Wild verscheuchen.« »Aha, ich verstehe«, von Zirbelwitz konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. »Ich schicke einen Außendienstmitarbeiter bei Ihnen vorbei, wenn wir ein Angebot für Sie haben.« Er wandte sich zum Gehen um. »Oh ja, eins noch. Können Sie mir sagen, wo es zur Alpbauer Hütte geht? Wir haben dieses Wochenende ein Seminar für ›Die zehn goldenen Regeln zur perfekten Seelenwanderung‹ gebucht.« »Ja sicher.« Sepp nickte. »Die Esoteren sind immer da unten in der mittleren Hütte. Nehmen Sie einfach den Weg dort links, den der Lukas«, er zeigte auf den Jäger, »mit der Pistenraupe planiert hat. An der Steinleit Hütte vorbei – das ist die mit dem meditierenden Inder auf der Bank –, den Berg runterrutschen und schon sind Sie da. Es sind keine zweihundert Meter.« »Besten Dank, junger Mann.« 

Von Zirbelwitz schlug die Hacken aneinander, dass der Schnee nur so spritzte. »Skiheil oder Weidmanns Dank, wie man hier sagt.« Er hob nochmals seinen Hut und verschwand in die Richtung, aus der er gekommen war. Sepp sah Lukas mit hochgezogenen Brauen an: »Was hat der denn nicht verstanden, dass er wieder weggeht?« Als der Jäger antworten wollte, hörten sie von Zirbelwitz rufen: »Auf, auf! Keine Müdigkeit vorschützen! Wir haben das Ziel des Lebens fast erreicht«, wobei er ›fast‹ besonders betonte. Wie an einer Schnur gezogen trotteten acht weitere Seminarteilnehmer – fünf Männer und drei Frauen – hinter von Zirbelwitz her. Im Vorbeigehen nickten die Damen freundlich, die Herren lüpften artig ihre Hüte. Es war zwölf Uhr einundfünfzig. Der Herr Direktor trällerte: »Im Frühtau zu Berge wir gehn, vallera.« Das sichere Ziel im Blick schritt er seiner Gefolgschaft voraus. Bewaffnet mit Nordic-Walkingstöcken in signalrot, Bergstiefeln der Marke Orange Scarpa Phantom Ultra und farblich dazu abgestimmten Infinity-Tourenrucksäcken mit der Aufschrift: VON ZIRBELWITZ – ZEIT IST GELD, folgten sie ihrem Sherpa den geräumten Weg hinunter ins Basislager. »Leute gibts.« Lukas nippte an seinem alkoholfreien Bier. »Eigentlich sind Touristen gar nicht so übel. Wir hätten sonst viel weniger zu lachen.« »Jo. Das ist wie im Kino, nur live, in der ersten Reihe«, stimmte Sepp ihm zu. »Noch ein Bier?«, fragte Lukas. »Warum nicht, ist doch bloß Limo und so schlecht ist es auch nicht.«

Nachdem er Nachschub aus der Jagdhütte geholt hatte, setzte sich der Jäger zu Sepp. Sie zündeten sich jeder eine Zigarette an, prosteten sich zu, lehnten sich zurück. Nach einer Weile durchbrach Sepp die Stille: »Was meinst du, Lukas? Kann man sich beim Meditieren so anstrengen, dass man sich warm denkt?« »Weiß nicht. An seiner Stelle würde ich jetzt in die Sonne rücken. Das Frieren würde mich schon sehr vom Nichtsdenken ablenken.« »Ich könnte das sowieso nicht. Ich müsste beim Nichtsdenken immer an die Kati denken. Dann würde mir ganz von alleine warm«, schwärmte Sepp und lachte. »Das wäre auf jeden Fall ein Vorteil im Schatten.« »Ja, solange der Kati nicht warm wird, wenn sie an dich denkt, geht das in Ordnung«, schmunzelte Lukas, stand auf und bereitete sein Schneemobil vor. Er musste in den Wald zu den Tieren. »Ich bin in einer Stunde wieder hier, wenn du warten willst. Echtes Bier ist auch im Kühlschrank, ganz hinten«, rief er Sepp zu, startete den Motorschlitten. Als Prinz aufgesprungen war, brausten beide in den Wald davon. Nach seiner Rückkehr parkte Lukas sein Gefährt zum Schutz vor Dachlawinen unter dem Vordach. Die Haustür war weit geöffnet. An der hölzernen Bank stand eine halb volle Flasche alkoholfreies Bier. Er ging ins Haus, suchte seinen Freund, konnte ihn aber nicht finden. Er wollte gerade nach Sepp rufen, da sah er ihn neben dem Mann vor der Steinleit Hütte sitzen. Der Holzknecht schien sich gut zu unterhalten. Er kann sich wirklich nicht einmal eine Stunde hinhocken, ohne zu quasseln, stellte Lukas kopfschüttelnd fest. Was macht so einer beruflich im Wald? Durch Sepps heftiges Winken wurde er aus seinen Gedanken gerissen. »Komm mal zu uns runter!«, hörte Lukas ihn rufen. »Gleich«, antwortete er, hielt seine Hand mit gespreizten Fingern in die Höhe, »fünf Minuten.« Nachdem der Motorschlitten für den morgigen Tag vorbereitet war, schloss Lukas das Jagdhaus ab, ließ seinen Hund auf die Rückbank des Land Cruisers klettern. Er setzte zehn Meter zurück, fuhr links am Haus vorbei den planierten Weg hinunter. Wenn Sepp sich einbildet, ich würde durch den Schnee laufen, hat er sich getäuscht. Gekonnt wendete der Jäger und parkte neben der Almhütte. Er drückte auf den Knopf für den automatischen Fensterheber. Ehe Lukas fragen konnte, was denn so dringend war, überschüttete Sepp ihn mit einem Wortschwall: »Das ist ein Wahnsinn, wie der sich unter Kontrolle hat! Du glaubst gar nicht, was ich ihn alles gefragt habe. Trotzdem meditiert der immer weiter. Als ob der einen Rekord aufstellen will!« Mit einem Mal schnellte Prinz hoch, versuchte, aus dem Auto zu springen. Er knurrte und bellte unentwegt. Der Jäger hatte seine Mühe, ihn zu bändigen. »Aus, Prinz, gib endlich Ruhe!«, befahl er mit fester Stimme. Aber der Hund wurde immer unruhiger. Währenddessen konnte Sepp sich nicht bremsen: »Hast du gewusst, dass die mit offenen Augen meditieren? Es muss richtig weh tun, wenn die Augen austrocknen bei der Sonne! Und wusstest du, dass die nicht reden, wenn die so dasitzen? Die essen und trinken auch nichts, hier stehn weder Bier noch eine Brotzeit. Der hat sogar Schnee auf dem Kopf, was ihn überhaupt nicht stört. Das ist echt der Wahnsinn! Und der hat so einen Punkt auf der Stirn, ›Bindi‹ heißt das. Gibts in ganz verschiedenen Farben. Soll Glück bringen oder beschützen. Ich hab darüber mal was im Fernsehen gesehen.« Er überlegte. »Und warum heißt das eigentlich ›Kastenzeichen‹, wenn es rund ist?« Lukas hatte nicht zugehört. Irgendetwas stimmt nicht, grübelte er. Bevor er das Fenster hochfahren konnte, schoss sein Hund an ihm vorbei aus dem Wagen, baute sich, mal bellend, mal knurrend, vor dem fremden Mann auf. 

Dann sprang Prinz ihn völlig unerwartet an. Langsam, wie in Zeitlupe, neigte sich der Fremde zur Seite, lehnte nun schräg nach links gegen den Tisch. »Das ist ja der Wahnsinn, wie der sich konzentrieren kann«, lachte der Holzknecht. »Den bringt ja gar nichts aus der Ruhe. Wo lernt man so was? In Indien? Da will ich hin, das ist ja voll cool!« Sepp schwärmte weiterhin lautstark von der Selbstbeherrschung des Mannes. Unterdessen stieg Lukas langsam aus dem Toyota. Er wusste, dass Prinz sich nur so verhielt, wenn er erlegtes oder verendetes Wild aufgespürt hatte. »Aus, Prinz. Platz!« Der Jäger stapfte durch den kniehohen Schnee hin zu dem schief sitzenden Mann. Knurrend legte sich der Hund neben seinen Herrn, beobachtete, wie der ›seine Beute‹ untersuchte. Tonlos sagte Lukas: »Der Mann ist hin. Er ist sowas von tot, sag ich dir.« »Mach keinen Scheiß, Lukas! Ich habe mich die ganze Zeit mit ihm unterhalten, das hätte ich bestimmt gemerkt! Hat der so lange rumgesessen, bis er sich tot meditiert hat?« »Du redest einen Schmarrn, Sepp! Du hast wahrscheinlich die ganze Zeit gequasselt und gedacht, er würde dir zuhören.« Er musterte den Mann aufmerksam. »Dabei ist er mausetot. Das Ding auf seiner Stirn ist ein Loch und kein Bindi. Außerdem fehlt ihm ein großer Teil des Hinterkopfes. Er ist erschossen worden.« »Da legts dich nieder, ein Mord auf unserer schönen Postalm!«, rief Sepp aus. Dann übergab er sich.






~~ Leseprobe ~~

Donnerstag, 28. Mai 2015 
Leopold Bachlinger stieg mühsam in sein Auto ein. Das Schließen der Wagentür kostete ihn Kraft. Er keuchte schwer. Sein Gesicht, sein Brustkorb, der ganze Körper schrien vor Schmerz. Das Blut aus der gebrochenen Nase rann in seinen offenen Mund. Er fühlte sich elend, war kaum imstande zu fahren. Die Fahrertür wurde aufgerissen. Erstaunt blickte Leopold in ein vor Zorn verengtes Augenpaar. »Was willst du noch?« »Du bist ein Mistkerl! Du willst mich bescheißen, willst mit der Kohle abhauen!« Die Knochen der geballten Fäuste seines Gegenübers ließen die Haut wächsern erscheinen. Das Gesicht war zur Maske erstarrt. »Das geht dich überhaupt nichts an. Du hättest sowieso nichts bekommen.« Gleichgültig wandte sich Leopold ab, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Zündschlüssel. Beiläufig brummte er: »Das war sowieso nie für dich gedacht.« Wie der Angriff einer Schlange schnellte eine Hand ins Wageninnere, traf die Halsschlagader von Leopold mit der scharfen Klinge eines Cutter-Messers. Blut spritzte in einer pulsierenden Fontaine über das feine Leder der Türverkleidung, färbte die Kieselsteine, auf denen er geparkt hatte, rot. »Bist du wahnsinnig?«, brüllte Bachlinger. Er drückte mit einer Hand die Wunde zu, wollte mit der anderen zum Angriff übergehen. Kaum war er ausgestiegen, versagten ihm die Beine den Dienst. Er taumelte vorwärts, krachte mit dem Kopf gegen die hölzerne Hauswand. Er rutsche an ihr hinunter, drehte sich, kam auf dem Hosenboden zu sitzen. Sein Gesicht war kreidebleich, das kalte Blau seiner stechenden Augen verlor stetig an Kraft. »Was soll das, ... willst du ... mich ... umbringen?«, schnaufte er. »Umbringen, keine schlechte Idee. Dir weint ohnehin keiner nach.« Panik stieg in Leopold auf. Er beugte sich nach vorn, wollte aufstehen. Kraftlos brach er den Versuch ab. 

»Waa ... maa ... u?«, nuschelte er, die Hand fest auf die Wunde gepresst. Übelkeit überkam ihn, alles drehte sich. Ihm wurde schwarz vor Augen. Der Kreislauf existierte faktisch nicht mehr, sein Gehirn meldete sich ab. »Schau mal was ich hier gefunden habe? Das ist genau das Richtige für einen Holzkopf, wie du einer bist.« Leo hörte die Drohung nicht mehr. »Mueller hier. Das Treffen ist anders verlaufen als erwartet. Leopold Bachlinger ...« »Keine Namen am Telefon!« »Wir müssen uns treffen.« »Ach ja? Müssen wir?« »Aber Herr von ...« »Lernen Sie es nie, Sie Idiot?! Wie hat es mein Vater nur so lange mit Ihnen ausgehalten. Okay, am Samstag neun Uhr morgens auf dem Schloss.« »Muss es denn so früh sein?« Sein Gesprächspartner hatte aufgelegt. »Nun denn, Frau Revierinspektorin, Ihre erste Woche beim LKA, Ihr erster Mordfall. Legen Sie los, enttäuschen Sie mich nicht!«, forderte sie Leutnant Willi Linz mit angespannter Stimme auf. Die neue Kollegin Anna Tanzberger passte ihm überhaupt nicht in den Kram. Sein voriger Partner Hans Brandhasl absolvierte seit nunmehr einem Jahr eine Ausbildung für eine höhere Laufbahn und war vom aktiven Dienst freigestellt. Linz, ein attraktiver Endzwanziger, war schlank, etwa einen Meter achtzig groß und äußerst gepflegt. Die auf sein schwarzes Haar geschobene Sonnenbrille gab seine grünen Augen frei. In dem beigefarbenen Anzug, einer Seidenkrawatte und braunen Oxford-Schuhen war er mit Sicherheit der am besten gekleidete Mann auf der Postalm. Seine Partnerin hatte ihr blondes langes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt, hochgewachsen und hatte ein freundliches, ovales Gesicht mit strahlend blauen Augen. Ihre Figur stand der einer berühmten Action-Heldin in nichts nach. Anna trug einen dunkelblauen Hosenanzug, darunter ein schlichtes weißes T-Shirt. Ihre hochhackigen Cavalli-Pumps hatte sie im Auto gegen gepunktete, pinkfarbene Gummistiefel getauscht.

Linz und Anna hatten sich vor über einem Jahr im Zuge der Ermittlungen auf der Postalm im Fall des deutschen Großinvestors Peter Vogel kennengelernt. Sie arbeitete zu jener Zeit bei der Polizeiinspektion Abtenau, er und Brandhasl waren die zuständigen Ermittler des LKA Salzburg. Unter Druck hatte Linz überstürzt einen Verdächtigen verhaftet. Anna war von der Unschuld des Verhafteten überzeugt und hatte Linz vor den Kollegen auf seinen Fehler hingewiesen. Aus diesem Grund war er ganz und gar nicht mit der Wahl seines Vorgesetzten einverstanden. Er trauerte der reibungslosen Zusammenarbeit mit seinem Kollegen und Freund nach. Anna und Linz standen zwei Meter von der Leiche entfernt. Sie leistete der Aufforderung ihres Partners Folge: »Also, seine erheblichen Verletzungen verdecken nicht, dass er viel Wert auf sein Äußeres gelegt hat. Sieht nicht aus wie jemand, der hier hingehört. Ein Banker oder Immobilienmakler, würde ich annehmen. Er ist muskulös, eher durch Training im Fitnessstudio als durch schwere Arbeit. Er war kürzlich beim Frisör, seine Hände sind sauber, die Fingernägel manikürt. Seine Kleidung war nicht billig. Die Jacke ist aus Hirschleder, Hose und Hemd vom Herrenausstatter, keine Massenware, alles neu. Die Schuhe passen nicht zum übrigen Outfit, Mokassins aus Veloursleder. Nicht mein Geschmack, ebenfalls teuer. Das Logo ist von Armani. Die Hose ist trocken, also sitzt er noch nicht lange vor dieser Wand, wenige Stunden, vermute ich. Außerdem ist der Gasthof bis abends bewirtschaftet, jemand hätte ihn bemerken müssen.« Sie kauerte sich hin, um den Toten besser betrachten zu können. »Die Nase ist gebrochen. Das Gesicht leicht deformiert. Monokelhämatom. Das Blut ist aus mehreren Wunden geflossen, viel Blut. Er ist misshandelt worden. Abgesehen von der Axt in seinem Hals ein gut aussehender Mann. Ich schätze ihn auf kaum älter als Mitte dreißig. Was meinen Sie, Herr Linz?« »Ja, das Alter könnte hinkommen. Nun machen Sie schon, was sehen Sie noch?« »Hm, seine Schuhe sind zu sauber, als dass er zu Fuß unterwegs gewesen wäre. Dann ist das hier wohl sein Fahrzeug, ein Land Rover Discovery, ziemlich neu. Dr. Brenninger sagte etwas von 800 Kilometern auf dem Tachometer.« »Ja, könnte sein. Was noch?«, fragte Linz ungeduldig. 

Anna wurde unruhig. Sie fühlte, wie er sie absichtlich bedrängte, in einen Fehler treiben wollte. »Keine sichtbaren Abwehrspuren. Raubmord können wir ausschließen. Die Uhr an seinem Handgelenk ist eine Breitling Navitimer aus Gold, weit über 10000 Euro wert. Der Wagen hat ein Halleiner Kennzeichen, ist möglicherweise von hier. Da die Leiche an einem öffentlichen Platz liegt, war es dem Täter anscheinend egal, ob und wann man sie findet. Die Fußspuren rund um die Hütte werden nicht brauchbar sein, hier kommen täglich Dutzende Gäste entlang. Vom Kies ganz zu schweigen.« Anna erhob sich, trat behutsam einen Schritt nach vorn. Sie wollte ihre erste Mordermittlung nicht mit der Verunreinigung des Tatortes beginnen. »Sehen Sie, Herr Linz«, sie zeigte auf eine kleine Kerbe im Holz, »dort neben dem Toten ist ein kleines Dreieck frisch herausgebrochen. Unser Opfer hat wahrscheinlich an der Wand gesessen, als er umgebracht wurde.« Linz hob erstaunt die Augenbrauen, beugte den Oberkörper nach vorn. Die Vertiefung war ihm nicht aufgefallen. »Gut beobachtet, Frau Revierinspektorin«, murmelte er, drehte sich zur Seite. »Georg, kommst du mal? Wir haben hier was.« Der Leiter der Kriminaltechnik des LKA Salzburg, Dr. Georg Brenninger, war ein eher kleiner Mann Ende dreißig. Der weite Schutzanzug verbarg den sehnigen Körper eines Ausdauersportlers, aber nicht den blonden Haarschopf und die zu groß geratene Nase. Vorsichtig ging Brenninger über die Kieselsteine, ständig bedacht, keine Beweise zu vernichten. Er musterte den Toten. »Was hast du gefunden, Willi?« »Nicht an ihm«, Linz wies auf die frische Einkerbung im Holz der Fassade, »neben ihm.« »Oh, das ist uns durch die Lappen gegangen. Bloß gut, dass du ein scharfes Auge hast.« »Das war nicht ich, ihr ist es aufgefallen. Könnte ein Axthieb die Ursache sein?« »Ja, durchaus, scheint neu zu sein.« Brenninger bückte sich, berührte die Scharte vorsichtig mit den behandschuhten Fingerspitzen. Er rief den Tatortfotografen. »Uns ist eine Spur entgangen, Gustl, eine Beschädigung der Holzverkleidung rechts neben dem Opfer. Halte dich ran mit den Aufnahmen, der Professor muss jeden Augenblick eintreffen.« Wie aufs Stichwort hielt neben dem Krankenwagen ein silberner VW-Passat, aus dem ein schlaksiger Mann im grauen Anzug mit der für ihn typischen Fliege aus Tartan stieg. Es war Rechtsmediziner Professor Dr. Dr. Anton Unterkircher. Seine schwindende Kopfbehaarung verdeckte er neuerdings mit einem Borsalino. »Entschuldigen Sie die Verspätung meine Herren, Frau Tanzberger. Auf der A10 gab es einen schweren Unfall, der Rückstau ist gewaltig. Die Kollegen mit dem Leichentransporter werden eine Weile brauchen. Sie, Herr Linz, müssen gerade noch so durchgekommen sein. Gut, was haben Sie dieses Mal für mich?« »Der Tote wurde heute gegen acht Uhr entdeckt«, antwortete Brenninger. »Der mit reichlich Blut benetzte Kies und eine Probe des Blutes von der Hauswand sind sichergestellt, die Tatortfotos gemacht. Die Tatwaffe, eine Axt, liegt dort in einer Beweismitteltüte verpackt. Sie können sich also frei bewegen, Herr Professor.« »Schön, das erleichtert meine Arbeit, Herr Kollege.« »Wir haben weder Brieftasche, Handy, Ausweis noch Fahrzeugpapiere gefunden. Zur vorläufigen Identifizierung werden Sie Fingerabdrücke nehmen müssen. Das Auto gehört einem gewissen Bachlinger aus Grenzbach. Der muss nicht zwangsläufig das Opfer sein. Brauchen Sie uns noch, Herr Professor?« »Im Moment nicht, danke.« Unterkircher war ganz in seine Untersuchung vertieft. »Ich melde mich.« Anna sah abwechselnd zu Linz und Brenninger. »Was möchten Sie uns denn mitteilen, Frau Revierinspektorin? Haben Sie noch etwas entdeckt, das uns verborgen geblieben ist?« »Mir ging nur so eine Sache durch den Kopf, Herr Linz. Ein Beil ist zu sperrig, als dass ich es für einen geplanten Mord mitbringen würde.« »Wie meinen?«, fragte Brenninger. »Auch wenn das Opfer aussieht, als ob es vor seinem Ableben durch die Hölle gegangen wäre, weist die Axt eher auf eine spontane Eingebung hin. Kann es also sein, dass die Tatwaffe von Holzfällern vergessen worden ist? Ein blöder Zufall, ich weiß. Doch auf der Postalm, wo der Waldbestand gut gepflegt wird, nicht unmöglich. Deshalb habe ich nach entsprechenden Spuren gesucht. Zwischen frischem Sägemehl gibt es unzählige Fußabdrücke, sowohl von Arbeits- als auch Wanderschuhen. Die werden uns leider nicht weiterhelfen. Zumindest sind hier kürzlich Forstarbeiter am Werk gewesen.« 

Georg schaute ihr mit ernster Miene in die Augen. Dann hob er die Brauen, sein Gesicht öffnete sich zu einem Lächeln. »Sie überraschen mich stets aufs Neue, Frau Tanzberger. Schon seit dem ersten Fall, bei dem wir mehr oder weniger zusammengearbeitet haben. Ich freue mich, dass Sie zu uns gekommen und nicht nach Wien gegangen sind.« Anna wurde puterrot. Sie zupfte an ihrer Jacke, strich verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr. »Und, was hältst du davon, Willi?« »Ein ausbaufähiger Gedanke, nur nicht ihre Aufgabe.« Brenninger überhörte das Genörgel. »Ein guter Ansatz«, ermutigte er die neue Kollegin. »Ich werde sehen, ob wir den Käufer des Werkzeugs ermitteln können.« Er grinste seinen Freund an. »Uh, du hast ein Problem, mein Bester. Sie stiehlt dir die Show.« Linz ging nicht auf die Stichelei ein, der Professor hatte ihn gerufen. »Herr Leutnant, ich bin soweit. Meine vorläufige Untersuchung hat Folgendes ergeben: Frakturen an Os nasale sowie Os jugale.« Unterkircher stockte, schaute zu Linz auf. »Für Sie: gebrochenes Nasen- und Jochbein. Platz-, Quetsch- und Risswunden an Oberkörper, Gesicht, Ohr und Schläfe. Anhand der Totenstarre und der Lebertemperatur kann ich den Todeszeitpunkt auf heute Morgen zwischen halb sieben und halb acht eingrenzen, genaueres wie immer nach der Obduktion. Ich konnte Fingerabdrücke nehmen, aber der Empfang des Online-Gerätes ist wieder einmal zu beklagen, maximal EDGE. Wenn Sie zurück in Salzburg sind, haben Sie das Ergebnis auf dem Tisch.« »Wären Sie so freundlich, Herr Professor, mir Name und Adresse des Toten zu mailen? Das heißt, falls wir ihn im System haben. Dann bekomme ich es auf mein Handy. Wir sind sicher noch einige Zeit hier oben oder in Abtenau.« »Natürlich, Herr Linz, das ist keine Mühe. Wenn ich die Alm hinter mir gelassen habe, ist der Verbindungsaufbau kein Problem. In einer halben Stunde haben Sie, was Sie brauchen.« »Was ist mit der Axt? Ist das die Tatwaffe, oder wollte jemand etwas verschleiern?« »Axt?" »Jaaa, genau." »Welche Axt?« »Herr Professor? Die in seinem Hals steckte.« »Ah ... so. Das ist keine Axt, das ist ein Spalthammer. Wie es bisher aussieht, ist er die Tatwaffe.« »Ein Spalthammer …« »Herr Linz, zwischen beiden Werkzeugen bestehen wesentliche Unterschiede. Die Schneide des Spalthammers hat einen stumpferen Winkel als die der Axt. Seine Rückseite ist wie ein Hammer gestaltet. Am gravierendsten für unseren Toten war jedoch die Differenz im Gewicht. Gewöhnlich wiegen Äxte zwischen 1,5 und 2 kg, Spalthämmer sind deutlich schwerer. Der, den unser Opfer so überaus unglücklich aufgefangen hat, liegt bei annähernd 4 kg. Nicht einmal ein Helm hätte das Gerät gestoppt! Da hat jemand mit viel Kraft oder Wut das Werkzeug geschwungen. Der Oberkörper wurde vom Hals bis zum Brustbein aufgebrochen. Alles Weitere nach der Autopsie. Die macht dieses Mal übrigens mein Assistent, Herr Ferenc Szabó. Ab heute Abend bis einschließlich Sonntag habe ich frei. Mein neues Buch erscheint, es wird Samstag in Wien vorgestellt. Ich werde eine Lesung abhalten. Sie sind herzlich eingeladen.« »Vielen Dank! Ich glaube, ich kann nicht nach Wien kommen, Herr Professor, leider. Die Arbeit an diesem Fall wird mich so schnell nicht loslassen.« »Natürlich, ich verstehe. Dann viel Erfolg, Herr Linz, und schon mal ein schönes Wochenende.« 

Während der Rechtsmediziner zusammenpackte, stellte sich Brenninger neben Linz. »Hat er gerade einen Witz gemacht? Ist er krank?« »Ich weiß auch nicht, Georg, ich bin ganz perplex. So etwas wie ›unglücklich aufgefangen‹ hat er noch nie von sich gegeben.« »Wir sollten das nicht überbewerten. Eine Grippe oder Ähnliches könnte ihm das Hirn vernebelt haben.« »Ich höre Sie, Herr Dr. Brenninger«, kommentierte Unterkircher in freundlichem Singsang, den Kopf halb in den Kofferraum gesteckt. Ehe sich Brenninger entschuldigen konnte, kam Anna auf sie zu. »Sollen wir jetzt mit den Zeugen reden, die unsere Leiche gefunden haben, Herr Linz?« »Ja, hier sind wir erst einmal fertig. Fragen Sie die Abtenauer Kollegen, wo die Leute sind.« Als sie zurück war, schüttelte sie noch immer mit dem Kopf. »Das wird nichts, Herr Linz. Das Ehepaar ist aus Bulgarien, spricht kein Wort Deutsch. Der Mann am Kiosk hat aus ihren Gesten geschlossen, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.« »Was nun?« »Der angeforderte Dolmetscher wird nicht vor fünfzehn Uhr eintreffen. Bis dahin müssen die Zeugen in der Blonden Hütte warten. Die Kosten für deren Getränke und Essen wird wohl die Staatskasse übernehmen müssen.« »Was ist mit dem Besitzer der Blonden Hütte? Haben Sie mit ihm gesprochen?« »Selbstverständlich, Herr Linz. Herr Peter Pranis hat mit seiner Freundin auf dem Großmarkt eingekauft. Die beiden waren erst um neun zurück, das heißt nach dem Leichenfund.« »Kannte er den Toten?« »Herr Pranis sagt, er kommt ihm bekannt vor. Vielleicht war er vor Kurzem als Gast hier.« »Gut. Unterkircher ist auf dem Weg ins lange Wochenende, das Opfer zur Gerichtsmedizin, und die Forensiker werden zurück nach Salzburg fahren. Um das Abbauen des Sichtschutzes und der Absperrung kümmern sich die Kollegen aus Abtenau.« Annas Blicke schweiften über den Tatort, blieben an der Hüttenwand hängen. »Was ist eigentlich mit dem Blut? Wer macht das weg?« »Im Allgemeinen veranlasst das Dr. Brenninger. Für die Reinigung gibt Spezialisten. Bis dahin will er die Stelle provisorisch mit Folie abdecken. Ich bin froh, dass die Untersuchungen abgeschlossen werden konnten, bevor es hier vor Gästen nur so wimmelt. Schaulustige mit ihren Handykameras sind mir ein Graus.« Linz legte eine wohlbedachte Pause ein. Anna gab keinen Kommentar ab. »Gut. Hier können wir nichts mehr tun. Fahren wir nach Abtenau und besuchen Ihre alte Inspektion. Sicher wird dort jemand den Toten kennen.« »Falls er von hier ist«, bemerkte sie. Anna steuerte das Dienstfahrzeug durch die engen Kurven Richtung Tal. Auf halbem Wege piepste es zwei Mal. Beide griffen zu ihren Mobiltelefonen. Es war für Linz. »Unterkircher hat eine SMS geschickt. Unser Mordopfer ist der 35-jährige Leopold Bachlinger aus Grenzbach bei Abtenau.« Er tippte ein schnelles ›vielen Dank‹ in sein Handy, verschickte die Nachricht. »Na dann geben Sie Gas, Frau Revierinspektorin. Hören wir, was uns Ihr ehemaliger Chef über den Toten berichten kann.« Fünfhundert Meter tiefer leerte sich Abtenaus gotische Pfarrkirche Sankt Blasius. Die Menschen bildeten eine Prozession, an deren Spitze ein offener Leichenwagen in Schritttempo fuhr. Ihm folgten der Pfarrer, gehüllt in ein violettes Messgewand, die Messdiener in Schwarz, dahinter die Familie und zum Schluss diejenigen, die dem Toten die letzte Ehre erweisen wollten. 

Der Trauerzug erstreckte sich vom Kirchplatz über den Markt bis hin zur Raiffeisen Bank, als die Letzten die Kirche gerade erst verließen. Die Abtenauer Polizei hatte die Hauptstraße abgesperrt. Bezirksinspektor Frans Krispler hatte seinen Posten auf Höhe der Dampfbäckerei Hauser bezogen. Sein Kollege Inspektor Thomas Neue und sein Chef Kontrollinspektor Stefan Mannbarth standen vor der Raiffeisenbank. »Vier, acht, zwölf, sechzehn, zwanzig, vierzig, sechzig, achtzig, hundert.« »Was machen Sie da, Thomas?« »Ich zähle, Chef.« »Das höre ich. Was zählen Sie?« »Die Trauergäste, Chef. Zweihundert, vierhundert, vierhundertzwanzig. Insgesamt rund vierhundertfünfundzwanzig. Vielleicht zehn mehr. Kinder sind leicht zu übersehen. War der Tote denn so beliebt?« »Nein. Dann wären es durchaus tausend Leute gewesen.« »Tausend? Müssten wir dafür halb Abtenau absperren, Chef?« »Kann schon sein.« »Warum war er unbeliebt, Chef?« »Er war kein schlechter Mensch, lebte aber sehr zurückgezogen. Den hat in den letzten Jahren außer seiner Familie kaum jemand gesehen.« »War er denn so alt oder gebrechlich, Chef?« »Alt schon, weit über neunzig. Gebrechlich – ich weiß nicht. Er hat immer noch die umliegenden Berge bestiegen. Zumindest bis vor zwei, drei Jahren.« »Was machen dann all die Leute hier, wenn er nicht beliebt war, Chef?« Neue plapperte munter weiter: »Als mein Onkel voriges Jahr in Innsbruck beerdigt wurde, waren gerade mal elf Personen da. Meine Eltern, mein Cousin und ein paar Geschäftsfreunde, die sicher sein wollten, dass er wirklich unter die Erde kommt.« Mannbarth seufzte. »Das ist auf dem Land anders, Thomas. Wir erweisen dem Verstorbenen die letzte Ehre. Das hat nichts damit zu tun, ob er nett war oder nicht. Er hier ist alt geworden, hat viel gesehen, viel mitgemacht. Hat zwei seiner drei Kinder überlebt. Bei uns kommt man nicht, weil man erben könnte. Das ist meist Jahre vor dem Ableben geregelt.« »Respekt«, murmelte Neue. »Richtig Thomas, es geht um Respekt.« »Kennen Sie alle Abtenauer, Chef?« »Die meisten schon. Manche näher, manche vom Sehen, andere vom Wegsehen. Der hier war allerdings aus Grenzbach.« »Seit wann sind Sie …« »Sch!«, unterbrach ihn Mannbarth genervt, hielt den Zeigefinger vor die Lippen. »Achten Sie auf eventuelle Fahrzeuge!« Die Prozession hatte gewendet, war auf dem Weg zum Gottesacker. Der Kontrollinspektor fühlte, wie jemand auf seine rechte Schulter tippte. Er drehte sich um. »Guten Tag, Herr Mannbarth!« Anna strahlte ihn an. »Wie geht es Ihnen?« Mannbarths Gesicht erhellte sich. »Mensch Anna, schön dich zu sehen!« Er musste sich zurückhalten, seine frühere Kollegin nicht zu umarmen. »Du siehst großartig aus, lass dich anschauen.« Sie bekam kein Wort heraus. Die Herzlichkeit ihres ehemaligen Vorgesetzten überwältigte sie. Seine väterliche Art ließ sie die Wärme spüren, die ihr über den Tod ihres leiblichen Vaters hinweggeholfen hatte. Es war Mannbarth, der sie überredet hatte, sich beim LKA Salzburg zu bewerben. ›Polizisten wie dich brauchen die da ganz dringend. Eine die mitdenkt, auch mal über den Tellerrand hinausschaut‹, hatte er gesagt. Nun stand er vor ihr, hielt ihre Hände in den seinen, begutachtete sie von oben bis unten. »Das steht dir noch besser als die Uniform, fesch. Behandelt er dich auch gut?« Er nickte in Richtung ihres neuen Partners. »Ja, danke. Wir gewöhnen uns langsam aneinander. Herr Linz hilft mir sehr. Ich werde viel von ihm lernen können.« Das war das Stichwort. Mannbarth begrüßte Linz mit Handschlag. »Grüß Gott, Herr Leutnant. Da hat Sie also ein weiterer Mord auf der Postalm in unsere Gemeinde verschlagen. Wie lange ist das her? Ein Jahr?« »Etwas mehr sogar, Herr Kontrollinspektor.« Im April 2014 hatten sie gemeinsam am Fall Peter Vogel gearbeitet. Dessen Leiche hatte vier Wochen lang unter Schnee begraben vor einer Almhütte gesessen, bevor sie entdeckt wurde. Der Mord hatte viel Staub aufgewirbelt, war durch die internationale Presse gegangen. Es war Linz’ bisher größter Fall. »Wissen Sie schon, wer der Tote ist, Herr Leutnant?« »Ja, es handelt sich um Leopold Bachlinger. Sagt Ihnen der Name etwas?« »Ja sicher. Aber das muss ein Irrtum sein. Leopold Bachlinger ist da vorne«, Mannbarth drehte sich um, zeigte auf den Leichenzug. »Wie bitte? Was meinen Sie mit ›da vorne‹?«, fragte Linz irritiert. »Na, der Erste da.« Linz runzelte verständnislos die Stirn. »Der Priester?« »Pfarrer Semmeling ist der Zweite, der Erste liegt in der Kiste.« Anna und Linz schauten sich ungläubig an. Das war wohl eine Verwechslung. »Ich denke nicht, dass wir jenen Leopold Bachlinger meinen. Unserer saß tot auf der Postalm an der Blonden Hütte. Wie alt war dieser hier?« »Siebenundneunzig.« »Sehen Sie, unserer ist fünfunddreißig geworden, könnte also sein Enkel sein.« »Über eins neunzig groß, kräftige Statur, blond, hübsches Gesicht?« »Ja genau«, bestätigte Anna, »Sie kennen ihn?« »Es ist der Enkel.« Mit einem Mal wirkte Mannbarth niedergeschlagen. »Sein Großvater ist vor sechs Tagen gestorben. Was genau ist mit dem kleinen Leo passiert?« Linz nickte seiner Kollegin zu. »Als er heute Morgen aufgefunden wurde, steckte ein Spalthammer in seinem Hals. Laut Professor Unterkircher wurde er zwischen 6:30 Uhr und 7:30 Uhr umgebracht.« »Oh, verdammt, wieder ein Schlag für die Familie! Im Februar seine Frau, letzten Freitag sein Vater. Nun kommt ihr mit seinem Sohn, dem kleinen Leo. Ich weiß nicht, ob er das noch ertragen kann. Sein Herz macht schon länger nicht mehr richtig mit.« Er kennt die Familie gut, dachte Anna. »Wie sind denn die anderen beiden gestorben?« »Leos Mutter war seit Jahren schwer krank, Diabetes. Leos Großvater war alt und ist im Pflegeheim verschieden. 

Der Arzt ging in beiden Fällen von einer natürlichen Todesursache aus.« »Ist denn der Vater des jungen Bachlinger auf der Beerdigung?« »Ja, Herr Leutnant, der Erste hinter den Messdienern. Der mit dem schwarzen Janker und dem großen Gamsbart am Hut.« Mannbarths Augen wurden größer. »Sie wollen sofort mit ihm sprechen? Kann das nicht noch warten?« »Nein, ich möchte ihn schnellstmöglich befragen.« »Also mal ehrlich, Herr Leutnant«, entrüstete sich Mannbarth. »Meinen Sie, wenn er wüsste, dass sein ältester Sohn ermordet worden ist, wäre er jetzt hier? Er hat sicher keine Ahnung.« Anna bemühte sich um einen Kompromiss. »Wie lange sollten wir denn warten?« »Zwei, drei Stunden bestimmt. Eine, bis die Zeremonie auf dem Friedhof beendet ist, zwei weitere bis nach der Bewirtung der Angehörigen und Freunde.« Linz wischte das Angebot mit einer Handbewegung weg. »Nein, so funktioniert das nicht. Ich brauche unverzüglich alle Informationen, die er mir geben kann und nicht erst in drei Stunden.« »Können wir wenigstens warten, bis die Beerdigung vorüber ist?«, schlug Anna vor. »Den Mann jetzt von dort wegzuholen, halte ich für keine gute Idee.« »Recht hat sie. Leopold sollte die Gelegenheit bekommen, sich von seinem Vater zu verabschieden.« Anna sah Mannbarth fragend an. »Leopold? So heißt doch unser Mordopfer und wie Sie sagten auch sein Großvater.« »Es ist Tradition, dem erstgeborenen Sohn den Vornamen des Vaters zu geben. Deshalb heißen alle drei, also Großvater, Vater und Sohn, Leopold Bachlinger. Nein, warten Sie, selbst der jüngste Spross der Familie, Leos Sohn, trägt diesen Namen.« Na prima, dachte Linz. Er lenkte ein. »Ich bin einverstanden, bis zum Ende der Beerdigung zu warten. Frau Tanzberger und ich müssen ohnehin mittagessen. Wir sind um Viertel nach zwei bei Ihnen auf der Inspektion. Wären Sie so freundlich, Herrn Bachlinger zu sich zu bitten? Wir werden die Befragung nicht unnötig in die Länge ziehen. Wahrscheinlich wird keinem seine kurze Abwesenheit auffallen.« »In Ordnung.« Mannbarth war erleichtert. »Er wird um 14:15 Uhr bei mir sein. Entweder gehen Sie zur Post. Die kennen Sie ja schon. Oder gegenüber zum Ledererwirt. Dann müssten Sie die Straße hundert Meter weiter überqueren, um die Prozession nicht zu stören.« »Danke für den Tipp«, sagte Anna. »Bis später!« »Bis später!« Mannbarths Gedanken kreisten um die Familie Bachlinger. Zwei Tote in einer Woche. Es wird 9 keine einfache Aufgabe werden, dem Senior mitzuteilen, dass auch sein Sohn nicht mehr lebte und zudem ermordet wurde. 



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